Drei Namen, eine Stadt. Ereen ist der mongolische Name, die Chinesen nennen ihre Stadt Erlian, aber bei Google Maps heißt es Eren Hot.
Und so sieht aus, wenn man in der Abendsonne durch die Steppe dorthin unterwegs ist.

Bahnhof unterwegs

Erlian ist die Stadt auf der chinesischen Seite des einzigen internationalen chinesisch-mongolischen Grenzübergangs. Das bedeutet, alle anderen Nationalitäten, die von China aus durch die Mongolei reisen, müssen hier durch – es gibt keinen einzigen anderen Übergang an der tausende Kilometer langen Grenze. Und das bedeutet, dass ein mongolisches Konsulat, in dem Ausländer ein Visum bekommen, hier ganz gut angesiedelt ist.
Für mein Visum musste ich also „nur“ zwei Kilometer über die chinesische Grenze und dann zurück.
Die Stadt auf der mongolischen Seite der Grenzen heißt Zamin Uud, und hierher kann man täglich mit dem Zug fahren. Ein paar mal die Woche auch weiter bis nach Beijing. Die meisten Züge enden aber hier.

Übrigens hat Batsukh, der Direktor der russischen Schule, sich mal so ausgedrückt: Für die Chinesen sind die Mongolen irgendwie auch eine Art Chinesen. Deshalb brauchen sie (zumindest für 30-Tage-Aufenthalte) kein Visum. Für die Mongolen sind Chinesen aber ganz und gar keine Mongolen, deshalb brauchen Chinesen sehr wohl immer ein Visum. Auch in dieser kleinen Anekdote manifestiert sich ein latenter Chinesen-Hass, dem man immer wieder bei vielen Mongolen begegnet: China ist ok zum billig einkaufen, doch ansonsten kommt von dort nichts Gutes.
Aber um billig einzukaufen, fahren viele Mongolen gern nach China. Einige Bekannte waren ganz aus dem Häuschen, als sie von meiner bevorstehenden Tour erfuhren. Sie haben mich sehr um die Möglichkeit beneidet, mich in Erlian wie wild durch die Märkte shoppen und dann wie die Königin auf meinen Tüten sitzend in einem Taxi ins Hotel fahren lassen zu können.
Die Züge nach Zamin Uud sind also voller kaufwütiger Hauptstädter, die genau wissen, wie das mit dem über-die-Grenze-kommen klappt.
Meine persönliche Internet-Recherche hatte ergeben, dass man die Grenze nicht zu Fuß passieren kann (obwohl das von der Entfernung zwischen den Städten her durchaus machbar wäre), aber das am Bahnhof massenweise russische Militärjeeps warten, die einen als private Taxis für die Standardflatrate von 50 Yuan über die Grenze bringen. Mein Plan war also, in Zamin Uud auszusteigen und irgendwie ein Taxi zu finden, was mich mitnimmt.
Das Taxi fand mich, in Form seines Fahrers, schon am Abend im Zug. „Hello my name is Bold. Ereen? Taxi?“. Bold war ein kleiner Trunkenbold (das konnte man riechen) mit Silberkettchen unter dem aufgeknöpftem Hemd und stylishem Hut auf dem Kopf. Aber da aus meinem Abteil noch eine allein reisende mongolische Frau mit ihm mitfuhr, hab ich mir sinnbildlich deren Hand geschnappt und ihm die Hand drauf gegeben, dass ich am nächsten Morgen auch mit über die Grenze komme. Und das klappte tatsächlich auch reibungslos.
Tatsächlich fährt fast nur eine Sorte Autos rüber, die sehen militärisch aus und sind entweder grün oder grau und haben eine Plastikplane als Dach und einen variablen Rücksitz, so dass man bei Bedarf viele Menschen und/oder viel Gepäck hinein bekommt. Aber das sollte erst bei der Rückfahrt von Bedeutung werden.
Wir passierten also nach viel Formular-Ausfüllen (die die Jeeptaxifahrer alle schon auf Vorrat im Auto haben) unspektakulär die mongolische und die chinesische Grenzkontrolle und um 10 Uhr am Donnerstag war ich problemlos in China angekommen. Und erfuhr als erstes, dass ab Samstag die Grenze für 3 Tage geschlossen sein würde, weil die Chinesen den Feiertag zum 1. Mai sehr ernst nehmen.
Das hat meinen Plan wieder ein klein wenig um den Haufen geworfen, denn eigentlich wollte ich am Samstag wieder in die Mongolei einreisen und zurück nach Ulan Bator fahren, damit mein Visum auch ganz 100% sicher bis zum Tag meines Abflugs gültig ist. Und damit ich, nachdem alles offizielle unter Dach und Fach wäre, noch ein bisschen in Ruhe rumgucken und vielleicht wirklich ein bisschen chinesische Waren einkaufen könnte. Aber bis Dienstag festsitzen wollte ich auch nicht, also stellte ich mich auch Freitag zurückfahren und sonst nicht viel erleben ein.
