oder:
Die Geschichte einer Hassliebe
Hassliebe ist vielleicht das richtige Wort für das, was ich dieser bekloppten mongolischen Art der Unzuverlässigkeit, oder nennen wir es positiv Spontaneität, entgegenbringe.
Anscheinend sind einige angeblich typisch deutsche Tugenden mir tief ins Fleisch gebrannt. Zum Beispiel Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Ich werd nervös, wenn ich weiß dass ich es nicht mehr pünktlich zum Unterricht schaffe – obwohl ich weiß, die Studenten kommen eh noch 10 Minuten später. Die haben auch keine Hemmungen, 60 Minuten zu spät zu kommen und dann 10 Minuten vor Schluss zu gehen. Bei Lehrstuhlfeiern bin ich immer die erste, obwohl ich schon extra rumbummele. Man kann hier nicht zu spät kommen, und wenn man gar nicht kommt, ist es auch egal. Verabredung 5 Minuten nach verabredeter Zeit dann doch absagen? Kein Problem!
Ich funktioniere da aber anders. Ich muss mich immer selbst beruhigen, dass es nicht schlimm ist zwei Minuten zu spät zu sein - und schaffe es doch nicht. Ich komme nicht gerne zu spät und eigentlich komme ich wirklich nie zu spät. In dem Wissen, dass es ganz normal ist, sage ich hier jetzt auch mal Verabredungen ohne Begründung ab, wenn ich doch keinen Bock drauf habe. Habe dann aber trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich bin so blöd. Die anderen nicht.
Ich habe ja eigentlich damit gerechnet, trotzdem habe ich mich totgeärgert: Unser Karakorum-Ausflug findet natürlich nicht statt. Otgoo hat aber nicht mal abgesagt. Er hat gestern meine Anrufe nicht angenommen und dann das Handy ausgemacht, und heute hat mir Uyanga irgendwann nebenbei mitgeteilt, dass er keine Zeit hat und wir nicht fahren.
Wäre Otgoo ein normaler Mongole, könnte man durchaus unterstellen, dass er sich nichts dabei denkt. Achtung Klischee; es heißt, Mongolen als Nomadenvolk denken nicht sehr weit voraus. Sie planen nicht. Die müssen wissen, wie sie heute und morgen überleben, der Rest ist unwichtig. Das ist vielleicht übertrieben, aber es ist auch nicht ganz unwahr. Ganz viele Studenten haben mir so geantwortet, als ich gefragt habe was sie nach dem Studium machen: Wir sind Mongolen, wir machen uns nicht so viele Gedanken über die Zukunft. Eine Verabredung ist hier immer ziemlich relativ.
Otgoo ist nun aber ein durchaus auch europäisch sozialisierter Mongole. Er hat mir in der Anfangszeit oft genug bewiesen, dass er genau checkt, wie ich denke und welches Verhalten für mich seltsam oder ungewohnt sein könnte. Der weiß genau, dass das für mich nicht normal ist, eine Verabredung (natürlich bisher 74274 mal bestätigt und rückversichert) einfach so mal abzusagen. Erst Recht nicht, sich nicht mal dazu herabzulassen, sie abzusagen. Aber ganz offensichtlich hätte er gern, dass ich weinerlich anrufe, und ihm sage wie sehr ich seine Hilfe brauche oder wie schade es ist, dass er sich nicht um mich kümmert. Das war beim Visum so, das ist jetzt so.
Kriegt er aber nicht.
Dämlicher Affe, das sei hiermit inbrünstig herausgeschleudert. Und ist auf jeden Fall eine der harmloseren Dinge, die mir heute zu ihm einfallen, aber ich will mich mal so weit es geht in Beherrschung üben. Auf jeden Fall habe ich die Schnauze restlos voll von ihm und seinem dämlichen Affengelaber. Einmal werde ich noch seinen Telefonanruf, der vielleicht irgendwann kommt, entgegennehmen, um ihm zu sagen, dass ich keinen Kontakt zu dämlichen Affen wünsche. Ok, wahrscheinlich werde ich das netter sagen. Ich bin nämlich leider nicht nur pünktlich und zuverlässig, sondern auch höflich, oder zumindest nicht vorsätzlich unverschämt. Aber dann - nie wieder. Leck mich doch am Arsch, das hab ich echt nicht nötig.
Ja, das ist der Hass-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität, oder nennen wir es negativ Unzuverlässigkeit. Zugegebenermaßen heute extrem projiziert auf eine Person.
Der Liebes-Teil ist der, den ich zum Beispiel in Erlian, mit den zehn Mongolen auf den Jeep wartend, erlebt habe. Da wird sich nicht aufgeregt. Kommste heut nicht, kommste morgen, irgendwie geht das schon. Da wird keine Energie verschwendet. Das ist cool.
Der Liebes-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität kommt aber auch voll zum Tragen, wenn ich dann, wutschnaubend rumorganisierend, wie ich den blöden Karakorum-Trip jetzt allein hinbekomme, weil ich mich von dämlichen Affen nicht um schöne Erlebnisse berauben oder mich zum an-ihrer-Tür-kratzen-und-bitte-bitte-winseln bringen lassen will, eine viel bessere Lösung finde.
Ich habe in der Uni eine Lehrerin gefragt, ob sie zufällig weiß, wie das mit Minibussen und Unterkunft und so dort ist. Immerhin sind das etwa 6 Stunden Fahrt, das muss man schon überlegen, ob man das an zwei Tagen so schafft, dass es nicht nur stressig ist. Die Lehrerin (mit der mich sonst nicht viel zu reden traue, weil sie immer so böse guckt) guckte mich kurz an und sagte dann: Mein Bruder hat nichts zu tun und versteht ein bisschen deutsch. Der kann euch da eigentlich mit seinem Auto hinfahren und Sonntag zurückfahren. Morgen früh um 8?
Macht der Bruder dann auch mal eben. Spontan 500 Kilometer einfache Strecke. Und für nix außer Benzinkosten und Unterkunft.
„Uns“ schreibe ich, weil ich inzwischen Matylda gefragt hatte und mit wenig Aufwand überreden konnte, mitzukommen; und weil wir uns heute auch mit Yaelle getroffen haben, einer anderen Französin, die seit drei Wochen hier ist, und die spontanerweise auch Lust hätte mitzukommen. Perfekt.
Also, morgen früh um 8 geht es los, und es wird mir ein innerlicher Triumphzug werden. Selbst dann, wenn es in Wirklichkeit erst später losgeht.
Freitag, 14. Mai 2010
Mittwoch, 12. Mai 2010
Wir holen auf
Wettertechnisch.
Ich denke, heute ist vielleicht der erste Tag, an dem ich sagen kann: Ätschbätsch, bei uns ist es ganz sicher wärmer als bei euch.
Keine Ahnung wie warm, ich habe glaube ich meine dementsprechenden innerlichen Messgeräte nicht mehr so richtig unter Kontrolle, nach dem Winter in Litauen und dem Winter hier. Aber jedenfalls trug ich meine Jacke heute den ganzen Tag auf dem Arm und habe beschlossen, sie demnächst einfach nicht mehr mitzunehmen. So machen es die Mongolen nämlich mittlerweile auch. Einige waren heute sogar im T-Shirt unterwegs. Aber das erscheint mir dann doch noch übertrieben.
Richtig schön ist es dann aber doch immernoch nicht. Immernoch ist alles braun und grau, und staubig. Denn jetzt, wo es nicht mehr kalt ist, fehlt es an Wasser, damit was wachsen könnte. Es hat noch nie geregnet, seit ich hier bin; höchstens mal genieselt, aber nichts, was für nasse Straßen geschweige denn nasse Erde hätte sorgen können. Also sieht es weiterhin trübe aus.
Noch dazu kommt jetzt offenbar die Zeit der Sandstürme, und diese Bezeichnung ist nicht übertrieben. Mehr als einmal hatte ich schon so viel Sand in den Mund bekommen, dass es zwischwen den Zähnen knirscht, und nicht selten muss man sich auf der Straße umdrehen und in den Windschatten stellen, um nicht die volle Ladung Straßenstaub ins Gesicht geweht zu kriegen. Und dieser ganze Dreck und Sand schafft es auch in die Wohnung, weshalb mein Laptop schlimmer aussieht als sonst schon. Und weshalb man nachts lieber nicht mit offenem Fenster schläft. Was aber eigentlich schön wäre, denn die Heizung ist immernoch angestellt (die wird hier von außerhalb reguliert, man kann also nicht hoch- oder runterdrehen) und das sorgt nachts für so schlechte trockene Luft, dass ich mittlerweile morgens immer Halsschmerzen habe. Ich schlafe nämlich direkt neben der Heizung.
Ihr seht, man hat es hier selbst im Frühjahr schwer mit dem Wetter.
Ja, und ansonsten hab ich es auch schwer. Denn so langsam habe ich ein bisschen die Schnauze voll. Ich hab ja nur noch 2,5 Wochen über, und dann gehts nach Hause; aber innerlich jubiliere ich diesem Tag entgegen. Die Stadt nervt und ist einfach hässlich und ungemütlich. Die Wohnung nervt und ich bin ohne zu übertreiben auf ungefähr 2 Quadratmeter persönlichen Raum beengt. In dem ich dann nicht selten auch noch akustisch bedrängt werde, wenn zum Beispiel die Mama mit 100 Dezibel ins Telefon schnattert, zwei Meter von mir entfernt. Wenn ich skype, wird allerdings demonstrativ die Tür zugemacht. Ich bin ja anpassungsfähig und robust und anspruchslos, aber auf Dauer ist es doch ziemlich wenig Platz für die eigene Persönlichkeit. Schöne Momente, in denen ich mich einfach wohl fühle und sonst nichts ist, sind rar gesät.
In der Uni ist es ok, aber langsam hab ich auch darauf keine Lust mehr.
Ich habe herausgefunden, dass ich die Studenten auch bewerten soll, also Noten verteilen. Das finde ich einen Witz, der noch dazu nicht wirklich durchführbar ist. Denn ich habe eigentlich von keinem Kurs eine Kursliste oder so bekommen, und (und das kreide ich durchaus mir selber an) ich kenne die wenigsten Studenten mit Namen. Ich habe mich wirklich bemüht und am Anfang immer Namensschilder basteln lassen und versucht, mir die Namen zu merken. Aber mongolische Namen sind für mich einfach schwierige Wörter, die ich nicht einfach so im Kopf behalte, und irgendwann verschwanden die Namensschilder wieder, und ständig zu fragen: Wie heißt du nochmal? kam mir dann auch blöd vor, und so kenne ich jetzt eben die meisten Studenten nur vom Gesicht her.
Dazu kommt, das mein Unterricht nie kontrolliert, überprüft oder sonst wie registriert worden ist. Meine Anweisung war: Viel sprechen, viel Konversation, that's it. Was ich da eigentlich tue, hat mich noch niemand gefragt. Ich habe mir natürlich viel Mühe gegeben, aber eben besonders dafür, Unterricht zu machen, der den Studenten Spaß macht und bei dem sie Lust kriegen, auch mal den Mund aufzumachen und irgendwas zu sagen. Darauf jetzt (rückwirkend) irgendeine Note zu vergeben - geht nicht.
PLUS: ich kenne überhaupt nicht das mongolische Notensystem...
Naja, alles Gründe, jegliche Notenvergabe zu verweigern und mir meine eigenen Gedanken zum mongolischen Bildungssystem zu machen.
Bevor ihr aber alle denkt, ich leide ganz erbärmlich, erzähle ich nochmal ein paar schöne Dinge, die mir zwischendurch widerfahren. Ich treff mich ungefähr jeden Tag mit Matylda. Meistens zum Essen. Die Abnahmeprognose des Doktors ist leider wieder ins Gegenteil verkehrt, ich habe im Moment einen hohen Bedarf an Zucker und Schokolade und Torte und solchen Dingen. Und wir haben indisches Essen entdeckt. Direkt neben der Uni gibts ein Restaurant, da kann man in Kissen rumfläzen und lauter leckere Sachen bestellen. Nadia, ich beneide dich schon ein wenig.
Heute waren wir den ganzen vormittag auf dem großen Markt. Ich habe Stoff gekauft und werd mir eine Jacke nähen lassen, juhu. Und wenn ich mich nicht stark zurückhalte, werde ich noch ganz viel Stoffe einfach so kaufen und mitbringen, für wasauchimmer wannauchimmer mal draus machen. Die sind einfach so schön! Und so billig!
Dann! Werde ich hoffentlich noch ein bisschen rumreisen, in den letzten Tagen. Freitag bis Sonntag soll es eigentlich mit Otgoo und Uyanga nach Karakorum gehen, der alten Dschingis-Khan-Hauptstadt. Dort ist es wunderschön. Ich freu mich, allerdings würd ich mich nicht wundern, wenn mich Otgoo doch noch versetzt. Aber vielleicht fahr ich dann einfach allein hin. Sowas kann ich ja jetzt.
Apropos Otgoo. Ihr erinnert euch an seinen Porsche-Ausflug?
Nun, den Porsche hat er nicht gekauft. Stattdessen ist es ein Mercedes SLK geworden. Cabrio, vor ein paar Tagen hat er es stolz vorgeführt.
Und dann wieder ein paar Tage später kam er zwischendurch vorbei und musste kurz duschen. Denn er war mit offenem Verdeck gefahren. Und wie ich schon erwähnt habe, ist es momentan ziemlich schlimm mit Dreck und Sandstürmen....
Ich denke, heute ist vielleicht der erste Tag, an dem ich sagen kann: Ätschbätsch, bei uns ist es ganz sicher wärmer als bei euch.
Keine Ahnung wie warm, ich habe glaube ich meine dementsprechenden innerlichen Messgeräte nicht mehr so richtig unter Kontrolle, nach dem Winter in Litauen und dem Winter hier. Aber jedenfalls trug ich meine Jacke heute den ganzen Tag auf dem Arm und habe beschlossen, sie demnächst einfach nicht mehr mitzunehmen. So machen es die Mongolen nämlich mittlerweile auch. Einige waren heute sogar im T-Shirt unterwegs. Aber das erscheint mir dann doch noch übertrieben.
Richtig schön ist es dann aber doch immernoch nicht. Immernoch ist alles braun und grau, und staubig. Denn jetzt, wo es nicht mehr kalt ist, fehlt es an Wasser, damit was wachsen könnte. Es hat noch nie geregnet, seit ich hier bin; höchstens mal genieselt, aber nichts, was für nasse Straßen geschweige denn nasse Erde hätte sorgen können. Also sieht es weiterhin trübe aus.
Noch dazu kommt jetzt offenbar die Zeit der Sandstürme, und diese Bezeichnung ist nicht übertrieben. Mehr als einmal hatte ich schon so viel Sand in den Mund bekommen, dass es zwischwen den Zähnen knirscht, und nicht selten muss man sich auf der Straße umdrehen und in den Windschatten stellen, um nicht die volle Ladung Straßenstaub ins Gesicht geweht zu kriegen. Und dieser ganze Dreck und Sand schafft es auch in die Wohnung, weshalb mein Laptop schlimmer aussieht als sonst schon. Und weshalb man nachts lieber nicht mit offenem Fenster schläft. Was aber eigentlich schön wäre, denn die Heizung ist immernoch angestellt (die wird hier von außerhalb reguliert, man kann also nicht hoch- oder runterdrehen) und das sorgt nachts für so schlechte trockene Luft, dass ich mittlerweile morgens immer Halsschmerzen habe. Ich schlafe nämlich direkt neben der Heizung.
Ihr seht, man hat es hier selbst im Frühjahr schwer mit dem Wetter.
Ja, und ansonsten hab ich es auch schwer. Denn so langsam habe ich ein bisschen die Schnauze voll. Ich hab ja nur noch 2,5 Wochen über, und dann gehts nach Hause; aber innerlich jubiliere ich diesem Tag entgegen. Die Stadt nervt und ist einfach hässlich und ungemütlich. Die Wohnung nervt und ich bin ohne zu übertreiben auf ungefähr 2 Quadratmeter persönlichen Raum beengt. In dem ich dann nicht selten auch noch akustisch bedrängt werde, wenn zum Beispiel die Mama mit 100 Dezibel ins Telefon schnattert, zwei Meter von mir entfernt. Wenn ich skype, wird allerdings demonstrativ die Tür zugemacht. Ich bin ja anpassungsfähig und robust und anspruchslos, aber auf Dauer ist es doch ziemlich wenig Platz für die eigene Persönlichkeit. Schöne Momente, in denen ich mich einfach wohl fühle und sonst nichts ist, sind rar gesät.
In der Uni ist es ok, aber langsam hab ich auch darauf keine Lust mehr.
Ich habe herausgefunden, dass ich die Studenten auch bewerten soll, also Noten verteilen. Das finde ich einen Witz, der noch dazu nicht wirklich durchführbar ist. Denn ich habe eigentlich von keinem Kurs eine Kursliste oder so bekommen, und (und das kreide ich durchaus mir selber an) ich kenne die wenigsten Studenten mit Namen. Ich habe mich wirklich bemüht und am Anfang immer Namensschilder basteln lassen und versucht, mir die Namen zu merken. Aber mongolische Namen sind für mich einfach schwierige Wörter, die ich nicht einfach so im Kopf behalte, und irgendwann verschwanden die Namensschilder wieder, und ständig zu fragen: Wie heißt du nochmal? kam mir dann auch blöd vor, und so kenne ich jetzt eben die meisten Studenten nur vom Gesicht her.
Dazu kommt, das mein Unterricht nie kontrolliert, überprüft oder sonst wie registriert worden ist. Meine Anweisung war: Viel sprechen, viel Konversation, that's it. Was ich da eigentlich tue, hat mich noch niemand gefragt. Ich habe mir natürlich viel Mühe gegeben, aber eben besonders dafür, Unterricht zu machen, der den Studenten Spaß macht und bei dem sie Lust kriegen, auch mal den Mund aufzumachen und irgendwas zu sagen. Darauf jetzt (rückwirkend) irgendeine Note zu vergeben - geht nicht.
PLUS: ich kenne überhaupt nicht das mongolische Notensystem...
Naja, alles Gründe, jegliche Notenvergabe zu verweigern und mir meine eigenen Gedanken zum mongolischen Bildungssystem zu machen.
Bevor ihr aber alle denkt, ich leide ganz erbärmlich, erzähle ich nochmal ein paar schöne Dinge, die mir zwischendurch widerfahren. Ich treff mich ungefähr jeden Tag mit Matylda. Meistens zum Essen. Die Abnahmeprognose des Doktors ist leider wieder ins Gegenteil verkehrt, ich habe im Moment einen hohen Bedarf an Zucker und Schokolade und Torte und solchen Dingen. Und wir haben indisches Essen entdeckt. Direkt neben der Uni gibts ein Restaurant, da kann man in Kissen rumfläzen und lauter leckere Sachen bestellen. Nadia, ich beneide dich schon ein wenig.
Heute waren wir den ganzen vormittag auf dem großen Markt. Ich habe Stoff gekauft und werd mir eine Jacke nähen lassen, juhu. Und wenn ich mich nicht stark zurückhalte, werde ich noch ganz viel Stoffe einfach so kaufen und mitbringen, für wasauchimmer wannauchimmer mal draus machen. Die sind einfach so schön! Und so billig!
Dann! Werde ich hoffentlich noch ein bisschen rumreisen, in den letzten Tagen. Freitag bis Sonntag soll es eigentlich mit Otgoo und Uyanga nach Karakorum gehen, der alten Dschingis-Khan-Hauptstadt. Dort ist es wunderschön. Ich freu mich, allerdings würd ich mich nicht wundern, wenn mich Otgoo doch noch versetzt. Aber vielleicht fahr ich dann einfach allein hin. Sowas kann ich ja jetzt.
Apropos Otgoo. Ihr erinnert euch an seinen Porsche-Ausflug?
Nun, den Porsche hat er nicht gekauft. Stattdessen ist es ein Mercedes SLK geworden. Cabrio, vor ein paar Tagen hat er es stolz vorgeführt.
Und dann wieder ein paar Tage später kam er zwischendurch vorbei und musste kurz duschen. Denn er war mit offenem Verdeck gefahren. Und wie ich schon erwähnt habe, ist es momentan ziemlich schlimm mit Dreck und Sandstürmen....
Sonntag, 2. Mai 2010
Going to Ereen – Erlian – Eren Hot (and coming back)
Drei Namen, eine Stadt. Ereen ist der mongolische Name, die Chinesen nennen ihre Stadt Erlian, aber bei Google Maps heißt es Eren Hot.
Und so sieht aus, wenn man in der Abendsonne durch die Steppe dorthin unterwegs ist.

