Ich habe nämlich einen bestickten kasachischen Wandteppich gekauft.
Wenn man es ganz genau nimmt, ist das kein so ganz richtig mongolisches Mitbringsel, denn diese Stickerei ist wie gesagt typisch kasachisch – und mit den unterschiedlichen Volksgruppen nimmt man es hier sehr genau. Aber so genau nehme ich es nicht, eine Jurte passt schließlich nicht in meinen Koffer, und kasachische Stickerei gehört nun mal zu den schönsten handlichen Dingen, die man so mitbringen kann, wenn man von Filzkitsch und Kaschmirpullovern absieht.
Und Filzkitsch und Kaschmirpullover haben einfach keine so tolle Geschichte wie so ein Wandteppich.
Dieser Behang wird normalerweise an die Wand hinter das Bett gehängt, aber kann auch als Polster auf Bänken oder als Tagesdecke oder oder oder dienen. An drei Seiten ist er schön mit einer Art Bordüre eingefasst – aber nach unter sieht er aus, als ist er noch nicht fertig. Da fehlt was an der Stickerei, es gibt keine Einfassung, und Stoff hängt einfach so runter. Als hätte man mitten bei der Arbeit aufgehört.
Damit wird das Leben symbolisiert – das ja auch niemals „fertig ist“, sondern immer weiter geht.
Und wenn ein neuer Wandteppich gemacht wurde, wird der alte entsorgt. Ich glaube, früher wurde er verbrannt. Heute kann man ihn eben in manchen Souvenirshops kaufen, allerdings recht selten; und es gibt viele kleine Taschen und Täschchen, die aus den alten Stoffen genäht werden.
Irgendwo klein und versteckt sind oft ein Name und eine Jahreszahl eingestickt. Mein Teppich stammt aus dem Jahr 1975. Er ist also 35 Jahre alt und hat sicher die meisten seiner Lebensjahre in einer kasachischen Jurte oder Hütte gehangen. Da hat er viel gesehen, vielleicht Geburt und Tod und Hochzeit und Streit und Liebe, und gehörte zum Leben einer Familie dazu – bis es einen neuen Teppich für diese Familie gab.
Und nun kommt er zu mir und darf die nächsten 35 in meiner Familie zusehen, was so los ist.
ich freue mich darauf mitzuerleben, ob dieser Teppich Geschichten erzählen wird von einem klavierspielenden Studenten und von einer, beinahe weltreisenden, Ina. Vielleicht kann er auch eine kleine Geschichte von Karin und mir erzählen, wer kann das schon wissen?
AntwortenLöschenDir wünschen wir eine gute Reise nach Europa, ab Frankfurt hast Du sicher jemand, der beim Tragen des Teppichs hilft.
Grüße aus Alach