Das Jeeptaxi setzte uns als nächstes vor einem (mongolischen) Guesthouse ab, in dem ich mit Bayarmaa, der Frau aus meinem Abteil, ein Doppelzimmer nehmen konnte. Übrigens sprachen meine ganzen Begleiter alle kein bis drei Wörter Englisch, aber da ich einen mongolischen Einladungsbrief von Otgoo an das Konsulat dabeihatte, wussten sie was meine Mission war. Kommunikation über die wichtigsten überlebenstechnischen Dinge wie essen und schlafen und Grenzen überqueren klappt zur Not aber wirklich auch auf Händisch und Füßisch. Und so hatte ich ein Zimmer, ohne mich selbst irgendwie danach umgesehen haben zu müssen.
Dann setzten sie mich in ein Taxi, sagten dem Taxifahrer auf chinesisch wohin ich wollte, erklärten mir die chinesischen Flatrate-Taxipreise und ich fuhr zum Konsulat.
Dort erfuhr ich, dass mein Visum bis morgen früh fertig sein würde.
Und ich traf Matylda. Und Matylda hatte genau die gleiche Mission wie ich. Sie war im gleichen Zug wie ich gewesen (allerdings mit einer Gruppe befreundeter Mongolen unterwegs), sie gab im gleichen Moment ihren Visumsantrag ab, wir würden das Visum zusammen abholen, weil wir beide ne Art Extrawurst-Schnellabfertigung bekamen.
Und damit erübrigte sich sofort einfach mindestens die Hälfte aller bösen Gedanken, die man sich überhaupt noch machen kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid, gleiches Problem ist halb so schlimm.
Auch das Matylda das Gerücht kannte, dass die Grenze am Freitag um 14 Uhr geschlossen würde, weil man schon vor einem so wichtigen Feiertag wie dem 1. Mai nur noch die Hälfte der Zeit arbeitet, war da nur noch halb so schlimm. Ich hatte jemand zum an-die-Hand-nehmen, der englisch sprach und mein Problem absolut verinnerlicht hatte. Ich war nicht mehr allein.
Ein Problem, was ich aber noch hatte und Matylda nicht, war das des Rückfahr-Tickets nach Ulan Bator. Ich hatte noch keins, weil ich nicht gewusst hatte, wie lang das alles dauern würde, und dachte, dass es kein Problem ist, alles auch kurzfristig zu regeln.
Daher gingen wir anschließend zusammen zum Bahnhof, denn Matyldas Herde war (natürlich) wild am über die Märkte shoppen und sie hatte eh Zeit. Am Bahnhof in China kann man aber nur chinesische Fahrkarten kaufen. Man muss zum International Ticket Office, das irgendwo ist, wo der Finger der Schalterbeamten hinzeigt. Das könnte auf der anderen Straßenseite sein oder im gleichen Gebäude woanders, wir haben es nicht verstanden. Kompliziertere Fragestellungen wie diese sind mit Händisch und Füßisch dann schon schwieriger zu lösen. Wir haben es jedenfalls nicht gefunden, trotz mehrmaligem Wiederkommen und mehrmaligem Straßen abschreiten und gucken und Leute fragen.
Und dann habe ich beschlossen, dass es mir egal ist und ich das morgen in Zamin Uud erledigen würde, wenn ich zusammen mit Matyldas Gruppe pünktlich vor 14 Uhr mit deren Taxi über die Grenze gekommen wäre, nachdem wir pünktlich unsere Visas abgeholt hätten.
Und dann hatte ich also auch mal ein halbes Auge übrig für dieses China, was sich ja immerhin um mich herum befand. Und eigentlich sehr angenehm war. Breite Straßen, wenig Autos, alle fahren langsam. Niemand hat es eilig. Irgendwie lag über der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Sonntag nachmittag oder spanischer Siesta, obwohl ja mitten in der Woche war. Keine Ahnung, ob das besonders typisch chinesisch ist; ich nehme an, in Beijing geht es anders zu. Aber Erlian ist für chinesische Verhältnisse ein kleines Ministädtchen, in dem sich Radfahrer und Rikschas gefahrlos bewegen können. Nachdem ich einmal zu Konsulat gefahren war, konnte ich mich auch schon selbstständig orientieren und Taxifahrer notfalls einfach mit Handzeichen dirigieren. Das kommt daher, weil die Städte oft nach Reißbrettmuster schnurgrade Straßen haben, es geht also immer irgendwo gradeaus und dann entweder links oder rechts. Auch in Ulan Bator gibt es nur drei größere Parallelstraßen und dann muss man halt nur noch den richtigen Abzweig finden...
Nach dem Bahnhif gingen wir was essen. Speisekarte nur auf mongolisch oder chinesisch? Dann kommt eben mal die Köchin raus und wedelt mit Zucchini und Eier, um zu fragen, ob wir das möchten. Wir wollten das. Alles klappt irgendwie.
Hier ein paar Eindrücke aus China. Ich habe nicht so viele Fotos gemacht.
Viel Platz auf der Straße