Bahnhof unterwegs

Erlian ist die Stadt auf der chinesischen Seite des einzigen internationalen chinesisch-mongolischen Grenzübergangs. Das bedeutet, alle anderen Nationalitäten, die von China aus durch die Mongolei reisen, müssen hier durch – es gibt keinen einzigen anderen Übergang an der tausende Kilometer langen Grenze. Und das bedeutet, dass ein mongolisches Konsulat, in dem Ausländer ein Visum bekommen, hier ganz gut angesiedelt ist.
Für mein Visum musste ich also „nur“ zwei Kilometer über die chinesische Grenze und dann zurück.
Die Stadt auf der mongolischen Seite der Grenzen heißt Zamin Uud, und hierher kann man täglich mit dem Zug fahren. Ein paar mal die Woche auch weiter bis nach Beijing. Die meisten Züge enden aber hier.

Übrigens hat Batsukh, der Direktor der russischen Schule, sich mal so ausgedrückt: Für die Chinesen sind die Mongolen irgendwie auch eine Art Chinesen. Deshalb brauchen sie (zumindest für 30-Tage-Aufenthalte) kein Visum. Für die Mongolen sind Chinesen aber ganz und gar keine Mongolen, deshalb brauchen Chinesen sehr wohl immer ein Visum. Auch in dieser kleinen Anekdote manifestiert sich ein latenter Chinesen-Hass, dem man immer wieder bei vielen Mongolen begegnet: China ist ok zum billig einkaufen, doch ansonsten kommt von dort nichts Gutes.
Aber um billig einzukaufen, fahren viele Mongolen gern nach China. Einige Bekannte waren ganz aus dem Häuschen, als sie von meiner bevorstehenden Tour erfuhren. Sie haben mich sehr um die Möglichkeit beneidet, mich in Erlian wie wild durch die Märkte shoppen und dann wie die Königin auf meinen Tüten sitzend in einem Taxi ins Hotel fahren lassen zu können.
Die Züge nach Zamin Uud sind also voller kaufwütiger Hauptstädter, die genau wissen, wie das mit dem über-die-Grenze-kommen klappt.
Meine persönliche Internet-Recherche hatte ergeben, dass man die Grenze nicht zu Fuß passieren kann (obwohl das von der Entfernung zwischen den Städten her durchaus machbar wäre), aber das am Bahnhof massenweise russische Militärjeeps warten, die einen als private Taxis für die Standardflatrate von 50 Yuan über die Grenze bringen. Mein Plan war also, in Zamin Uud auszusteigen und irgendwie ein Taxi zu finden, was mich mitnimmt.
Das Taxi fand mich, in Form seines Fahrers, schon am Abend im Zug. „Hello my name is Bold. Ereen? Taxi?“. Bold war ein kleiner Trunkenbold (das konnte man riechen) mit Silberkettchen unter dem aufgeknöpftem Hemd und stylishem Hut auf dem Kopf. Aber da aus meinem Abteil noch eine allein reisende mongolische Frau mit ihm mitfuhr, hab ich mir sinnbildlich deren Hand geschnappt und ihm die Hand drauf gegeben, dass ich am nächsten Morgen auch mit über die Grenze komme. Und das klappte tatsächlich auch reibungslos.
Tatsächlich fährt fast nur eine Sorte Autos rüber, die sehen militärisch aus und sind entweder grün oder grau und haben eine Plastikplane als Dach und einen variablen Rücksitz, so dass man bei Bedarf viele Menschen und/oder viel Gepäck hinein bekommt. Aber das sollte erst bei der Rückfahrt von Bedeutung werden.
Wir passierten also nach viel Formular-Ausfüllen (die die Jeeptaxifahrer alle schon auf Vorrat im Auto haben) unspektakulär die mongolische und die chinesische Grenzkontrolle und um 10 Uhr am Donnerstag war ich problemlos in China angekommen. Und erfuhr als erstes, dass ab Samstag die Grenze für 3 Tage geschlossen sein würde, weil die Chinesen den Feiertag zum 1. Mai sehr ernst nehmen.
Das hat meinen Plan wieder ein klein wenig um den Haufen geworfen, denn eigentlich wollte ich am Samstag wieder in die Mongolei einreisen und zurück nach Ulan Bator fahren, damit mein Visum auch ganz 100% sicher bis zum Tag meines Abflugs gültig ist. Und damit ich, nachdem alles offizielle unter Dach und Fach wäre, noch ein bisschen in Ruhe rumgucken und vielleicht wirklich ein bisschen chinesische Waren einkaufen könnte. Aber bis Dienstag festsitzen wollte ich auch nicht, also stellte ich mich auch Freitag zurückfahren und sonst nicht viel erleben ein.
Das Jeeptaxi setzte uns als nächstes vor einem (mongolischen) Guesthouse ab, in dem ich mit Bayarmaa, der Frau aus meinem Abteil, ein Doppelzimmer nehmen konnte. Übrigens sprachen meine ganzen Begleiter alle kein bis drei Wörter Englisch, aber da ich einen mongolischen Einladungsbrief von Otgoo an das Konsulat dabeihatte, wussten sie was meine Mission war. Kommunikation über die wichtigsten überlebenstechnischen Dinge wie essen und schlafen und Grenzen überqueren klappt zur Not aber wirklich auch auf Händisch und Füßisch. Und so hatte ich ein Zimmer, ohne mich selbst irgendwie danach umgesehen haben zu müssen.
Dann setzten sie mich in ein Taxi, sagten dem Taxifahrer auf chinesisch wohin ich wollte, erklärten mir die chinesischen Flatrate-Taxipreise und ich fuhr zum Konsulat.
Dort erfuhr ich, dass mein Visum bis morgen früh fertig sein würde.
Und ich traf Matylda. Und Matylda hatte genau die gleiche Mission wie ich. Sie war im gleichen Zug wie ich gewesen (allerdings mit einer Gruppe befreundeter Mongolen unterwegs), sie gab im gleichen Moment ihren Visumsantrag ab, wir würden das Visum zusammen abholen, weil wir beide ne Art Extrawurst-Schnellabfertigung bekamen.
Und damit erübrigte sich sofort einfach mindestens die Hälfte aller bösen Gedanken, die man sich überhaupt noch machen kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid, gleiches Problem ist halb so schlimm.
Auch das Matylda das Gerücht kannte, dass die Grenze am Freitag um 14 Uhr geschlossen würde, weil man schon vor einem so wichtigen Feiertag wie dem 1. Mai nur noch die Hälfte der Zeit arbeitet, war da nur noch halb so schlimm. Ich hatte jemand zum an-die-Hand-nehmen, der englisch sprach und mein Problem absolut verinnerlicht hatte. Ich war nicht mehr allein.
Ein Problem, was ich aber noch hatte und Matylda nicht, war das des Rückfahr-Tickets nach Ulan Bator. Ich hatte noch keins, weil ich nicht gewusst hatte, wie lang das alles dauern würde, und dachte, dass es kein Problem ist, alles auch kurzfristig zu regeln.
Daher gingen wir anschließend zusammen zum Bahnhof, denn Matyldas Herde war (natürlich) wild am über die Märkte shoppen und sie hatte eh Zeit. Am Bahnhof in China kann man aber nur chinesische Fahrkarten kaufen. Man muss zum International Ticket Office, das irgendwo ist, wo der Finger der Schalterbeamten hinzeigt. Das könnte auf der anderen Straßenseite sein oder im gleichen Gebäude woanders, wir haben es nicht verstanden. Kompliziertere Fragestellungen wie diese sind mit Händisch und Füßisch dann schon schwieriger zu lösen. Wir haben es jedenfalls nicht gefunden, trotz mehrmaligem Wiederkommen und mehrmaligem Straßen abschreiten und gucken und Leute fragen.
Und dann habe ich beschlossen, dass es mir egal ist und ich das morgen in Zamin Uud erledigen würde, wenn ich zusammen mit Matyldas Gruppe pünktlich vor 14 Uhr mit deren Taxi über die Grenze gekommen wäre, nachdem wir pünktlich unsere Visas abgeholt hätten.
Und dann hatte ich also auch mal ein halbes Auge übrig für dieses China, was sich ja immerhin um mich herum befand. Und eigentlich sehr angenehm war. Breite Straßen, wenig Autos, alle fahren langsam. Niemand hat es eilig. Irgendwie lag über der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Sonntag nachmittag oder spanischer Siesta, obwohl ja mitten in der Woche war. Keine Ahnung, ob das besonders typisch chinesisch ist; ich nehme an, in Beijing geht es anders zu. Aber Erlian ist für chinesische Verhältnisse ein kleines Ministädtchen, in dem sich Radfahrer und Rikschas gefahrlos bewegen können. Nachdem ich einmal zu Konsulat gefahren war, konnte ich mich auch schon selbstständig orientieren und Taxifahrer notfalls einfach mit Handzeichen dirigieren. Das kommt daher, weil die Städte oft nach Reißbrettmuster schnurgrade Straßen haben, es geht also immer irgendwo gradeaus und dann entweder links oder rechts. Auch in Ulan Bator gibt es nur drei größere Parallelstraßen und dann muss man halt nur noch den richtigen Abzweig finden...
Nach dem Bahnhif gingen wir was essen. Speisekarte nur auf mongolisch oder chinesisch? Dann kommt eben mal die Köchin raus und wedelt mit Zucchini und Eier, um zu fragen, ob wir das möchten. Wir wollten das. Alles klappt irgendwie.
Hier ein paar Eindrücke aus China. Ich habe nicht so viele Fotos gemacht.
Viel Platz auf der Straße
Gobi ist Dinosauerier-Land.