Gobi ist Dinosauerier-Land.



Weiß nicht, ob man es erkennt: Beschilderung gibts in der Grenzstadt meistens noch zweisprachig, chinesisch und mongolisch. Und mongolisch hilft mir sogar schon ein bisschen weiter.


auf dem Straßenmarkt

Matylda kauft Ananas

Für alle, die selber drehen...

... und für Körnerfresser


Eins von den kleinen Lädchen ist mein Guesthouse

Wir verbrachten noch ein paar Stunden zusammen, und auch zusammen mit Matyldas Freundin Basara, eine Frau mittleren Alters, die ein paar Jahre in Polen gelebt hat und mit der Matylda auf polnisch redet, und die mit mir auf englisch reden konnte. Dann stellten wir sicher, dass ich morgen auch mit ins Jeeptaxi durfte, und dann ging ich schlafen in meiner kleinen 2,50€-Pension.
Am Freitag Morgen gingen wir nochmal über die Märkte, dann zum Konsulat, erhielten unser Visum, und dann sollte der Rückweg über die Grenze folgen.
Und der war dann doch noch ein bisschen seltsam, konfus und nervenbelastend.
Wir waren wirklich eine riesige Gruppe; 7 Erwachsene und zwei Kinder, plus Fahrer. Eigentlich sollte es wohl zwei Autos geben, aber irgendwie hatte sich ein Fahrer verflüchtigt, und so standen wir lange Zeit ein bisschen ziellos vor dem Hotel und warteten, ohne zu verstehen, auf was eigentlich. 10 Leute in einen Jeep, das könnte irgendwie gehen, denkt man; aber nicht zu vergessen waren diese 10 Leute zum einkaufen hier, und kauften Dinge wie Bügelbretter, Lampen, Flaschen voller Alkohol und weiß der Himmel was. Der Jeep war also eigentlich schon mit dem Gepäck voll beladen. Eine Tasche wurde kurzerhand mit irgendeinem Seil unter dem Auto befestigt, Matyldas Rucksack kam in den Motorraum. In unseren Köpfen schwirrte derweil das Gerücht, um 14 Uhr wird die Grenze zugemacht. Niemand wiederlegte das Gerücht, aber niemand schien sich besonders aufzuregen; auch nicht, als es schließlich 13:30 wurde. Wie schön, in einer Herde sein und das aufregen den anderen überlassen zu können. Trotzdem irgendwie seltsam, nicht zu verstehen, was um einen herum vorgeht.
Plötzlich war wohl irgendwie klar, dass hier niemand mehr zu unserer Hilfe kommt. Deshalb wurden wir jetzt doch alle zu dem Gepäck in den Jeep gequetscht. Übrigens war es sehr praktisch, dass diese Autos mit Planen bespannt sind, denn so sind sie flexibel; unser Gefährt hatte auf jeden Fall ein wenig seine äußere Form verloren, denn von innen drückten überall Kisten und Bündel und wahrscheinlich auch unsere Köpfe gegen die Plane. Vater und zwei Kinder saßen auf dem Beifahrersitz, und sechs Erwachsene teilten sich die Rückbank. Und dann ging es los Richtung Grenze.
Allerdings kamen wir nicht weit. Denn irgendwo an einer Straßenkreuzung – wo von Grenze noch keine Spur war - stand ein Polizist. Oder besser gesagt, er saß in seinem Auto, einem roten klapprigen VW Santana mit getönten Scheiben, der überhaupt nicht nach Polizei aussah. Hier sitzt also einer und tut nichts besonderes, aber alle Jeeptaxis halten bei ihm an, die Fahrer springen eilig raus und geben ihm Übernachtungsquittungen sämtlicher ihrer Mitfahrer.