Weiß nicht, ob man es erkennt: Beschilderung gibts in der Grenzstadt meistens noch zweisprachig, chinesisch und mongolisch. Und mongolisch hilft mir sogar schon ein bisschen weiter.


auf dem Straßenmarkt

Matylda kauft Ananas
Für alle, die selber drehen...
... und für Körnerfresser


Eins von den kleinen Lädchen ist mein Guesthouse

Wir verbrachten noch ein paar Stunden zusammen, und auch zusammen mit Matyldas Freundin Basara, eine Frau mittleren Alters, die ein paar Jahre in Polen gelebt hat und mit der Matylda auf polnisch redet, und die mit mir auf englisch reden konnte. Dann stellten wir sicher, dass ich morgen auch mit ins Jeeptaxi durfte, und dann ging ich schlafen in meiner kleinen 2,50€-Pension.
Am Freitag Morgen gingen wir nochmal über die Märkte, dann zum Konsulat, erhielten unser Visum, und dann sollte der Rückweg über die Grenze folgen.
Und der war dann doch noch ein bisschen seltsam, konfus und nervenbelastend.
Wir waren wirklich eine riesige Gruppe; 7 Erwachsene und zwei Kinder, plus Fahrer. Eigentlich sollte es wohl zwei Autos geben, aber irgendwie hatte sich ein Fahrer verflüchtigt, und so standen wir lange Zeit ein bisschen ziellos vor dem Hotel und warteten, ohne zu verstehen, auf was eigentlich. 10 Leute in einen Jeep, das könnte irgendwie gehen, denkt man; aber nicht zu vergessen waren diese 10 Leute zum einkaufen hier, und kauften Dinge wie Bügelbretter, Lampen, Flaschen voller Alkohol und weiß der Himmel was. Der Jeep war also eigentlich schon mit dem Gepäck voll beladen. Eine Tasche wurde kurzerhand mit irgendeinem Seil unter dem Auto befestigt, Matyldas Rucksack kam in den Motorraum. In unseren Köpfen schwirrte derweil das Gerücht, um 14 Uhr wird die Grenze zugemacht. Niemand wiederlegte das Gerücht, aber niemand schien sich besonders aufzuregen; auch nicht, als es schließlich 13:30 wurde. Wie schön, in einer Herde sein und das aufregen den anderen überlassen zu können. Trotzdem irgendwie seltsam, nicht zu verstehen, was um einen herum vorgeht.
Plötzlich war wohl irgendwie klar, dass hier niemand mehr zu unserer Hilfe kommt. Deshalb wurden wir jetzt doch alle zu dem Gepäck in den Jeep gequetscht. Übrigens war es sehr praktisch, dass diese Autos mit Planen bespannt sind, denn so sind sie flexibel; unser Gefährt hatte auf jeden Fall ein wenig seine äußere Form verloren, denn von innen drückten überall Kisten und Bündel und wahrscheinlich auch unsere Köpfe gegen die Plane. Vater und zwei Kinder saßen auf dem Beifahrersitz, und sechs Erwachsene teilten sich die Rückbank. Und dann ging es los Richtung Grenze.
Allerdings kamen wir nicht weit. Denn irgendwo an einer Straßenkreuzung – wo von Grenze noch keine Spur war - stand ein Polizist. Oder besser gesagt, er saß in seinem Auto, einem roten klapprigen VW Santana mit getönten Scheiben, der überhaupt nicht nach Polizei aussah. Hier sitzt also einer und tut nichts besonderes, aber alle Jeeptaxis halten bei ihm an, die Fahrer springen eilig raus und geben ihm Übernachtungsquittungen sämtlicher ihrer Mitfahrer.
Das hatten wir nämlich auch noch in Matyldas Hotel erledigt. Ich wurde gefragt, ob ich von meinem Guesthouse so etwas bekommen hätte. Habe ich nicht, und deshalb sollte ich es da am Hotel machen. Wenn man das nicht hätte, könnte man nicht beweisen dass man irgendwo übernachtet hätte und dann, ja, keine Ahnung was. Kostete natürlich etwas, sogar für diejenigen, die da wirklich übernachtet hatten. Der Sinn dieser Aktion bleibt mir absolut verborgen, auch der Sinn dieses Polizisten, der ganz offensichtlich nur im Auto saß und Übernachtungsquittungen entgegennahm und dann weiterfahren ließ. Ohne in die Autos zu schauen, ohne irgendwas als Beleg zurückzugeben, ohne jegliche von mir wahrgenommene Reaktion, irgendwie ziemlich polizistenmafiamäßig angehaucht ohne die geringste Spur von irgendwas Offiziellem. Aber offensichtlich hatte er die Autorität, uns nicht weiterfahren zu lassen, weil er zumindest ordentlich Schmiergeld sehen wollte, um ein derartig vollgequetschtes Auto durchzulassen. Das wollten wir anscheinend nicht bezahlen, also standen wir wieder sinnlos auf der Straße rum und warteten auf irgendwas, das nicht passierte.
Aber dann passierte es doch, irgendwer anderes nahm irgendwen von uns in irgendeinem anderen Jeep mit, wir durften den einen Kilometer bis zur Grenze weiterfahren und uns endlich in die Passkontrollen-Schlange der ausreisewilligen Mongolen einreihen. Wer es bis hier schafft, der kommt auf jeden Fall noch rüber. Die Mongolen schienen neben den Bügelbrettern auch allesamt mit riesigen Säcken Reis und rohen Eiern beladen ihre Heimreise anzutreten.
Hinter uns an der Passkontrolle standen zwei mongolische Geschäftsmänner, von denen einer Deutsch sprach und eine kleine Konversation versuchte. Ich hatte da aber grade keine Lust drauf, weil nichts verstehen und sich in Jeeps stapeln und nicht wissen, was eigentlich mit der Grenzschließung los ist, und ständig woanders am Straßenrand warten doch ein wenig an den Nerven zehrte. Ich war also höflich uninteressiert und machte beim Smalltalk nicht mit. Aber Basara unterhielt sich länger mit denen, denn nach der Passkontrolle warteten wir etwa 45 Minuten auf unser Auto, was ja auch kontrolliert werden musste. Diese Geschäftsmänner hatten jedenfalls die Information, dass der Zug nach Ulan Bator, mit dem meine neue Herde fahren würde, ausverkauft war. Eine Aussage, die mich in dem Augenblick nicht mehr besonders in Angst versetzen konnte, weil ich schon völlig im „es wird schon alles gut gehen“-Modus lief.
Irgendwann kam endlich unser Auto. Komischerweise wurde der Fahrer jetzt, wo wir ja schon im ganzen Prozedere drin waren und keine Gefahr mehr bestand, wir könnten es heute nicht mehr schaffen über die Grenze zu kommen, erst richtig hektisch und gab Gas und raste und machte ordentlich Stress. Keine der Türen des Jeeps war richtig geschlossen, wir saßen also wieder zu sechst auf der Rückbank und mussten auch noch die Türen zuhalten, während der wie irre die LKWs überholte auf der einen Kilometer langen Strecke. Wahrscheinlich wollte der Fahrer noch nach China zurück, und dafür würde es dann knapp werden.
Schließlich kamen wir zur mongolischen Kontrolle, und dann irgendwann endlich am Bahnhof an, wo der Zug schon bereit stand, der in einer Stunde losfahren würde.
Was die Geschäftsmänner gesagt hatten bewahrheitete sich. Der Zug war voll, voller als normal, denn alle einkaufstüchtigen Mongolen waren noch schnell vor der dreitägigen Grenzpause zurückgekommen, und wollten mitsamt ihrem Sack und Pack in den Zug. Vor jeder Waggontür häuften sich Schlangen von Leuten mit Bündeln und Kartons und unglaublich viel Gepäck.
Am Schalter waren bereits irrsinnige Knäule von Menschen, die für morgen Tickets kaufen wollten, denn auch dafür wurde es schon knapp. Es sah also so aus, als wär nichts zu machen und ich müsste wohl oder über hier bleiben, ein Hotel nehmen und ein Ticket für den nächsten Zug erkämpfen.
Und das war der Moment, wo ich dann doch fast weinen wollte. Alle schlimmen Dinge waren geschafft, ich hatte mein Visum und ich war wieder in der Mongolei, ich hätte auch noch einen Tag in Zamin Uud überlebt. Aber die Vorstellung war ganz schrecklich. Ich wollte nicht von meiner neuen Herde zurückgelassen werden, selbst wenn ich in einem völlig anderen Abteil wäre – ich wollte in diesen Zug und am nächsten morgen zuhause sein. Wir liefen an den Wagen hin und her und Basara organisierte rum und fragte die Schaffnerinnen und den Zugdirektor, aber irgendwie war nichts zu machen. Und ich war ja auch nicht die einzige mit diesem Problem.
Übrigens traf ich auf dem Bahnsteig auch meinen Taxifahrer von gestern wieder, sowie eigentlich alle Leute, die ich auf der Hinfahrt auch getroffen hatte. „Hi, my name is Bold“ sagte der Taxifahrer zu Matylda, und zu mir: „Zamyn Uud? Hotel?“ Aber in Übernachtungsfragen wollte ich mich dann doch nicht wirklich unter seine Obhut begeben.
Zehn Minuten vor Abfahrt, als ich grade unterwegs zu Matyldas Abteil war, um mich wenigstens zu verabschieden, trafen wir dann die werten Herren Geschäftsmänner von der chinesischen Passkontrolle wieder. Mit denen Basara sich Gott sei Dank ganz nett unterhalten hatte und anscheinend schon um eventuelle Hilfe gebeten hatte, was ich überhaupt nicht so richtig realisiert hatte. Die nahmen mir meinen kein-Interesse-am-Gespräch-Modus von vorhin auch überhaupt nicht übel, und hatten auch das gleiche Problem wie ich. Sie hatten noch kein Ticket, aber sie waren würdige Herren, die in jeder Situation eine Lösung finden, und sagten: Steig ein, wir haben das schon geregelt, wir warten im Restaurant und dann kommt der Kassier und verlauft uns ein Ticket für irgendeinen Restplatz. Das geht schon. Keine Sorge.
Die Einlasskontrollfrauen keiften mich an und wollten mich ohne Ticket nicht reinlassen, aber meine Deus ex Machinas regelten das mit Geschäftsmännerunderstatement. Die Restaurantfrauen keiften genauso rum, von wegen das wäre kein Vagabundenlager, sondern ein Restaurant, aber die Geschäftsmänner blieben einfach geschäftsmännermäßig cool und regelten das. Was überhaupt nicht heißen soll, sie zückten Kohle oder so; es reichten ein paar sachliche Worte. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Und als der Zug dann losfuhr, konnte ich gar nicht glauben, dass ich es tatsächlich irgendwie rein geschafft hatte. Aber ich hatte es. Eine helfende Hand kommt einfach immer zur richtigen Minute.
Wir kämpften uns schließlich zu Basara und den anderen ins Abteil vor, um da zu warten. Nach ein 1, 2 Stunden kam tatsächlich der Kassier, es gab tatsächlich ein freies Bett für mich, und ich musste einen Umstands-Aufschlag von umgerechnet 2 Euro bezahlen. Ich hätte mit Kusshand auch den doppelten Preis bezahlt und dafür einen Sitzplatz genommen.
Und dann brachte man mich in meine neue Kabine und sagte Gute Nacht, und ich sagte sain baina uu zu den Mitbewohnern meiner Kabine. Und es stellte sich heraus: Vater und Sohn, freundlich-ruhig-zurückhaltend-vertraueneinflößend, der Sohn hat 4 Jahre in Wien studiert und spricht perfekt deutsch. Selbst auf meinen letzten Metern schickt mir – wer auch immer, Himmel, Zufall, Schicksal – die perfekte Begleitung. Ich war selig, als ich mich schlafen legen durfte.
Ja, so war das. Meine Lehre ist: dir wird geholfen werden. Was eine sehr beruhigende Wirkung auf mich hat, ich habe jetzt das Gefühl, ich könnte in diesem Land überall hin reisen – und zur Not auch wieder ganz alleine. Auch wenn, wie gesagt, zusammen reisen einfach entspannter ist.
Beeindruckt bin ich auch davon, wie weit die Hilfsbereitschaft, das sich-Kümmern und das Zusammengehörigkeitsgefühl hier geht, selbst wenn man eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.
Das zweite Taxi, das eigentlich für die Rückfahrt organisiert war, war wohl abgehauen, als Matylda und ich beim Konsulat waren, um die Visas abzuholen. Der Fahrer wollte nicht länger auf uns warten. Aber die ganze Reisegruppe – die sich ja auch hätte splitten können, mit Grenzschließungsgerüchten im Kopf – sagte: Die gehören zu uns, die lassen wir jetzt nicht hier. Wir fahren alle zusammen, Punkt. Und dann standen wir stattdessen eben alle zusammen erstmal stundenlang rum.
Und obwohl sich das alles dann in einer Art verzögerte und verkomplizierte, die wirklich auf die Nerven gehen konnte, habe ich an niemandem von den Mitreisenden irgendeine Form von Ungeduld oder Verärgerung entdeckt. Die hatten einfach die Ruhe weg und ließen sich überhaupt nichts anmerken.
Und Basara, der es selbst schon den ganzen Tag schlecht ging, die ein Problem mit ihren Augen hatte und heute morgen vom Bahnhof aus den direkten Weg ins Krankenhaus genommen hat, hat mich trotzdem noch an die Hand genommen und alles versucht, um mir zu helfen, in den vermaledeiten Zug zu kommen. Unter helfen versteht man hier eben wirklich: helfen.
Dann durfte ich einsteigen, und weil das dann so plötzlich war, hatte ich gar kein Geld. Ich hätte mir für das Ticket am Schalter was von Matylda geliehen, aber die saß jetzt ganz woanders und zum Automaten schaffte ich es nicht mehr. Kein Problem, sagte der Geschäftsmann. Wildfremden Menschen im Notfall Geld leihen gehört auch zur Hilfsbereitschaft dazu.
Aber auch über die Hilfsbereitschaft der Mongolen hatte ich eigentlich schon etwas gelesen. Und zwar, dass in dieser Einsamkeit Hilfe ein wertvolles Gut ist, das jeder gern zu geben bereit ist – denn wer weiß, wann er als nächstes Hilfe von seinem (buchstäblich) Nächsten braucht...
Das habe ich nun also am eigenen Leib erfahren dürfen.
Und das wirklich schöne, das, was an dem ganzen China-Trip vielleicht das allerbeste ist und etwas, für das ich es gerne auf mich genommen habe, ist, das ich nun Matylda kenne. Denn jemand, mit dem ich unter erschwerten Bedingungen gern Zeit verbringe, ist jemand, mit dem ich unter normalen Voraussetzungen sehr gern noch sehr viel mehr Zeit verbringen möchte. So jemanden habe ich bisher noch nicht getroffen hier. Und Freunde zu haben, fehlt mir schon. Ich freu mich über eine neue Bekanntschaft, die bestimmt noch weiter wachsen wird. Zum Beispiel beim schon geplanten Ponytrip, jippiiiieeh!
So sah es übrigens aus, wenn sich unser langer langer Zug im dunstigen Morgen Richtung Ulan Bator durch die Steppe schlängelte.



Und die große Gobi? Ich hab leider nur ein Foto, durch die dreckige Scheibe, auf der sie einfach nur wie ein staubiges Nichts aussieht. Aber das ist sie ja schließlich auch. Ein staubiges, unglaublich riesiges Nichts.
Und so sieht aus, wenn man in der Abendsonne durch die Steppe dorthin unterwegs ist.

Bahnhof unterwegs

Erlian ist die Stadt auf der chinesischen Seite des einzigen internationalen chinesisch-mongolischen Grenzübergangs. Das bedeutet, alle anderen Nationalitäten, die von China aus durch die Mongolei reisen, müssen hier durch – es gibt keinen einzigen anderen Übergang an der tausende Kilometer langen Grenze. Und das bedeutet, dass ein mongolisches Konsulat, in dem Ausländer ein Visum bekommen, hier ganz gut angesiedelt ist.
Für mein Visum musste ich also „nur“ zwei Kilometer über die chinesische Grenze und dann zurück.
Die Stadt auf der mongolischen Seite der Grenzen heißt Zamin Uud, und hierher kann man täglich mit dem Zug fahren. Ein paar mal die Woche auch weiter bis nach Beijing. Die meisten Züge enden aber hier.