Das hatten wir nämlich auch noch in Matyldas Hotel erledigt. Ich wurde gefragt, ob ich von meinem Guesthouse so etwas bekommen hätte. Habe ich nicht, und deshalb sollte ich es da am Hotel machen. Wenn man das nicht hätte, könnte man nicht beweisen dass man irgendwo übernachtet hätte und dann, ja, keine Ahnung was. Kostete natürlich etwas, sogar für diejenigen, die da wirklich übernachtet hatten. Der Sinn dieser Aktion bleibt mir absolut verborgen, auch der Sinn dieses Polizisten, der ganz offensichtlich nur im Auto saß und Übernachtungsquittungen entgegennahm und dann weiterfahren ließ. Ohne in die Autos zu schauen, ohne irgendwas als Beleg zurückzugeben, ohne jegliche von mir wahrgenommene Reaktion, irgendwie ziemlich polizistenmafiamäßig angehaucht ohne die geringste Spur von irgendwas Offiziellem. Aber offensichtlich hatte er die Autorität, uns nicht weiterfahren zu lassen, weil er zumindest ordentlich Schmiergeld sehen wollte, um ein derartig vollgequetschtes Auto durchzulassen. Das wollten wir anscheinend nicht bezahlen, also standen wir wieder sinnlos auf der Straße rum und warteten auf irgendwas, das nicht passierte.
Aber dann passierte es doch, irgendwer anderes nahm irgendwen von uns in irgendeinem anderen Jeep mit, wir durften den einen Kilometer bis zur Grenze weiterfahren und uns endlich in die Passkontrollen-Schlange der ausreisewilligen Mongolen einreihen. Wer es bis hier schafft, der kommt auf jeden Fall noch rüber. Die Mongolen schienen neben den Bügelbrettern auch allesamt mit riesigen Säcken Reis und rohen Eiern beladen ihre Heimreise anzutreten.
Hinter uns an der Passkontrolle standen zwei mongolische Geschäftsmänner, von denen einer Deutsch sprach und eine kleine Konversation versuchte. Ich hatte da aber grade keine Lust drauf, weil nichts verstehen und sich in Jeeps stapeln und nicht wissen, was eigentlich mit der Grenzschließung los ist, und ständig woanders am Straßenrand warten doch ein wenig an den Nerven zehrte. Ich war also höflich uninteressiert und machte beim Smalltalk nicht mit. Aber Basara unterhielt sich länger mit denen, denn nach der Passkontrolle warteten wir etwa 45 Minuten auf unser Auto, was ja auch kontrolliert werden musste. Diese Geschäftsmänner hatten jedenfalls die Information, dass der Zug nach Ulan Bator, mit dem meine neue Herde fahren würde, ausverkauft war. Eine Aussage, die mich in dem Augenblick nicht mehr besonders in Angst versetzen konnte, weil ich schon völlig im „es wird schon alles gut gehen“-Modus lief.
Irgendwann kam endlich unser Auto. Komischerweise wurde der Fahrer jetzt, wo wir ja schon im ganzen Prozedere drin waren und keine Gefahr mehr bestand, wir könnten es heute nicht mehr schaffen über die Grenze zu kommen, erst richtig hektisch und gab Gas und raste und machte ordentlich Stress. Keine der Türen des Jeeps war richtig geschlossen, wir saßen also wieder zu sechst auf der Rückbank und mussten auch noch die Türen zuhalten, während der wie irre die LKWs überholte auf der einen Kilometer langen Strecke. Wahrscheinlich wollte der Fahrer noch nach China zurück, und dafür würde es dann knapp werden.
Schließlich kamen wir zur mongolischen Kontrolle, und dann irgendwann endlich am Bahnhof an, wo der Zug schon bereit stand, der in einer Stunde losfahren würde.
Was die Geschäftsmänner gesagt hatten bewahrheitete sich. Der Zug war voll, voller als normal, denn alle einkaufstüchtigen Mongolen waren noch schnell vor der dreitägigen Grenzpause zurückgekommen, und wollten mitsamt ihrem Sack und Pack in den Zug. Vor jeder Waggontür häuften sich Schlangen von Leuten mit Bündeln und Kartons und unglaublich viel Gepäck.