Übrigens hat Batsukh, der Direktor der russischen Schule, sich mal so ausgedrückt: Für die Chinesen sind die Mongolen irgendwie auch eine Art Chinesen. Deshalb brauchen sie (zumindest für 30-Tage-Aufenthalte) kein Visum. Für die Mongolen sind Chinesen aber ganz und gar keine Mongolen, deshalb brauchen Chinesen sehr wohl immer ein Visum. Auch in dieser kleinen Anekdote manifestiert sich ein latenter Chinesen-Hass, dem man immer wieder bei vielen Mongolen begegnet: China ist ok zum billig einkaufen, doch ansonsten kommt von dort nichts Gutes.
Aber um billig einzukaufen, fahren viele Mongolen gern nach China. Einige Bekannte waren ganz aus dem Häuschen, als sie von meiner bevorstehenden Tour erfuhren. Sie haben mich sehr um die Möglichkeit beneidet, mich in Erlian wie wild durch die Märkte shoppen und dann wie die Königin auf meinen Tüten sitzend in einem Taxi ins Hotel fahren lassen zu können.
Die Züge nach Zamin Uud sind also voller kaufwütiger Hauptstädter, die genau wissen, wie das mit dem über-die-Grenze-kommen klappt.
Meine persönliche Internet-Recherche hatte ergeben, dass man die Grenze nicht zu Fuß passieren kann (obwohl das von der Entfernung zwischen den Städten her durchaus machbar wäre), aber das am Bahnhof massenweise russische Militärjeeps warten, die einen als private Taxis für die Standardflatrate von 50 Yuan über die Grenze bringen. Mein Plan war also, in Zamin Uud auszusteigen und irgendwie ein Taxi zu finden, was mich mitnimmt.
Das Taxi fand mich, in Form seines Fahrers, schon am Abend im Zug. „Hello my name is Bold. Ereen? Taxi?“. Bold war ein kleiner Trunkenbold (das konnte man riechen) mit Silberkettchen unter dem aufgeknöpftem Hemd und stylishem Hut auf dem Kopf. Aber da aus meinem Abteil noch eine allein reisende mongolische Frau mit ihm mitfuhr, hab ich mir sinnbildlich deren Hand geschnappt und ihm die Hand drauf gegeben, dass ich am nächsten Morgen auch mit über die Grenze komme. Und das klappte tatsächlich auch reibungslos.
Tatsächlich fährt fast nur eine Sorte Autos rüber, die sehen militärisch aus und sind entweder grün oder grau und haben eine Plastikplane als Dach und einen variablen Rücksitz, so dass man bei Bedarf viele Menschen und/oder viel Gepäck hinein bekommt. Aber das sollte erst bei der Rückfahrt von Bedeutung werden.
Wir passierten also nach viel Formular-Ausfüllen (die die Jeeptaxifahrer alle schon auf Vorrat im Auto haben) unspektakulär die mongolische und die chinesische Grenzkontrolle und um 10 Uhr am Donnerstag war ich problemlos in China angekommen. Und erfuhr als erstes, dass ab Samstag die Grenze für 3 Tage geschlossen sein würde, weil die Chinesen den Feiertag zum 1. Mai sehr ernst nehmen.
Das hat meinen Plan wieder ein klein wenig um den Haufen geworfen, denn eigentlich wollte ich am Samstag wieder in die Mongolei einreisen und zurück nach Ulan Bator fahren, damit mein Visum auch ganz 100% sicher bis zum Tag meines Abflugs gültig ist. Und damit ich, nachdem alles offizielle unter Dach und Fach wäre, noch ein bisschen in Ruhe rumgucken und vielleicht wirklich ein bisschen chinesische Waren einkaufen könnte. Aber bis Dienstag festsitzen wollte ich auch nicht, also stellte ich mich auch Freitag zurückfahren und sonst nicht viel erleben ein.
Das Jeeptaxi setzte uns als nächstes vor einem (mongolischen) Guesthouse ab, in dem ich mit Bayarmaa, der Frau aus meinem Abteil, ein Doppelzimmer nehmen konnte. Übrigens sprachen meine ganzen Begleiter alle kein bis drei Wörter Englisch, aber da ich einen mongolischen Einladungsbrief von Otgoo an das Konsulat dabeihatte, wussten sie was meine Mission war. Kommunikation über die wichtigsten überlebenstechnischen Dinge wie essen und schlafen und Grenzen überqueren klappt zur Not aber wirklich auch auf Händisch und Füßisch. Und so hatte ich ein Zimmer, ohne mich selbst irgendwie danach umgesehen haben zu müssen.
Dann setzten sie mich in ein Taxi, sagten dem Taxifahrer auf chinesisch wohin ich wollte, erklärten mir die chinesischen Flatrate-Taxipreise und ich fuhr zum Konsulat.
Dort erfuhr ich, dass mein Visum bis morgen früh fertig sein würde.
Und ich traf Matylda. Und Matylda hatte genau die gleiche Mission wie ich. Sie war im gleichen Zug wie ich gewesen (allerdings mit einer Gruppe befreundeter Mongolen unterwegs), sie gab im gleichen Moment ihren Visumsantrag ab, wir würden das Visum zusammen abholen, weil wir beide ne Art Extrawurst-Schnellabfertigung bekamen.
Und damit erübrigte sich sofort einfach mindestens die Hälfte aller bösen Gedanken, die man sich überhaupt noch machen kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid, gleiches Problem ist halb so schlimm.
Auch das Matylda das Gerücht kannte, dass die Grenze am Freitag um 14 Uhr geschlossen würde, weil man schon vor einem so wichtigen Feiertag wie dem 1. Mai nur noch die Hälfte der Zeit arbeitet, war da nur noch halb so schlimm. Ich hatte jemand zum an-die-Hand-nehmen, der englisch sprach und mein Problem absolut verinnerlicht hatte. Ich war nicht mehr allein.
Ein Problem, was ich aber noch hatte und Matylda nicht, war das des Rückfahr-Tickets nach Ulan Bator. Ich hatte noch keins, weil ich nicht gewusst hatte, wie lang das alles dauern würde, und dachte, dass es kein Problem ist, alles auch kurzfristig zu regeln.
Daher gingen wir anschließend zusammen zum Bahnhof, denn Matyldas Herde war (natürlich) wild am über die Märkte shoppen und sie hatte eh Zeit. Am Bahnhof in China kann man aber nur chinesische Fahrkarten kaufen. Man muss zum International Ticket Office, das irgendwo ist, wo der Finger der Schalterbeamten hinzeigt. Das könnte auf der anderen Straßenseite sein oder im gleichen Gebäude woanders, wir haben es nicht verstanden. Kompliziertere Fragestellungen wie diese sind mit Händisch und Füßisch dann schon schwieriger zu lösen. Wir haben es jedenfalls nicht gefunden, trotz mehrmaligem Wiederkommen und mehrmaligem Straßen abschreiten und gucken und Leute fragen.
Und dann habe ich beschlossen, dass es mir egal ist und ich das morgen in Zamin Uud erledigen würde, wenn ich zusammen mit Matyldas Gruppe pünktlich vor 14 Uhr mit deren Taxi über die Grenze gekommen wäre, nachdem wir pünktlich unsere Visas abgeholt hätten.
Und dann hatte ich also auch mal ein halbes Auge übrig für dieses China, was sich ja immerhin um mich herum befand. Und eigentlich sehr angenehm war. Breite Straßen, wenig Autos, alle fahren langsam. Niemand hat es eilig. Irgendwie lag über der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Sonntag nachmittag oder spanischer Siesta, obwohl ja mitten in der Woche war. Keine Ahnung, ob das besonders typisch chinesisch ist; ich nehme an, in Beijing geht es anders zu. Aber Erlian ist für chinesische Verhältnisse ein kleines Ministädtchen, in dem sich Radfahrer und Rikschas gefahrlos bewegen können. Nachdem ich einmal zu Konsulat gefahren war, konnte ich mich auch schon selbstständig orientieren und Taxifahrer notfalls einfach mit Handzeichen dirigieren. Das kommt daher, weil die Städte oft nach Reißbrettmuster schnurgrade Straßen haben, es geht also immer irgendwo gradeaus und dann entweder links oder rechts. Auch in Ulan Bator gibt es nur drei größere Parallelstraßen und dann muss man halt nur noch den richtigen Abzweig finden...
Nach dem Bahnhif gingen wir was essen. Speisekarte nur auf mongolisch oder chinesisch? Dann kommt eben mal die Köchin raus und wedelt mit Zucchini und Eier, um zu fragen, ob wir das möchten. Wir wollten das. Alles klappt irgendwie.
Hier ein paar Eindrücke aus China. Ich habe nicht so viele Fotos gemacht.
Viel Platz auf der Straße
Gobi ist Dinosauerier-Land.


Weiß nicht, ob man es erkennt: Beschilderung gibts in der Grenzstadt meistens noch zweisprachig, chinesisch und mongolisch. Und mongolisch hilft mir sogar schon ein bisschen weiter.


auf dem Straßenmarkt

Matylda kauft Ananas
Für alle, die selber drehen...
... und für Körnerfresser

Eins von den kleinen Lädchen ist mein Guesthouse

Wir verbrachten noch ein paar Stunden zusammen, und auch zusammen mit Matyldas Freundin Basara, eine Frau mittleren Alters, die ein paar Jahre in Polen gelebt hat und mit der Matylda auf polnisch redet, und die mit mir auf englisch reden konnte. Dann stellten wir sicher, dass ich morgen auch mit ins Jeeptaxi durfte, und dann ging ich schlafen in meiner kleinen 2,50€-Pension.
Am Freitag Morgen gingen wir nochmal über die Märkte, dann zum Konsulat, erhielten unser Visum, und dann sollte der Rückweg über die Grenze folgen.
Und der war dann doch noch ein bisschen seltsam, konfus und nervenbelastend.
Wir waren wirklich eine riesige Gruppe; 7 Erwachsene und zwei Kinder, plus Fahrer. Eigentlich sollte es wohl zwei Autos geben, aber irgendwie hatte sich ein Fahrer verflüchtigt, und so standen wir lange Zeit ein bisschen ziellos vor dem Hotel und warteten, ohne zu verstehen, auf was eigentlich. 10 Leute in einen Jeep, das könnte irgendwie gehen, denkt man; aber nicht zu vergessen waren diese 10 Leute zum einkaufen hier, und kauften Dinge wie Bügelbretter, Lampen, Flaschen voller Alkohol und weiß der Himmel was. Der Jeep war also eigentlich schon mit dem Gepäck voll beladen. Eine Tasche wurde kurzerhand mit irgendeinem Seil unter dem Auto befestigt, Matyldas Rucksack kam in den Motorraum. In unseren Köpfen schwirrte derweil das Gerücht, um 14 Uhr wird die Grenze zugemacht. Niemand wiederlegte das Gerücht, aber niemand schien sich besonders aufzuregen; auch nicht, als es schließlich 13:30 wurde. Wie schön, in einer Herde sein und das aufregen den anderen überlassen zu können. Trotzdem irgendwie seltsam, nicht zu verstehen, was um einen herum vorgeht.
Plötzlich war wohl irgendwie klar, dass hier niemand mehr zu unserer Hilfe kommt. Deshalb wurden wir jetzt doch alle zu dem Gepäck in den Jeep gequetscht. Übrigens war es sehr praktisch, dass diese Autos mit Planen bespannt sind, denn so sind sie flexibel; unser Gefährt hatte auf jeden Fall ein wenig seine äußere Form verloren, denn von innen drückten überall Kisten und Bündel und wahrscheinlich auch unsere Köpfe gegen die Plane. Vater und zwei Kinder saßen auf dem Beifahrersitz, und sechs Erwachsene teilten sich die Rückbank. Und dann ging es los Richtung Grenze.
Allerdings kamen wir nicht weit. Denn irgendwo an einer Straßenkreuzung – wo von Grenze noch keine Spur war - stand ein Polizist. Oder besser gesagt, er saß in seinem Auto, einem roten klapprigen VW Santana mit getönten Scheiben, der überhaupt nicht nach Polizei aussah. Hier sitzt also einer und tut nichts besonderes, aber alle Jeeptaxis halten bei ihm an, die Fahrer springen eilig raus und geben ihm Übernachtungsquittungen sämtlicher ihrer Mitfahrer.
Das hatten wir nämlich auch noch in Matyldas Hotel erledigt. Ich wurde gefragt, ob ich von meinem Guesthouse so etwas bekommen hätte. Habe ich nicht, und deshalb sollte ich es da am Hotel machen. Wenn man das nicht hätte, könnte man nicht beweisen dass man irgendwo übernachtet hätte und dann, ja, keine Ahnung was. Kostete natürlich etwas, sogar für diejenigen, die da wirklich übernachtet hatten. Der Sinn dieser Aktion bleibt mir absolut verborgen, auch der Sinn dieses Polizisten, der ganz offensichtlich nur im Auto saß und Übernachtungsquittungen entgegennahm und dann weiterfahren ließ. Ohne in die Autos zu schauen, ohne irgendwas als Beleg zurückzugeben, ohne jegliche von mir wahrgenommene Reaktion, irgendwie ziemlich polizistenmafiamäßig angehaucht ohne die geringste Spur von irgendwas Offiziellem. Aber offensichtlich hatte er die Autorität, uns nicht weiterfahren zu lassen, weil er zumindest ordentlich Schmiergeld sehen wollte, um ein derartig vollgequetschtes Auto durchzulassen. Das wollten wir anscheinend nicht bezahlen, also standen wir wieder sinnlos auf der Straße rum und warteten auf irgendwas, das nicht passierte.
Aber dann passierte es doch, irgendwer anderes nahm irgendwen von uns in irgendeinem anderen Jeep mit, wir durften den einen Kilometer bis zur Grenze weiterfahren und uns endlich in die Passkontrollen-Schlange der ausreisewilligen Mongolen einreihen. Wer es bis hier schafft, der kommt auf jeden Fall noch rüber. Die Mongolen schienen neben den Bügelbrettern auch allesamt mit riesigen Säcken Reis und rohen Eiern beladen ihre Heimreise anzutreten.
Hinter uns an der Passkontrolle standen zwei mongolische Geschäftsmänner, von denen einer Deutsch sprach und eine kleine Konversation versuchte. Ich hatte da aber grade keine Lust drauf, weil nichts verstehen und sich in Jeeps stapeln und nicht wissen, was eigentlich mit der Grenzschließung los ist, und ständig woanders am Straßenrand warten doch ein wenig an den Nerven zehrte. Ich war also höflich uninteressiert und machte beim Smalltalk nicht mit. Aber Basara unterhielt sich länger mit denen, denn nach der Passkontrolle warteten wir etwa 45 Minuten auf unser Auto, was ja auch kontrolliert werden musste. Diese Geschäftsmänner hatten jedenfalls die Information, dass der Zug nach Ulan Bator, mit dem meine neue Herde fahren würde, ausverkauft war. Eine Aussage, die mich in dem Augenblick nicht mehr besonders in Angst versetzen konnte, weil ich schon völlig im „es wird schon alles gut gehen“-Modus lief.
Irgendwann kam endlich unser Auto. Komischerweise wurde der Fahrer jetzt, wo wir ja schon im ganzen Prozedere drin waren und keine Gefahr mehr bestand, wir könnten es heute nicht mehr schaffen über die Grenze zu kommen, erst richtig hektisch und gab Gas und raste und machte ordentlich Stress. Keine der Türen des Jeeps war richtig geschlossen, wir saßen also wieder zu sechst auf der Rückbank und mussten auch noch die Türen zuhalten, während der wie irre die LKWs überholte auf der einen Kilometer langen Strecke. Wahrscheinlich wollte der Fahrer noch nach China zurück, und dafür würde es dann knapp werden.
Schließlich kamen wir zur mongolischen Kontrolle, und dann irgendwann endlich am Bahnhof an, wo der Zug schon bereit stand, der in einer Stunde losfahren würde.
Was die Geschäftsmänner gesagt hatten bewahrheitete sich. Der Zug war voll, voller als normal, denn alle einkaufstüchtigen Mongolen waren noch schnell vor der dreitägigen Grenzpause zurückgekommen, und wollten mitsamt ihrem Sack und Pack in den Zug. Vor jeder Waggontür häuften sich Schlangen von Leuten mit Bündeln und Kartons und unglaublich viel Gepäck.
Am Schalter waren bereits irrsinnige Knäule von Menschen, die für morgen Tickets kaufen wollten, denn auch dafür wurde es schon knapp. Es sah also so aus, als wär nichts zu machen und ich müsste wohl oder über hier bleiben, ein Hotel nehmen und ein Ticket für den nächsten Zug erkämpfen.
Und das war der Moment, wo ich dann doch fast weinen wollte. Alle schlimmen Dinge waren geschafft, ich hatte mein Visum und ich war wieder in der Mongolei, ich hätte auch noch einen Tag in Zamin Uud überlebt. Aber die Vorstellung war ganz schrecklich. Ich wollte nicht von meiner neuen Herde zurückgelassen werden, selbst wenn ich in einem völlig anderen Abteil wäre – ich wollte in diesen Zug und am nächsten morgen zuhause sein. Wir liefen an den Wagen hin und her und Basara organisierte rum und fragte die Schaffnerinnen und den Zugdirektor, aber irgendwie war nichts zu machen. Und ich war ja auch nicht die einzige mit diesem Problem.
Übrigens traf ich auf dem Bahnsteig auch meinen Taxifahrer von gestern wieder, sowie eigentlich alle Leute, die ich auf der Hinfahrt auch getroffen hatte. „Hi, my name is Bold“ sagte der Taxifahrer zu Matylda, und zu mir: „Zamyn Uud? Hotel?“ Aber in Übernachtungsfragen wollte ich mich dann doch nicht wirklich unter seine Obhut begeben.
Zehn Minuten vor Abfahrt, als ich grade unterwegs zu Matyldas Abteil war, um mich wenigstens zu verabschieden, trafen wir dann die werten Herren Geschäftsmänner von der chinesischen Passkontrolle wieder. Mit denen Basara sich Gott sei Dank ganz nett unterhalten hatte und anscheinend schon um eventuelle Hilfe gebeten hatte, was ich überhaupt nicht so richtig realisiert hatte. Die nahmen mir meinen kein-Interesse-am-Gespräch-Modus von vorhin auch überhaupt nicht übel, und hatten auch das gleiche Problem wie ich. Sie hatten noch kein Ticket, aber sie waren würdige Herren, die in jeder Situation eine Lösung finden, und sagten: Steig ein, wir haben das schon geregelt, wir warten im Restaurant und dann kommt der Kassier und verlauft uns ein Ticket für irgendeinen Restplatz. Das geht schon. Keine Sorge.
Die Einlasskontrollfrauen keiften mich an und wollten mich ohne Ticket nicht reinlassen, aber meine Deus ex Machinas regelten das mit Geschäftsmännerunderstatement. Die Restaurantfrauen keiften genauso rum, von wegen das wäre kein Vagabundenlager, sondern ein Restaurant, aber die Geschäftsmänner blieben einfach geschäftsmännermäßig cool und regelten das. Was überhaupt nicht heißen soll, sie zückten Kohle oder so; es reichten ein paar sachliche Worte. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Und als der Zug dann losfuhr, konnte ich gar nicht glauben, dass ich es tatsächlich irgendwie rein geschafft hatte. Aber ich hatte es. Eine helfende Hand kommt einfach immer zur richtigen Minute.
Wir kämpften uns schließlich zu Basara und den anderen ins Abteil vor, um da zu warten. Nach ein 1, 2 Stunden kam tatsächlich der Kassier, es gab tatsächlich ein freies Bett für mich, und ich musste einen Umstands-Aufschlag von umgerechnet 2 Euro bezahlen. Ich hätte mit Kusshand auch den doppelten Preis bezahlt und dafür einen Sitzplatz genommen.
Und dann brachte man mich in meine neue Kabine und sagte Gute Nacht, und ich sagte sain baina uu zu den Mitbewohnern meiner Kabine. Und es stellte sich heraus: Vater und Sohn, freundlich-ruhig-zurückhaltend-vertraueneinflößend, der Sohn hat 4 Jahre in Wien studiert und spricht perfekt deutsch. Selbst auf meinen letzten Metern schickt mir – wer auch immer, Himmel, Zufall, Schicksal – die perfekte Begleitung. Ich war selig, als ich mich schlafen legen durfte.
Ja, so war das. Meine Lehre ist: dir wird geholfen werden. Was eine sehr beruhigende Wirkung auf mich hat, ich habe jetzt das Gefühl, ich könnte in diesem Land überall hin reisen – und zur Not auch wieder ganz alleine. Auch wenn, wie gesagt, zusammen reisen einfach entspannter ist.
Beeindruckt bin ich auch davon, wie weit die Hilfsbereitschaft, das sich-Kümmern und das Zusammengehörigkeitsgefühl hier geht, selbst wenn man eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.
Das zweite Taxi, das eigentlich für die Rückfahrt organisiert war, war wohl abgehauen, als Matylda und ich beim Konsulat waren, um die Visas abzuholen. Der Fahrer wollte nicht länger auf uns warten. Aber die ganze Reisegruppe – die sich ja auch hätte splitten können, mit Grenzschließungsgerüchten im Kopf – sagte: Die gehören zu uns, die lassen wir jetzt nicht hier. Wir fahren alle zusammen, Punkt. Und dann standen wir stattdessen eben alle zusammen erstmal stundenlang rum.
Und obwohl sich das alles dann in einer Art verzögerte und verkomplizierte, die wirklich auf die Nerven gehen konnte, habe ich an niemandem von den Mitreisenden irgendeine Form von Ungeduld oder Verärgerung entdeckt. Die hatten einfach die Ruhe weg und ließen sich überhaupt nichts anmerken.
Und Basara, der es selbst schon den ganzen Tag schlecht ging, die ein Problem mit ihren Augen hatte und heute morgen vom Bahnhof aus den direkten Weg ins Krankenhaus genommen hat, hat mich trotzdem noch an die Hand genommen und alles versucht, um mir zu helfen, in den vermaledeiten Zug zu kommen. Unter helfen versteht man hier eben wirklich: helfen.
Dann durfte ich einsteigen, und weil das dann so plötzlich war, hatte ich gar kein Geld. Ich hätte mir für das Ticket am Schalter was von Matylda geliehen, aber die saß jetzt ganz woanders und zum Automaten schaffte ich es nicht mehr. Kein Problem, sagte der Geschäftsmann. Wildfremden Menschen im Notfall Geld leihen gehört auch zur Hilfsbereitschaft dazu.
Aber auch über die Hilfsbereitschaft der Mongolen hatte ich eigentlich schon etwas gelesen. Und zwar, dass in dieser Einsamkeit Hilfe ein wertvolles Gut ist, das jeder gern zu geben bereit ist – denn wer weiß, wann er als nächstes Hilfe von seinem (buchstäblich) Nächsten braucht...
Das habe ich nun also am eigenen Leib erfahren dürfen.
Und das wirklich schöne, das, was an dem ganzen China-Trip vielleicht das allerbeste ist und etwas, für das ich es gerne auf mich genommen habe, ist, das ich nun Matylda kenne. Denn jemand, mit dem ich unter erschwerten Bedingungen gern Zeit verbringe, ist jemand, mit dem ich unter normalen Voraussetzungen sehr gern noch sehr viel mehr Zeit verbringen möchte. So jemanden habe ich bisher noch nicht getroffen hier. Und Freunde zu haben, fehlt mir schon. Ich freu mich über eine neue Bekanntschaft, die bestimmt noch weiter wachsen wird. Zum Beispiel beim schon geplanten Ponytrip, jippiiiieeh!
So sah es übrigens aus, wenn sich unser langer langer Zug im dunstigen Morgen Richtung Ulan Bator durch die Steppe schlängelte.