Am Schalter waren bereits irrsinnige Knäule von Menschen, die für morgen Tickets kaufen wollten, denn auch dafür wurde es schon knapp. Es sah also so aus, als wär nichts zu machen und ich müsste wohl oder über hier bleiben, ein Hotel nehmen und ein Ticket für den nächsten Zug erkämpfen.
Und das war der Moment, wo ich dann doch fast weinen wollte. Alle schlimmen Dinge waren geschafft, ich hatte mein Visum und ich war wieder in der Mongolei, ich hätte auch noch einen Tag in Zamin Uud überlebt. Aber die Vorstellung war ganz schrecklich. Ich wollte nicht von meiner neuen Herde zurückgelassen werden, selbst wenn ich in einem völlig anderen Abteil wäre – ich wollte in diesen Zug und am nächsten morgen zuhause sein. Wir liefen an den Wagen hin und her und Basara organisierte rum und fragte die Schaffnerinnen und den Zugdirektor, aber irgendwie war nichts zu machen. Und ich war ja auch nicht die einzige mit diesem Problem.
Übrigens traf ich auf dem Bahnsteig auch meinen Taxifahrer von gestern wieder, sowie eigentlich alle Leute, die ich auf der Hinfahrt auch getroffen hatte. „Hi, my name is Bold“ sagte der Taxifahrer zu Matylda, und zu mir: „Zamyn Uud? Hotel?“ Aber in Übernachtungsfragen wollte ich mich dann doch nicht wirklich unter seine Obhut begeben.
Zehn Minuten vor Abfahrt, als ich grade unterwegs zu Matyldas Abteil war, um mich wenigstens zu verabschieden, trafen wir dann die werten Herren Geschäftsmänner von der chinesischen Passkontrolle wieder. Mit denen Basara sich Gott sei Dank ganz nett unterhalten hatte und anscheinend schon um eventuelle Hilfe gebeten hatte, was ich überhaupt nicht so richtig realisiert hatte. Die nahmen mir meinen kein-Interesse-am-Gespräch-Modus von vorhin auch überhaupt nicht übel, und hatten auch das gleiche Problem wie ich. Sie hatten noch kein Ticket, aber sie waren würdige Herren, die in jeder Situation eine Lösung finden, und sagten: Steig ein, wir haben das schon geregelt, wir warten im Restaurant und dann kommt der Kassier und verlauft uns ein Ticket für irgendeinen Restplatz. Das geht schon. Keine Sorge.
Die Einlasskontrollfrauen keiften mich an und wollten mich ohne Ticket nicht reinlassen, aber meine Deus ex Machinas regelten das mit Geschäftsmännerunderstatement. Die Restaurantfrauen keiften genauso rum, von wegen das wäre kein Vagabundenlager, sondern ein Restaurant, aber die Geschäftsmänner blieben einfach geschäftsmännermäßig cool und regelten das. Was überhaupt nicht heißen soll, sie zückten Kohle oder so; es reichten ein paar sachliche Worte. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Und als der Zug dann losfuhr, konnte ich gar nicht glauben, dass ich es tatsächlich irgendwie rein geschafft hatte. Aber ich hatte es. Eine helfende Hand kommt einfach immer zur richtigen Minute.
Wir kämpften uns schließlich zu Basara und den anderen ins Abteil vor, um da zu warten. Nach ein 1, 2 Stunden kam tatsächlich der Kassier, es gab tatsächlich ein freies Bett für mich, und ich musste einen Umstands-Aufschlag von umgerechnet 2 Euro bezahlen. Ich hätte mit Kusshand auch den doppelten Preis bezahlt und dafür einen Sitzplatz genommen.
Und dann brachte man mich in meine neue Kabine und sagte Gute Nacht, und ich sagte sain baina uu zu den Mitbewohnern meiner Kabine. Und es stellte sich heraus: Vater und Sohn, freundlich-ruhig-zurückhaltend-vertraueneinflößend, der Sohn hat 4 Jahre in Wien studiert und spricht perfekt deutsch. Selbst auf meinen letzten Metern schickt mir – wer auch immer, Himmel, Zufall, Schicksal – die perfekte Begleitung. Ich war selig, als ich mich schlafen legen durfte.