Und die große Gobi? Ich hab leider nur ein Foto, durch die dreckige Scheibe, auf der sie einfach nur wie ein staubiges Nichts aussieht. Aber das ist sie ja schließlich auch. Ein staubiges, unglaublich riesiges Nichts.
Samstag, 1. Mai 2010
Erfahrungen machen
Ich bin wieder da, alles ist gut gegangen.
Eigentlich wollte ich schreiben: ich habe etwas gelernt. Aber so richtig stimmt das nicht, ich habe es nämlich wirklich eher erfahren (und das nicht nur, weil ich ja im Zug unterwegs war –ha ha). Nein, ich hab es weniger gelernt als erlebt und empfunden. Aber ich hoffe, dass ich daraus etwas lernen kann, nämlich einfach noch mehr Coolness für die Zukunft. Ruhig bleiben und wissen, alles wird gut. Und jemand wird dir schon helfen.
Also, was ich erstens erfahren habe, ist: so schnell endet man auf diesem Planeten nicht einsam und verlassen hilflos auf irgendeiner Landstraße. Es gibt einfach immer und in jeder Situation jemand, der dich mitnimmt, der deine Hand nimmt und sagt: hier geht’s lang, und willst du was zu essen?
Von dem Moment an, in dem ich im Zug saß, hat sich alles weitere ergeben, ohne dass ich mich auch nur einmal besonders anstrengen oder viel fragen musste.
Und was ich zweitens erfahren habe, ist: Es ist trotzdem unvergleichlich gut, wenn man mit seinem ganz speziellen Problem nicht alleine dasteht, sondern zu zweit unterwegs sein kann, um es zu lösen.
Bis auf eine kurze Viertelstunde gestern abend, als eigentlich alles schlimme schon überstanden war, gab es nicht einen verzweifelten Moment, in dem ich vielleicht hätte weinen müssen. Und in dem Moment, als ich dann doch noch verzweifeln wollte, kam plötzlich ein deus ex machina auf mich niedergesaust und zog mich von dannen, in den Zug hinein, der eigentlich ohne mich abfahren wollte.
Aber wie das alles im Detail war, erzähl ich später. Jetzt muss ich erstmal noch ein bisschen ruhen. Und Erfahrungen verdauen.
Eigentlich wollte ich schreiben: ich habe etwas gelernt. Aber so richtig stimmt das nicht, ich habe es nämlich wirklich eher erfahren (und das nicht nur, weil ich ja im Zug unterwegs war –ha ha). Nein, ich hab es weniger gelernt als erlebt und empfunden. Aber ich hoffe, dass ich daraus etwas lernen kann, nämlich einfach noch mehr Coolness für die Zukunft. Ruhig bleiben und wissen, alles wird gut. Und jemand wird dir schon helfen.
Also, was ich erstens erfahren habe, ist: so schnell endet man auf diesem Planeten nicht einsam und verlassen hilflos auf irgendeiner Landstraße. Es gibt einfach immer und in jeder Situation jemand, der dich mitnimmt, der deine Hand nimmt und sagt: hier geht’s lang, und willst du was zu essen?
Von dem Moment an, in dem ich im Zug saß, hat sich alles weitere ergeben, ohne dass ich mich auch nur einmal besonders anstrengen oder viel fragen musste.
Und was ich zweitens erfahren habe, ist: Es ist trotzdem unvergleichlich gut, wenn man mit seinem ganz speziellen Problem nicht alleine dasteht, sondern zu zweit unterwegs sein kann, um es zu lösen.
Bis auf eine kurze Viertelstunde gestern abend, als eigentlich alles schlimme schon überstanden war, gab es nicht einen verzweifelten Moment, in dem ich vielleicht hätte weinen müssen. Und in dem Moment, als ich dann doch noch verzweifeln wollte, kam plötzlich ein deus ex machina auf mich niedergesaust und zog mich von dannen, in den Zug hinein, der eigentlich ohne mich abfahren wollte.
Aber wie das alles im Detail war, erzähl ich später. Jetzt muss ich erstmal noch ein bisschen ruhen. Und Erfahrungen verdauen.
Freitag, 23. April 2010
Be careful what you wish for...
.. it might come true!
"Ach, hoffentlich kann ich noch viel viel mehr reisen und die wunderbare Landschaft anglotzen", wünschte ich mir unlängst innig.
Dazu werde ich wohl bald sehr viel Gelegenheit haben. Transmongolia, quer durch die Gobi, heading to China. Mission: Visa. Denn die mongolische Korruption versagt (was ja grundsätzlich auch positiv zu sehen ist). Doch wer sich hier auf andere verlässt, ist verlassen, und so nehme ich jetzt den ganzen Mist selber in die Hand. Tausche jetzt Tugrik gegen Dollar, erkämpfe ein chinesisches Visum, tausche Tugrik gegen Yuan, kaufe mir ein Zugticket und reise pünktlich aus, um mir in China ein neues mongolisches Visum zu erkämpfen und wieder einzureisen, um in Ruhe meine letzten vier Wochen zu verbringen.
So richtig kann ich mich noch nicht entscheiden, wie ich das finde.
Ätzend, dass aus mantramäßig wiederholten "kein Problem, kein Problem, ich habe alles unter Kontrolle und ich kenne mich aus" dann plötzlich und auf den letzten Drücker "Upps, geht doch nicht so wie ich das dachte" wird.
Wie dumm von mir, mich überhaupt irgendwann mal darauf verlassen zu haben.
Wie nervig, jetzt hopplahopp alles schnell irgendwie hinorganisieren zu müssen.
Wie teuer, so blöde Visa.
Wie unpraktisch, absolut kein mongolisch oder chinesisch zu sprechen.
Ja, eigentlich ist das alles ganz schön blöd.
Aber irgendwie gut, dass ich über der ganzen Blödheit denke: das schaffe ich jetzt auch noch. Wär doch gelacht. Komm her, du kleines China, komm her, du kleine Bürokratie, ich mach euch fertig. *Muskeln zeig und Zähne fletsch*
I wished for adventures. Here we go.
"Ach, hoffentlich kann ich noch viel viel mehr reisen und die wunderbare Landschaft anglotzen", wünschte ich mir unlängst innig.
Dazu werde ich wohl bald sehr viel Gelegenheit haben. Transmongolia, quer durch die Gobi, heading to China. Mission: Visa. Denn die mongolische Korruption versagt (was ja grundsätzlich auch positiv zu sehen ist). Doch wer sich hier auf andere verlässt, ist verlassen, und so nehme ich jetzt den ganzen Mist selber in die Hand. Tausche jetzt Tugrik gegen Dollar, erkämpfe ein chinesisches Visum, tausche Tugrik gegen Yuan, kaufe mir ein Zugticket und reise pünktlich aus, um mir in China ein neues mongolisches Visum zu erkämpfen und wieder einzureisen, um in Ruhe meine letzten vier Wochen zu verbringen.
So richtig kann ich mich noch nicht entscheiden, wie ich das finde.
Ätzend, dass aus mantramäßig wiederholten "kein Problem, kein Problem, ich habe alles unter Kontrolle und ich kenne mich aus" dann plötzlich und auf den letzten Drücker "Upps, geht doch nicht so wie ich das dachte" wird.
Wie dumm von mir, mich überhaupt irgendwann mal darauf verlassen zu haben.
Wie nervig, jetzt hopplahopp alles schnell irgendwie hinorganisieren zu müssen.
Wie teuer, so blöde Visa.
Wie unpraktisch, absolut kein mongolisch oder chinesisch zu sprechen.
Ja, eigentlich ist das alles ganz schön blöd.
Aber irgendwie gut, dass ich über der ganzen Blödheit denke: das schaffe ich jetzt auch noch. Wär doch gelacht. Komm her, du kleines China, komm her, du kleine Bürokratie, ich mach euch fertig. *Muskeln zeig und Zähne fletsch*
I wished for adventures. Here we go.
Montag, 19. April 2010
- Land - Fluss
Bilder sagen mehr als Worte. Große Bilder sehen schöner aus. Daher verweise ich jetzt schon mal auf die Diashow.
Am Donnerstag hat Batsukh mit mir einen Ausflug gemacht. Eigentlich wollten wir Mittwoch fahren. Das klappte aber nicht, weil der "Führer", den wir brauchten, um den Weg zu finden - vielleicht aber auch nur, um einen Geländewagen zu haben - am Mittwoch zu besoffen war.
Das war er am Donnerstag auch, aber da haben wir uns trotzdem auf den Weg gemacht. Der besoffene Führer erkundigte sich zuerst nach meinem Alter und Familienstand, ich habe vorsichtshalber gesagt, ich sei verheiratet. Da legte er sich hinten auf die Rückbank, schlief und dünstete Wodka aus. Batsukh fuhr, es ging nach Norden.
Es ist mir wirklich so egal, wo wir hinfahren. Ich brauche nur im Auto zu sitzen und rauszuschauen, und ich werd sofort ganz glücklich. Die Landschaft ist so schön, es ist so schön, hier zu sein und wirklich mitten drin rumzufahren, und alles ist überall so, wie es auf der kitschigsten Romantik-Nomaden-Postkarte aussieht. Eine schnurgerade Straße geht mitten durch die Steppe. Da hinten die Berge. Dann ein Salzsee. Eine Herde Kamele (die hier gar nicht hingehören; eigentlich findet man die in der Gobi). Eine Herde Ziegen. Ein Nomadenmädchen kommt mit einem Ziegenbaby auf dem Arm - die Hirten müssen aufpassen, dass die Schafe und Ziegen nicht ihre Lämmer in der Steppe verlieren, denn der Herdeninstinkt ist stärker als der Mutterinstinkt. Und wenn so ein Baby nicht aufpasst, bleibt es zurück.
Aber dafür kommt ja das Nomadenmädchen hinterher.
Hirten auf Pferden. Hirten neben den gesattelten Pferden im Gras. Pferde ohne Sattel, mit Fohlen. Jurten am Berghang, noch im Winterlager; aber bald wird es wohl losgehen mit dem umziehen und Jurten einpacken und nomadisieren. Ovoos und blaue Hadags in allen Bäumen, auch hier.

Wir kamen an einer Kamelherde vorbei, und an einem Salzsee, und nach etwa 45 Minuten gab es irgendwann eine andere asphaltierte Straße nach links. Vorher gab es nur Pisten, wenn überhaupt.
Die Landschaft hatte sich mittlerweile stark geändert; so, wie das Kamel da liegt, mitten im Nichts umgeben von nichts, sah es nicht mehr aus. Man kommt irgendwann an eine Sanddüne, über die ein kleiner Pass drüberführt; und plötzlich sind da überall Büsche und Bäume, und die Berge viel näher, und es sieht alles ganz anders aus.
Nachdem wir abgebogen sind, kamen wir zu einem Berg, der "warmer König" oder "König der Wärme" heißt. Und warum heisst er so? Natürlich hat es was mit Dschinghis Khan zu tun, denn obwohl nach ihm noch 38 andere Khans kamen, ist er der einzig wahre und große König. Er campierte also eines Tages mit seinen Soldaten hier. Er selbst schlief in der Nähe des Berges, aber ein Teil seines Heeres lag weiter draußen. Es muss wohl Winter gewesen sein, denn am nächsten Tag waren die Soldaten, die weiter draußen übernachtet hatten, tot - doch der wärmende Berg hatte den großen König geschützt und darf sich seitdem mit dem Namen schmücken, die diese Geschichte in Kurzform erzählt.
Am Fuß von diesem Berg liegt ein kleines Dorf, und hier führt auch die Eisenbahnlinie nach Russland vorbei. Aber ohne zu halten, glaube ich.
Die Straße zu dem Dorf war ziemlich schlecht, und Batsukh ist die ganze Zeit gefahren wie verrückt. Ich musste mich festhalten und aus dem Fenster gucken, weil ich die ganze Zeit so lachen musste. Er ist ein ziemlich nervöser Fahrer, so einer, der schnell fährt, aber dabei keine Sicherheit ausstrahlt. Zielsicher nahm er jedes Schlagloch mit, und der besoffene Typ auf der Rückbank flog ein paar Mal von der Bank.
Als wir in dem Dorf ankamen, wachte er auf ("oh, schon da?"). Batsukh wollte ihn eigentlich dabeihaben, weil er mit dem Weg nicht sicher war, aber jetzt hatten wir es ja auch so gefunden. Wie hätten wir das eigentlich nicht finden können, frage ich mich, denn wenn man nur auf Asphaltstraßen unterwegs ist, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit sich zu verfahren. Es gibt ja nur alle 50 Kilometer eine neue Straße. Sobald man den Asphalt verlässt, ist das natürlich ne ganz andere Sache.
In dem Dorf an dem Berghang gibt es ein kleines Häuschen, wo ein alter Mann lebt, der da ein privates Museum in einer Art russischen Datscha eingerichtet hat. Dahin wollten wir.
Er war auch da und schloss für uns das Museum aus. Drin gab es Dinge zu sehen, die er seit 40 Jahren oder länger hier am Berg gesammelt, gefunden, geschnitzt oder gemalt hat. Vor allem gab es viele, viele Wurzeln und Äste zu sehen, die eine bestimmte Form hatten. Es gab Bären, die auf Felsen klettern, Äffchen, Schlangen, Ballerinas und alle möglichen anderen Tiere aus Wurzeln.
Es gab auch ein paar ausgestopfte Tiere, zum Beispiel ein halbes Luchsbaby. Die andere Hälfte haben sie nie gefunden. Und Fotos aus dem Wald und vom Berg. Und Wurzeln. Und habe ich schon die geschnitzten Äste erwähnt?
Aber da ich ein Landkind bin, bin ich mit Pflanzen und Bäumen und Holz ehrlich zu erfreuen, und es war ein toller Besuch in einem tollen Museum. Es wäre bestimmt schön, mit dem alten Mongolen auf den Berg zu klettern. Der kennt bestimmt alle Bärenhöhlen und Adlernester und Quellen. UND wirklich alle Arten einheimischer Tierkacke, liebe Lisa!
Da sitzen sie, unsere Führer des Tages. Der Betrunkene wollte auch immer auf jedes Foto.

Dann ging es schon wieder zurück, über die holprige Straße, über den Sanddünenpass, durch die Steppe an Salzsee und Kamelen vorbei. Ein kleiner 2,5-Stunden-Ausflug, aber es reicht, um mich vollauf zufrieden zu stellen.

Eigentlich wollte ich am Samstag in aller Ruhe zurück nach UB fahren. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Anne, der ZfA-Frau, die hier die deutsch unterrichtenden Schulen betreut und über die der ganze Darkhan-Ausflug zustande kam. Sie käme am Samstag abend nach Darkhan und wollte am Sonntag einen Ausflug machen, ich könnte mit, wenn ich wollte.
Ich will wirklich nichts lieber, als in der Gegend rumfahren und "die Landschaft anglotzen", wie Anne es genannt hat.
Am liebsten würde ich das immer mit ihr machen. Denn Anne ist eine irre Frau. Sie lebt seit 3 oder 4 Jahren hier (nachdem sie schon jahrelang im tiefsten Russland war), hat ein eigenes Auto, einen alten Mercedes Geländewagen, und braust damit ganz alleine (na gut, mit GPS) querfeldein durch die Wüste Gobi, um ihre mongolischen Freunde zu besuchen und ne Woche Urlaub in der Jurte zu machen.
Ich bin völlig beeindruckt davon.
Und es macht so Spaß, mit ihr unterwegs zu sein, weil sie alles mögliche weiß und alle möglichen Leute kennt, und die ganze Zeit davon erzählt. Sie ist (war zumindest in Deutschland) Bio-Lehrerin. "Oh guck mal, hier wächst eine Pflanze, die heisst XYZ und hast du gehört, da drüben hat grade ne Lerche gesungen, und das hier ist ne mongolische Ulme, guck mal, was die für Luftwurzeln machen! Ist ja irre!"
Das Landkind guckt Pflanzen an und staunt und will sowas wissen. Auch das mit dem Herdentrieb-besiegt-Muttertrieb habe ich von ihr gelernt. Anne ist für mich persönlich die perfekte Reiseleiterin.
Spätestens dann, als sie fürs Picknick den zusammensteckbaren Alu-Spirituskocher inklusive Teekessel aus dem Auto holte, der auch in meiner Familie existiert, seitdem ich denken kann, war ich hoffnungslos verliebt.

Da es aber unwahrscheinlich ist, dass wir uns jemals wieder auf eine gemeinsame Reise begeben, erzähl ich euch lieber, was gestern passiert ist. Bzw., ich halte mich kurz, weil ich es eh schlecht fassen kann. Und die meisten Bilder schöner sind als alles, was ich darüber sagen könnte.
Mit uns unterwegs waren noch eine andere deutsche Lehrerin und ein deutscher Freiwilligendienstableistender, der auch an einer deutsch unterrichtenden Schule arbeitet.
Wir sind die selbe Strecke gefahren wie ich mit Batsukh drei Tage früher, und dann noch weiter bis zur russischen Grenze.
Heute war die Kamelherde direkt am Salzsee. Wir sind hin und haben Fohlen angestaunt. Ganz lange. Ganz doll. Ganz viele Fotos gemacht.
So eine Digitalkamera ist schon auch eine Last. Ständig macht man viel zu viele Fotos, die man dann sortieren muss, vergleichen muss, löschen muss, über die man einzeln entscheiden muss, was man vielleicht in Wahrheit niemals tun wird. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile knapp 20.000 Fotos auf dem Rechner, ohne Witz. Und die sind schon grob sortiert. Wer soll sich das alles jemals wieder angucken? Aber andererseits - wie kann man denn widerstehen, hier ein Foto zu machen? Und noch eins, und noch eins?

Und weiter gefahren, über die schöne schöne Sanddüne, am Abzweig zum warmen Berg vorbei, weiter weiter Richtung russische Grenze. Die Landschaft wird immer neu immer anders. Zum Teil sah es jetzt aus wie Taiga, mit Birken und Kiefern.
Der Grenzort heißt Sukhbaatar, und kurz davor sind wir links ab und über eine bucklige Sandpiste auf eine andere, bewaldete Sanddüne - wo sich der so genannte Mutterbaum befindet.
Der Mutterbaum ist eine Art Naturtempel, ein religiöser Ort unter freiem Himmel. Hier wird wohl eine Mischung aus Schamanismus und Buddhismus betrieben, von Menschen jeden Alters praktiziert. Und wenn ich richtig verstanden habe, ist es einer der heiligsten Orte der Mongolei. Was nicht heisst, dass besondere Ehrfurcht in der Luft liegt.
Der Mutterbaum ist ein von einem Lama ausgewählter, geweihter Baum. An ihn hängen die Menschen Tücher und bringen vor ihm Opfer dar, solange, bis der Baum von der ganzen Last zusammenbricht. Dies ist hier bereits vor einigen Jahren geschehen, 100 Meter weiter ist der neu gewählte Mutterbaum, noch längst nicht so behangen und gut besucht wie der alte.
Der Baum ist umgeben von einem "Ring", einer Mauer aus Teeziegeln, und der "Tempel" hat eine Art "Eingang". Das ist alles, was ihn mit religiösen Stätten, die ich sonst so kenne, verbindet.
Wie beschreiben?

Hier sieht man den ursprünglichen Baum, oder was davon über ist. Über und über mit Hadags und anderen Seidentüchern behängt, ist er wahrscheinlich irgendwann einfach darunter erstickt. Man beachte auch das Vorher-Nachher-Schild.
Tücher hängen auch an allen anderen erreichbaren Ästen im Umkreis der Teeziegelmauer, und auf der Teeziegelmauer drauf.

Ein Teeziegel ist ein Ziegelstein aus Teeblättern. Das war in irgendwelchen Zeiten wohl auch mal eine Art "Währung". Man erkundige sich bei Googel. Jedenfalls nimmt man heute ganz offensichtlich Teepackungen und stapelt sie übereinander. Klappt erstaunlich gut, finde ich, auch wenn das Papier natürlich auf geht und sie irgendwann ungeschützt im Regen liegen, die Tee-Steine. Aber es regnet ja zum Glück nicht so oft.
Man kommt hier her mit einem Wunsch oder einer Bitte, und umkreist den Altar, den Baum, den ganzen Kreis. Dabei opfert man Lebensmittel. Kekse, Süßigkeiten, Bonbons, Reis, und ganz wichtig: Milch und Wodka. Milch ist eine sehr heilige, verehrte Flüssigkeit. Und natürlich opfert man auch wertvolle Dinge, und was könnte es wohl für ein wertvolleres Getränk geben als Wodka? Flüssigkeiten werden auf einen Löffel oder in ein kleines Glas gegeben und dann verschüttet. Man umkreist also den Kreis, giesst ein und schüttet in kleinen Portionen Milch herum, auf die blauen Hadags, die damit schon ganz verklebt sind. Ein Geruch nach saurer Milch lässt sich nicht vermeiden. Ein Müllgürtel ähnlich wie der um Darkhan lässt sich auch nicht vermeiden.

Was die Ringe sollen, die auf dem ersten Bild in den Ästen hängen, war nicht zu erfahren. Es sind jedenfalls Lenkrad-Schutzhüllen. Aber wieso man sie hinhängt, bleibt unklar. Allerdings sagte Anne mit ihrer Mongolei-Erfahrung: Man muss nicht unbedingt annehmen, dass die Leute hier wissen, warum sie was machen. Sie wissen, was man machen soll, wie man sich verhält. Das man einen Hadag an den Baum knotet, Milch und Reis mitbringt, Wodka opfert und ein Räucherstäbchen anzündet. Aber welcher Akt was für eine Bedeutung hat, kann dabei völlig im Dunkeln liegen. Der Lama hat halt gesagt, man soll es so machen.
Einen Lama oder einen Schamanen gab es übrigens überhaupt nicht zu sehen.
Eigentlich sah es aus, wie Familienausflug mit Picknick. Ja.
Einer der heiligsten Orte der Mongolei.
Weiter ging es dann durch Sukhbaatar durch, noch einen Ort weiter - wo man nach Russland winken kann, bis der russische Grenzbeamte rüber kommt. Dann haut man besser wieder ab, langsam und unauffällig schlendern.

Und zurück, natürlich die gleiche Straße, durch Taiga und Steppe und bis zum Fluss, der bei der Sanddüne liegt, wo es einen Steilhang gibt, wo wir picknicken wollten.
Die Landschaft hier war einfach traumhaft. Der Fluss noch halb vereist, Sand, Bäume, Berge, Wolken, Farben.
Essen.
Gucken.
Jacke ausziehen.
Auf dem Boden sitzen.
Berg hochsteigen.
Runtergucken.
Was braucht der Mensch zum glücklich sein?