Ja, so war das. Meine Lehre ist: dir wird geholfen werden. Was eine sehr beruhigende Wirkung auf mich hat, ich habe jetzt das Gefühl, ich könnte in diesem Land überall hin reisen – und zur Not auch wieder ganz alleine. Auch wenn, wie gesagt, zusammen reisen einfach entspannter ist.
Beeindruckt bin ich auch davon, wie weit die Hilfsbereitschaft, das sich-Kümmern und das Zusammengehörigkeitsgefühl hier geht, selbst wenn man eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.
Das zweite Taxi, das eigentlich für die Rückfahrt organisiert war, war wohl abgehauen, als Matylda und ich beim Konsulat waren, um die Visas abzuholen. Der Fahrer wollte nicht länger auf uns warten. Aber die ganze Reisegruppe – die sich ja auch hätte splitten können, mit Grenzschließungsgerüchten im Kopf – sagte: Die gehören zu uns, die lassen wir jetzt nicht hier. Wir fahren alle zusammen, Punkt. Und dann standen wir stattdessen eben alle zusammen erstmal stundenlang rum.
Und obwohl sich das alles dann in einer Art verzögerte und verkomplizierte, die wirklich auf die Nerven gehen konnte, habe ich an niemandem von den Mitreisenden irgendeine Form von Ungeduld oder Verärgerung entdeckt. Die hatten einfach die Ruhe weg und ließen sich überhaupt nichts anmerken.
Und Basara, der es selbst schon den ganzen Tag schlecht ging, die ein Problem mit ihren Augen hatte und heute morgen vom Bahnhof aus den direkten Weg ins Krankenhaus genommen hat, hat mich trotzdem noch an die Hand genommen und alles versucht, um mir zu helfen, in den vermaledeiten Zug zu kommen. Unter helfen versteht man hier eben wirklich: helfen.
Dann durfte ich einsteigen, und weil das dann so plötzlich war, hatte ich gar kein Geld. Ich hätte mir für das Ticket am Schalter was von Matylda geliehen, aber die saß jetzt ganz woanders und zum Automaten schaffte ich es nicht mehr. Kein Problem, sagte der Geschäftsmann. Wildfremden Menschen im Notfall Geld leihen gehört auch zur Hilfsbereitschaft dazu.
Aber auch über die Hilfsbereitschaft der Mongolen hatte ich eigentlich schon etwas gelesen. Und zwar, dass in dieser Einsamkeit Hilfe ein wertvolles Gut ist, das jeder gern zu geben bereit ist – denn wer weiß, wann er als nächstes Hilfe von seinem (buchstäblich) Nächsten braucht...
Das habe ich nun also am eigenen Leib
erfahren dürfen.
Und das wirklich schöne, das, was an dem ganzen China-Trip vielleicht das allerbeste ist und etwas, für das ich es gerne auf mich genommen habe, ist, das ich nun Matylda kenne. Denn jemand, mit dem ich unter erschwerten Bedingungen gern Zeit verbringe, ist jemand, mit dem ich unter normalen Voraussetzungen sehr gern noch sehr viel mehr Zeit verbringen möchte. So jemanden habe ich bisher noch nicht getroffen hier. Und Freunde zu haben, fehlt mir schon. Ich freu mich über eine neue Bekanntschaft, die bestimmt noch weiter wachsen wird. Zum Beispiel beim schon geplanten Ponytrip, jippiiiieeh!
So sah es übrigens aus, wenn sich unser langer langer Zug im dunstigen Morgen Richtung Ulan Bator durch die Steppe schlängelte.



Und die große Gobi? Ich hab leider nur ein Foto, durch die dreckige Scheibe, auf der sie einfach nur wie ein staubiges Nichts aussieht. Aber das ist sie ja schließlich auch. Ein staubiges, unglaublich riesiges Nichts.