Hier ist Flickr.
Am Donnerstag hat Batsukh mit mir einen Ausflug gemacht. Eigentlich wollten wir Mittwoch fahren. Das klappte aber nicht, weil der "Führer", den wir brauchten, um den Weg zu finden - vielleicht aber auch nur, um einen Geländewagen zu haben - am Mittwoch zu besoffen war.
Das war er am Donnerstag auch, aber da haben wir uns trotzdem auf den Weg gemacht. Der besoffene Führer erkundigte sich zuerst nach meinem Alter und Familienstand, ich habe vorsichtshalber gesagt, ich sei verheiratet. Da legte er sich hinten auf die Rückbank, schlief und dünstete Wodka aus. Batsukh fuhr, es ging nach Norden.
Es ist mir wirklich so egal, wo wir hinfahren. Ich brauche nur im Auto zu sitzen und rauszuschauen, und ich werd sofort ganz glücklich. Die Landschaft ist so schön, es ist so schön, hier zu sein und wirklich mitten drin rumzufahren, und alles ist überall so, wie es auf der kitschigsten Romantik-Nomaden-Postkarte aussieht. Eine schnurgerade Straße geht mitten durch die Steppe. Da hinten die Berge. Dann ein Salzsee. Eine Herde Kamele (die hier gar nicht hingehören; eigentlich findet man die in der Gobi). Eine Herde Ziegen. Ein Nomadenmädchen kommt mit einem Ziegenbaby auf dem Arm - die Hirten müssen aufpassen, dass die Schafe und Ziegen nicht ihre Lämmer in der Steppe verlieren, denn der Herdeninstinkt ist stärker als der Mutterinstinkt. Und wenn so ein Baby nicht aufpasst, bleibt es zurück.
Aber dafür kommt ja das Nomadenmädchen hinterher.
Hirten auf Pferden. Hirten neben den gesattelten Pferden im Gras. Pferde ohne Sattel, mit Fohlen. Jurten am Berghang, noch im Winterlager; aber bald wird es wohl losgehen mit dem umziehen und Jurten einpacken und nomadisieren. Ovoos und blaue Hadags in allen Bäumen, auch hier.
Wir kamen an einer Kamelherde vorbei, und an einem Salzsee, und nach etwa 45 Minuten gab es irgendwann eine andere asphaltierte Straße nach links. Vorher gab es nur Pisten, wenn überhaupt.
Die Landschaft hatte sich mittlerweile stark geändert; so, wie das Kamel da liegt, mitten im Nichts umgeben von nichts, sah es nicht mehr aus. Man kommt irgendwann an eine Sanddüne, über die ein kleiner Pass drüberführt; und plötzlich sind da überall Büsche und Bäume, und die Berge viel näher, und es sieht alles ganz anders aus.
Nachdem wir abgebogen sind, kamen wir zu einem Berg, der "warmer König" oder "König der Wärme" heißt. Und warum heisst er so? Natürlich hat es was mit Dschinghis Khan zu tun, denn obwohl nach ihm noch 38 andere Khans kamen, ist er der einzig wahre und große König. Er campierte also eines Tages mit seinen Soldaten hier. Er selbst schlief in der Nähe des Berges, aber ein Teil seines Heeres lag weiter draußen. Es muss wohl Winter gewesen sein, denn am nächsten Tag waren die Soldaten, die weiter draußen übernachtet hatten, tot - doch der wärmende Berg hatte den großen König geschützt und darf sich seitdem mit dem Namen schmücken, die diese Geschichte in Kurzform erzählt.
Am Fuß von diesem Berg liegt ein kleines Dorf, und hier führt auch die Eisenbahnlinie nach Russland vorbei. Aber ohne zu halten, glaube ich.
Die Straße zu dem Dorf war ziemlich schlecht, und Batsukh ist die ganze Zeit gefahren wie verrückt. Ich musste mich festhalten und aus dem Fenster gucken, weil ich die ganze Zeit so lachen musste. Er ist ein ziemlich nervöser Fahrer, so einer, der schnell fährt, aber dabei keine Sicherheit ausstrahlt. Zielsicher nahm er jedes Schlagloch mit, und der besoffene Typ auf der Rückbank flog ein paar Mal von der Bank.
Als wir in dem Dorf ankamen, wachte er auf ("oh, schon da?"). Batsukh wollte ihn eigentlich dabeihaben, weil er mit dem Weg nicht sicher war, aber jetzt hatten wir es ja auch so gefunden. Wie hätten wir das eigentlich nicht finden können, frage ich mich, denn wenn man nur auf Asphaltstraßen unterwegs ist, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit sich zu verfahren. Es gibt ja nur alle 50 Kilometer eine neue Straße. Sobald man den Asphalt verlässt, ist das natürlich ne ganz andere Sache.
In dem Dorf an dem Berghang gibt es ein kleines Häuschen, wo ein alter Mann lebt, der da ein privates Museum in einer Art russischen Datscha eingerichtet hat. Dahin wollten wir.
Es gab auch ein paar ausgestopfte Tiere, zum Beispiel ein halbes Luchsbaby. Die andere Hälfte haben sie nie gefunden. Und Fotos aus dem Wald und vom Berg. Und Wurzeln. Und habe ich schon die geschnitzten Äste erwähnt?
Aber da ich ein Landkind bin, bin ich mit Pflanzen und Bäumen und Holz ehrlich zu erfreuen, und es war ein toller Besuch in einem tollen Museum. Es wäre bestimmt schön, mit dem alten Mongolen auf den Berg zu klettern. Der kennt bestimmt alle Bärenhöhlen und Adlernester und Quellen. UND wirklich alle Arten einheimischer Tierkacke, liebe Lisa!
Da sitzen sie, unsere Führer des Tages. Der Betrunkene wollte auch immer auf jedes Foto.
Dann ging es schon wieder zurück, über die holprige Straße, über den Sanddünenpass, durch die Steppe an Salzsee und Kamelen vorbei. Ein kleiner 2,5-Stunden-Ausflug, aber es reicht, um mich vollauf zufrieden zu stellen.
Eigentlich wollte ich am Samstag in aller Ruhe zurück nach UB fahren. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Anne, der ZfA-Frau, die hier die deutsch unterrichtenden Schulen betreut und über die der ganze Darkhan-Ausflug zustande kam. Sie käme am Samstag abend nach Darkhan und wollte am Sonntag einen Ausflug machen, ich könnte mit, wenn ich wollte.
Ich will wirklich nichts lieber, als in der Gegend rumfahren und "die Landschaft anglotzen", wie Anne es genannt hat.
Am liebsten würde ich das immer mit ihr machen. Denn Anne ist eine irre Frau. Sie lebt seit 3 oder 4 Jahren hier (nachdem sie schon jahrelang im tiefsten Russland war), hat ein eigenes Auto, einen alten Mercedes Geländewagen, und braust damit ganz alleine (na gut, mit GPS) querfeldein durch die Wüste Gobi, um ihre mongolischen Freunde zu besuchen und ne Woche Urlaub in der Jurte zu machen.
Ich bin völlig beeindruckt davon.
Und es macht so Spaß, mit ihr unterwegs zu sein, weil sie alles mögliche weiß und alle möglichen Leute kennt, und die ganze Zeit davon erzählt. Sie ist (war zumindest in Deutschland) Bio-Lehrerin. "Oh guck mal, hier wächst eine Pflanze, die heisst XYZ und hast du gehört, da drüben hat grade ne Lerche gesungen, und das hier ist ne mongolische Ulme, guck mal, was die für Luftwurzeln machen! Ist ja irre!"
Das Landkind guckt Pflanzen an und staunt und will sowas wissen. Auch das mit dem Herdentrieb-besiegt-Muttertrieb habe ich von ihr gelernt. Anne ist für mich persönlich die perfekte Reiseleiterin.
Spätestens dann, als sie fürs Picknick den zusammensteckbaren Alu-Spirituskocher inklusive Teekessel aus dem Auto holte, der auch in meiner Familie existiert, seitdem ich denken kann, war ich hoffnungslos verliebt.
Da es aber unwahrscheinlich ist, dass wir uns jemals wieder auf eine gemeinsame Reise begeben, erzähl ich euch lieber, was gestern passiert ist. Bzw., ich halte mich kurz, weil ich es eh schlecht fassen kann. Und die meisten Bilder schöner sind als alles, was ich darüber sagen könnte.
Mit uns unterwegs waren noch eine andere deutsche Lehrerin und ein deutscher Freiwilligendienstableistender, der auch an einer deutsch unterrichtenden Schule arbeitet.
Wir sind die selbe Strecke gefahren wie ich mit Batsukh drei Tage früher, und dann noch weiter bis zur russischen Grenze.
Heute war die Kamelherde direkt am Salzsee. Wir sind hin und haben Fohlen angestaunt. Ganz lange. Ganz doll. Ganz viele Fotos gemacht.
So eine Digitalkamera ist schon auch eine Last. Ständig macht man viel zu viele Fotos, die man dann sortieren muss, vergleichen muss, löschen muss, über die man einzeln entscheiden muss, was man vielleicht in Wahrheit niemals tun wird. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile knapp 20.000 Fotos auf dem Rechner, ohne Witz. Und die sind schon grob sortiert. Wer soll sich das alles jemals wieder angucken? Aber andererseits - wie kann man denn widerstehen, hier ein Foto zu machen? Und noch eins, und noch eins?
Und weiter gefahren, über die schöne schöne Sanddüne, am Abzweig zum warmen Berg vorbei, weiter weiter Richtung russische Grenze. Die Landschaft wird immer neu immer anders. Zum Teil sah es jetzt aus wie Taiga, mit Birken und Kiefern.
Der Grenzort heißt Sukhbaatar, und kurz davor sind wir links ab und über eine bucklige Sandpiste auf eine andere, bewaldete Sanddüne - wo sich der so genannte Mutterbaum befindet.
Der Mutterbaum ist eine Art Naturtempel, ein religiöser Ort unter freiem Himmel. Hier wird wohl eine Mischung aus Schamanismus und Buddhismus betrieben, von Menschen jeden Alters praktiziert. Und wenn ich richtig verstanden habe, ist es einer der heiligsten Orte der Mongolei. Was nicht heisst, dass besondere Ehrfurcht in der Luft liegt.
Der Mutterbaum ist ein von einem Lama ausgewählter, geweihter Baum. An ihn hängen die Menschen Tücher und bringen vor ihm Opfer dar, solange, bis der Baum von der ganzen Last zusammenbricht. Dies ist hier bereits vor einigen Jahren geschehen, 100 Meter weiter ist der neu gewählte Mutterbaum, noch längst nicht so behangen und gut besucht wie der alte.
Der Baum ist umgeben von einem "Ring", einer Mauer aus Teeziegeln, und der "Tempel" hat eine Art "Eingang". Das ist alles, was ihn mit religiösen Stätten, die ich sonst so kenne, verbindet.
Wie beschreiben?
Hier sieht man den ursprünglichen Baum, oder was davon über ist. Über und über mit Hadags und anderen Seidentüchern behängt, ist er wahrscheinlich irgendwann einfach darunter erstickt. Man beachte auch das Vorher-Nachher-Schild.
Tücher hängen auch an allen anderen erreichbaren Ästen im Umkreis der Teeziegelmauer, und auf der Teeziegelmauer drauf.
Ein Teeziegel ist ein Ziegelstein aus Teeblättern. Das war in irgendwelchen Zeiten wohl auch mal eine Art "Währung". Man erkundige sich bei Googel. Jedenfalls nimmt man heute ganz offensichtlich Teepackungen und stapelt sie übereinander. Klappt erstaunlich gut, finde ich, auch wenn das Papier natürlich auf geht und sie irgendwann ungeschützt im Regen liegen, die Tee-Steine. Aber es regnet ja zum Glück nicht so oft.
Man kommt hier her mit einem Wunsch oder einer Bitte, und umkreist den Altar, den Baum, den ganzen Kreis. Dabei opfert man Lebensmittel. Kekse, Süßigkeiten, Bonbons, Reis, und ganz wichtig: Milch und Wodka. Milch ist eine sehr heilige, verehrte Flüssigkeit. Und natürlich opfert man auch wertvolle Dinge, und was könnte es wohl für ein wertvolleres Getränk geben als Wodka? Flüssigkeiten werden auf einen Löffel oder in ein kleines Glas gegeben und dann verschüttet. Man umkreist also den Kreis, giesst ein und schüttet in kleinen Portionen Milch herum, auf die blauen Hadags, die damit schon ganz verklebt sind. Ein Geruch nach saurer Milch lässt sich nicht vermeiden. Ein Müllgürtel ähnlich wie der um Darkhan lässt sich auch nicht vermeiden.
Was die Ringe sollen, die auf dem ersten Bild in den Ästen hängen, war nicht zu erfahren. Es sind jedenfalls Lenkrad-Schutzhüllen. Aber wieso man sie hinhängt, bleibt unklar. Allerdings sagte Anne mit ihrer Mongolei-Erfahrung: Man muss nicht unbedingt annehmen, dass die Leute hier wissen, warum sie was machen. Sie wissen, was man machen soll, wie man sich verhält. Das man einen Hadag an den Baum knotet, Milch und Reis mitbringt, Wodka opfert und ein Räucherstäbchen anzündet. Aber welcher Akt was für eine Bedeutung hat, kann dabei völlig im Dunkeln liegen. Der Lama hat halt gesagt, man soll es so machen.
Einen Lama oder einen Schamanen gab es übrigens überhaupt nicht zu sehen.
Eigentlich sah es aus, wie Familienausflug mit Picknick. Ja.
Einer der heiligsten Orte der Mongolei.
Weiter ging es dann durch Sukhbaatar durch, noch einen Ort weiter - wo man nach Russland winken kann, bis der russische Grenzbeamte rüber kommt. Dann haut man besser wieder ab, langsam und unauffällig schlendern.
Und zurück, natürlich die gleiche Straße, durch Taiga und Steppe und bis zum Fluss, der bei der Sanddüne liegt, wo es einen Steilhang gibt, wo wir picknicken wollten.
Die Landschaft hier war einfach traumhaft. Der Fluss noch halb vereist, Sand, Bäume, Berge, Wolken, Farben.
Essen.
Gucken.
Jacke ausziehen.
Auf dem Boden sitzen.
Berg hochsteigen.
Runtergucken.
Was braucht der Mensch zum glücklich sein?
Hier ist Flickr.
Stadt -
Ich fühle mich wie nach einer Woche Entspannungsurlaub.
Ich habe genau das gemacht, was ich mir am Montag vorgenommen habe; nämlich fast gar nichts. Ich bin in der Steppe rumgelaufen, und dann bin ich nach Hause gegangen und habe die Tür zu gemacht und ausgeschlafen.
Aber erstmal, gestatten: Das ist Darkhan.

Und da liegt Darkhan:

Das süße kleine Darkhan. Zweitgrößte Stadt, oder meinetwegen auch drittgrößte; darüber streiten sie sich wohl mit Erdenet. Auf jeden Fall ist es für mein Empfinden mehr ein Kuhdorf als eine Stadt, und wie gesagt - das war toll, endlich mal wieder in einem Kuhdorf zu sein, und raus zu können, und nicht umzingelt zu sein und einen mickrigen Spaziergang mit Taxi und Bus und Schlachtplan erstmal umständlich austüfteln zu müssen.
Darkhan ist erst 50 Jahre alt, eine Industriestadt eigentlich, die Anfang der 60er mit Hilfe der Sowjetunion quasi aus dem Boden gestampft wurde. Darkhan bedeutet wörtlich Schmied - damit sei die Aufgabe der Stadt grob umrissen.
Zur russischen Grenze sind es nur noch etwa 150 Kilometer, und in der Sowjetzeit haben hier auch viele Russen gelebt. Wohl auch daher kommt das Interesse an Russisch.
Jeden Tag hatte ich natürlich auch Unterricht in der russischen Schule. Russische Schule heißt, die Kinder werden dort in allen Fächern auf Russisch unterrichtet, es ist aber eine mongolische Schule und die Muttersprache der Kinder ist monglisch.

Ich hatte jeden Tag zwei Stunden, was wenig anstrengend war und mich in meinem Nichtstun und von UB erholen nicht sehr beeinträchtigt hat. Batsukh, der Direktor und Deutschlehrer, hat mich am Montag einfach in den Klassenraum geschoben, hat zu den Kindern gesagt - so, das ist für diese Woche eure Lehrerin, und ist wieder rausgegangen.
Die Kinder waren cool, eine ganz seltsame Mischung zwischen Flohzirkus und strammer Disziplin. Kaum klingelte die Glocke (das passiert, wenn eine Lehrerin im Vorzimmer den Stecker der Klingelglocke kurz an die Steckdose hält), standen die Kinder in Hab-acht-Stellung hinter ihren Tischen, warteten auf meinen Gruss, brüllten mir dann gemeinsam ihre Antwort entgegen (Guten-Morgen-Frau-Katharina!!!) und setzten sich nicht eher hin, als bis ich es ausdrücklich erlaubt hatte.
Dann waren sie allerdings wieder ganz normale wilde Kinder, die wild rumquäken und quatschen, dazwischenrufen, ständig Plätze tauschen und schwerer als der sprichwörtliche Sack Flöhe zu hüten sind.
Ich hatte Unterricht in der 5. und der 7. Klasse. Eine 6. Klasse gibt es nicht. Konversation soll ich machen, hiess es. Weil ich (obwohl ich mehrmals gefragt hatte) nicht wirklich wusste, was ich mit den Kindern machen kann - was sie schon können, was sie grade für ein Thema haben, mit was für einem Buch sie arbeiten - , und noch dazu weil ich ja überhaupt keine Erfahrungen oder irgendeine Einschätzung über den Unterricht mit Kindern habe, habe ich zumindest die 5. Klasse dann auch abwechselnd über- und unterfordert, glaube ich. Aber ich denke, sie haben es mir nicht übel genommen, und es war alles in allem trotzdem ganz ok. Und mit der 7. konnte man wirklich schon viel machen.
Überhaupt hat es viel Spass gemacht, die Kinder waren sehr offen und überhaupt nicht ängstlich. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie mit Fremdsprachen aufwachsen, indem sie eben von der 1. Klasse an auf russisch unterrichtet werden. Sich in eine Sprache einfühlen und ohne Scheu einfach darin kommunizieren, soweit es eben geht, damit haben sie kein Problem, und das merkt man ihnen an.
Die Schule wächst quasi mit ihren Schülern. Die 7. Klasse ist die Älteste, das ist der erste Jahrgang, der damals in der Schule angefangen hat. Nächstes Jahr, ab der 8. Klasse, lernen sie zusätzlich noch Englisch. Und natürlich gibt's auch Mongolisch-Unterricht. Wenn sie dann abgehen, sind die Kinder richtige Sprachprofis.
Ausserdem profitieren sie sehr von der Grösse der Schule, bzw von der Kleinheit. Hier hat eine Klasse 12 oder 15 Schüler. Das ist ein unglaublicher Luxus gegenüber den normalen Schulen, in denen bis zu 60 Kinder in einer Klasse sind.
Aber natürlich kostet dieser Luxus auch Schulgebühren.
5. Klasse...

... und 7. Klasse

Gewohnt habe ich ungefähr 1 Minute von der Schule entfernt, in einem Lehrer-Wohnheim - oder besser gesagt, einer Lehrer-WG. Ausser mir waren da noch 5 andere Lehrerinnen. Alles Russinnen, die kein Englisch konnten, und da ich kein Wort Russisch konnte, gab es eigentlich keine Kommunikation. Aber das war auch ok, ich war ja quasi in meinem Alleinsein-Nichtstun-Urlaub und äusserst zufrieden, wenn ich alleine sein und nichts tun konnte.
Und rumlaufen.
Meine erste Einschätzung, dass in der Steppe gar nichts ist, hat sich ein wenig relativiert. In der Nähe der Stadt gibt es erstmal überall Müll, wahre Müllhalden. Irgendwo gibt es auch eine "richtige" Müllhalde, und von da fliegt einfach viel Zeug rum, vom Winde verweht. Und dann bringen die Leute anscheinend auch ihre Säcke einfach hinter den nächsten Hügel, wo die Kühe drin rumfressen und alles ordentlich verteilen, bis wieder der Wind kommt und es weiter verteilt. Um Darkhan rum gibt es also erstmal überall einen mehrere hundert Meter breiten, mehr oder weniger intensiven Müllgürtel.

Außerdem gibt's überall tote Tiere, Tierteile, Knochen, Hufe, Hörner und Zähne. In meinen aktiven Zeiten als Knochensammlerin und Tierarchäologin hätte ich wahrscheinlich gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Aber bei dem Übermaß hier erübrigt sich das schnell.
Einerseits sind das noch Reste von erfrorenen Tieren, die immernoch überall in der Steppe, neben der Straße und sonstwo rumliegen, mittlerweile halb verwest, halb gefressen und halb immernoch gefroren. Die Hunde tragen es rum.
Außerdem scheint es Usus zu sein, Reste von Fleischmahlzeiten aus dem Fenster zu werfen. Vor den Häusern und Wohnung ist auch alles voll damit. Einerseits könnte das auch für die Hunde gedacht sein. Andererseits gibt es wohl auch den Brauch, bestimmte Knochen (Schulterknochen) nach dem Essen sofort aus dem Haus zu verbannen und möglichst vorher auch schon kaputt zu brechen. Es könnte also auch sein, dass man sich einfach auf dem schnellsten Wege, nämlich per aus-dem-Fenster-werfen seiner bösen Geister entledigt.
Und, was es auch immer und überall zu geben scheint: Strommasten.
Hat man den Müllgürtel aber erstmal überquert, liegt vor einem: endlose, leere Steppe. Hügel. Hinter dem Hügel: Steppe. Und ganz hinten: Berge. Ab und zu eine Herde, oder eine Reifenspur.


Noch ist alles braun und verdorrt und trocken und braun. Aber wenn der Frühling loslegt und dann der Sommer kommt, dann wird die ganze Landschaft grün sein. Oh, oh, wie schön.
Auch in Darkhan selber bin ich viel rumgelaufen. Dort gibt es: Ein Museum für Stadtgeschichte, in dem extra für mich erst das Licht angeschaltet wurde denn man rechnet nicht oft mit Besuchern. Allerdings gabs dafür eine Führung auf Englisch nur für mich, von einem freundlichen jungen Mongolen, der alle meine Fragen beantworten konnte. Das war cool.
Außerdem gibt es: eine Buddha-Statue auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Blick nach Westen hat.
Und es gibt: ein Denkmal für die mongolische Pferdekopfgeige, Morin Khuur, erst drei Jahre alt und der neueste Stolz der Stadt.

Die Pferdekopfgeige ist neben der Jurte eins der wichtigsten Nationalsymbole und überall präsent, besonders natürlich in den Souvenirshops. Sie hat zwei Saiten, die aus jeweils einem Strang Schweifhaare bestehen, und am Halsende einen geschnitzten Pferdekopf.
Über ihre Entstehung gibt es ganz viele verschiedene Geschichten und Legenden. Aber immer geht es irgendwie um einen Mann (Fürst, Soldat, Hirt...), der ein Zauberpferd hatte, was fliegen konnte (zur Geliebten, zur vermissten Heimat...). Und irgendwie kommt dieses Pferd um (durch Unachtsamkeit, durch eine eifersüchtige Ehefrau...), und der Mann baut sich zum Trost aus den Knochen und Schweifhaaren des toten Zauberpferdes eine Geige - um seine Trauer besingen oder die schönen, verloren gegangenen Stunden wieder aufleben lassen zu können.
Und letztendlich bin ich dann doch auch zwei Mal aus Darkhan rausgekommen und habe Ausflüge noch weiter in den Norden gemacht. Zu Kamelen und Salzseen und Mutterbäumen und der russischen Grenze, und Ziegenbabys und Picknicken und dem schönsten Fluss der Welt, der immernoch zu 3/4 zugefroren ist.
Aber darüber gibt's einen eigenen Bericht.
Mehr Fotos von Darkhan gibt's bei Flickr und hier in der Diashow.
Übrigens: Ich empfehle, in der Diashow oben rechts auf "Info anzeigen" zu klicken, denn dann steht da, wie das Foto heißt. Vielleicht interessiert euch ja, was ihr da eigentlich genau anguckt.
Ich habe genau das gemacht, was ich mir am Montag vorgenommen habe; nämlich fast gar nichts. Ich bin in der Steppe rumgelaufen, und dann bin ich nach Hause gegangen und habe die Tür zu gemacht und ausgeschlafen.
Aber erstmal, gestatten: Das ist Darkhan.

Und da liegt Darkhan:
Das süße kleine Darkhan. Zweitgrößte Stadt, oder meinetwegen auch drittgrößte; darüber streiten sie sich wohl mit Erdenet. Auf jeden Fall ist es für mein Empfinden mehr ein Kuhdorf als eine Stadt, und wie gesagt - das war toll, endlich mal wieder in einem Kuhdorf zu sein, und raus zu können, und nicht umzingelt zu sein und einen mickrigen Spaziergang mit Taxi und Bus und Schlachtplan erstmal umständlich austüfteln zu müssen.
Darkhan ist erst 50 Jahre alt, eine Industriestadt eigentlich, die Anfang der 60er mit Hilfe der Sowjetunion quasi aus dem Boden gestampft wurde. Darkhan bedeutet wörtlich Schmied - damit sei die Aufgabe der Stadt grob umrissen.
Zur russischen Grenze sind es nur noch etwa 150 Kilometer, und in der Sowjetzeit haben hier auch viele Russen gelebt. Wohl auch daher kommt das Interesse an Russisch.
Jeden Tag hatte ich natürlich auch Unterricht in der russischen Schule. Russische Schule heißt, die Kinder werden dort in allen Fächern auf Russisch unterrichtet, es ist aber eine mongolische Schule und die Muttersprache der Kinder ist monglisch.

Ich hatte jeden Tag zwei Stunden, was wenig anstrengend war und mich in meinem Nichtstun und von UB erholen nicht sehr beeinträchtigt hat. Batsukh, der Direktor und Deutschlehrer, hat mich am Montag einfach in den Klassenraum geschoben, hat zu den Kindern gesagt - so, das ist für diese Woche eure Lehrerin, und ist wieder rausgegangen.
Die Kinder waren cool, eine ganz seltsame Mischung zwischen Flohzirkus und strammer Disziplin. Kaum klingelte die Glocke (das passiert, wenn eine Lehrerin im Vorzimmer den Stecker der Klingelglocke kurz an die Steckdose hält), standen die Kinder in Hab-acht-Stellung hinter ihren Tischen, warteten auf meinen Gruss, brüllten mir dann gemeinsam ihre Antwort entgegen (Guten-Morgen-Frau-Katharina!!!) und setzten sich nicht eher hin, als bis ich es ausdrücklich erlaubt hatte.
Dann waren sie allerdings wieder ganz normale wilde Kinder, die wild rumquäken und quatschen, dazwischenrufen, ständig Plätze tauschen und schwerer als der sprichwörtliche Sack Flöhe zu hüten sind.
Ich hatte Unterricht in der 5. und der 7. Klasse. Eine 6. Klasse gibt es nicht. Konversation soll ich machen, hiess es. Weil ich (obwohl ich mehrmals gefragt hatte) nicht wirklich wusste, was ich mit den Kindern machen kann - was sie schon können, was sie grade für ein Thema haben, mit was für einem Buch sie arbeiten - , und noch dazu weil ich ja überhaupt keine Erfahrungen oder irgendeine Einschätzung über den Unterricht mit Kindern habe, habe ich zumindest die 5. Klasse dann auch abwechselnd über- und unterfordert, glaube ich. Aber ich denke, sie haben es mir nicht übel genommen, und es war alles in allem trotzdem ganz ok. Und mit der 7. konnte man wirklich schon viel machen.
Überhaupt hat es viel Spass gemacht, die Kinder waren sehr offen und überhaupt nicht ängstlich. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie mit Fremdsprachen aufwachsen, indem sie eben von der 1. Klasse an auf russisch unterrichtet werden. Sich in eine Sprache einfühlen und ohne Scheu einfach darin kommunizieren, soweit es eben geht, damit haben sie kein Problem, und das merkt man ihnen an.
Die Schule wächst quasi mit ihren Schülern. Die 7. Klasse ist die Älteste, das ist der erste Jahrgang, der damals in der Schule angefangen hat. Nächstes Jahr, ab der 8. Klasse, lernen sie zusätzlich noch Englisch. Und natürlich gibt's auch Mongolisch-Unterricht. Wenn sie dann abgehen, sind die Kinder richtige Sprachprofis.
Ausserdem profitieren sie sehr von der Grösse der Schule, bzw von der Kleinheit. Hier hat eine Klasse 12 oder 15 Schüler. Das ist ein unglaublicher Luxus gegenüber den normalen Schulen, in denen bis zu 60 Kinder in einer Klasse sind.
Aber natürlich kostet dieser Luxus auch Schulgebühren.
5. Klasse...
... und 7. Klasse
Gewohnt habe ich ungefähr 1 Minute von der Schule entfernt, in einem Lehrer-Wohnheim - oder besser gesagt, einer Lehrer-WG. Ausser mir waren da noch 5 andere Lehrerinnen. Alles Russinnen, die kein Englisch konnten, und da ich kein Wort Russisch konnte, gab es eigentlich keine Kommunikation. Aber das war auch ok, ich war ja quasi in meinem Alleinsein-Nichtstun-Urlaub und äusserst zufrieden, wenn ich alleine sein und nichts tun konnte.
Und rumlaufen.
Meine erste Einschätzung, dass in der Steppe gar nichts ist, hat sich ein wenig relativiert. In der Nähe der Stadt gibt es erstmal überall Müll, wahre Müllhalden. Irgendwo gibt es auch eine "richtige" Müllhalde, und von da fliegt einfach viel Zeug rum, vom Winde verweht. Und dann bringen die Leute anscheinend auch ihre Säcke einfach hinter den nächsten Hügel, wo die Kühe drin rumfressen und alles ordentlich verteilen, bis wieder der Wind kommt und es weiter verteilt. Um Darkhan rum gibt es also erstmal überall einen mehrere hundert Meter breiten, mehr oder weniger intensiven Müllgürtel.
Außerdem gibt's überall tote Tiere, Tierteile, Knochen, Hufe, Hörner und Zähne. In meinen aktiven Zeiten als Knochensammlerin und Tierarchäologin hätte ich wahrscheinlich gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Aber bei dem Übermaß hier erübrigt sich das schnell.
Einerseits sind das noch Reste von erfrorenen Tieren, die immernoch überall in der Steppe, neben der Straße und sonstwo rumliegen, mittlerweile halb verwest, halb gefressen und halb immernoch gefroren. Die Hunde tragen es rum.
Außerdem scheint es Usus zu sein, Reste von Fleischmahlzeiten aus dem Fenster zu werfen. Vor den Häusern und Wohnung ist auch alles voll damit. Einerseits könnte das auch für die Hunde gedacht sein. Andererseits gibt es wohl auch den Brauch, bestimmte Knochen (Schulterknochen) nach dem Essen sofort aus dem Haus zu verbannen und möglichst vorher auch schon kaputt zu brechen. Es könnte also auch sein, dass man sich einfach auf dem schnellsten Wege, nämlich per aus-dem-Fenster-werfen seiner bösen Geister entledigt.
Und, was es auch immer und überall zu geben scheint: Strommasten.
Hat man den Müllgürtel aber erstmal überquert, liegt vor einem: endlose, leere Steppe. Hügel. Hinter dem Hügel: Steppe. Und ganz hinten: Berge. Ab und zu eine Herde, oder eine Reifenspur.
Noch ist alles braun und verdorrt und trocken und braun. Aber wenn der Frühling loslegt und dann der Sommer kommt, dann wird die ganze Landschaft grün sein. Oh, oh, wie schön.
Auch in Darkhan selber bin ich viel rumgelaufen. Dort gibt es: Ein Museum für Stadtgeschichte, in dem extra für mich erst das Licht angeschaltet wurde denn man rechnet nicht oft mit Besuchern. Allerdings gabs dafür eine Führung auf Englisch nur für mich, von einem freundlichen jungen Mongolen, der alle meine Fragen beantworten konnte. Das war cool.
Außerdem gibt es: eine Buddha-Statue auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Blick nach Westen hat.
Und es gibt: ein Denkmal für die mongolische Pferdekopfgeige, Morin Khuur, erst drei Jahre alt und der neueste Stolz der Stadt.
Die Pferdekopfgeige ist neben der Jurte eins der wichtigsten Nationalsymbole und überall präsent, besonders natürlich in den Souvenirshops. Sie hat zwei Saiten, die aus jeweils einem Strang Schweifhaare bestehen, und am Halsende einen geschnitzten Pferdekopf.
Über ihre Entstehung gibt es ganz viele verschiedene Geschichten und Legenden. Aber immer geht es irgendwie um einen Mann (Fürst, Soldat, Hirt...), der ein Zauberpferd hatte, was fliegen konnte (zur Geliebten, zur vermissten Heimat...). Und irgendwie kommt dieses Pferd um (durch Unachtsamkeit, durch eine eifersüchtige Ehefrau...), und der Mann baut sich zum Trost aus den Knochen und Schweifhaaren des toten Zauberpferdes eine Geige - um seine Trauer besingen oder die schönen, verloren gegangenen Stunden wieder aufleben lassen zu können.
Und letztendlich bin ich dann doch auch zwei Mal aus Darkhan rausgekommen und habe Ausflüge noch weiter in den Norden gemacht. Zu Kamelen und Salzseen und Mutterbäumen und der russischen Grenze, und Ziegenbabys und Picknicken und dem schönsten Fluss der Welt, der immernoch zu 3/4 zugefroren ist.
Aber darüber gibt's einen eigenen Bericht.
Mehr Fotos von Darkhan gibt's bei Flickr und hier in der Diashow.
Übrigens: Ich empfehle, in der Diashow oben rechts auf "Info anzeigen" zu klicken, denn dann steht da, wie das Foto heißt. Vielleicht interessiert euch ja, was ihr da eigentlich genau anguckt.
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