Samstag, 29. Mai 2010

Huch...

....vorbei!

Heut reise ich ab, in zwei Stunden geht es los, und in sagenhaften 36 Stunden bin ich zuhause.

Seltsam unemotional, wie ich die letzten Tage bin, habe ich es bisher nicht für nötig gehalten, einen emotionsgeladenen Abschieds-Danke-&-Goodbye-Post zu erstellen. Das werde ich dann von Deutschland aus nachreichen. Oder vom Flughafen Peking, falls ich da Internet finde. Das wäre toll, denn dann kann ich meine 12 Stunden Wartezeit mit sinnlosen, aber Zeit verschwendenen Internetdingen verplempern. Wie zum Beispiel noch ein paar abschließende Abschiedsworte zu formulieren. Ok, und sooo sinnlos wäre das ja auch nicht.


An dieser Stelle nur kurz Danke und Goodbye an meine Mitstreiterinnen der letzten Wochen, Matylda und Yaelle.

Vous me manquerez beaucoup! Alors... il ne doit pas être "good bye", mais "au revoir" - au sense propre du terme! Bisouuuuuus!

Donnerstag, 27. Mai 2010

Souvenir

Heute habe ich nach langem Ringen mit mir selbst mein bisher teuerstes „Souvenir“ gekauft. Aber ich bin so froh, dass ich es gemacht habe. Und soo teuer ist es auch gar nicht. Da liegt es vor mir, auf dem Fußboden, und ich schaue es verliebt an und kann noch gar nicht glauben, dass es jetzt mir gehört.
Ich habe nämlich einen bestickten kasachischen Wandteppich gekauft.


Wenn man es ganz genau nimmt, ist das kein so ganz richtig mongolisches Mitbringsel, denn diese Stickerei ist wie gesagt typisch kasachisch – und mit den unterschiedlichen Volksgruppen nimmt man es hier sehr genau. Aber so genau nehme ich es nicht, eine Jurte passt schließlich nicht in meinen Koffer, und kasachische Stickerei gehört nun mal zu den schönsten handlichen Dingen, die man so mitbringen kann, wenn man von Filzkitsch und Kaschmirpullovern absieht.
Und Filzkitsch und Kaschmirpullover haben einfach keine so tolle Geschichte wie so ein Wandteppich.

Dieser Behang wird normalerweise an die Wand hinter das Bett gehängt, aber kann auch als Polster auf Bänken oder als Tagesdecke oder oder oder dienen. An drei Seiten ist er schön mit einer Art Bordüre eingefasst – aber nach unter sieht er aus, als ist er noch nicht fertig. Da fehlt was an der Stickerei, es gibt keine Einfassung, und Stoff hängt einfach so runter. Als hätte man mitten bei der Arbeit aufgehört.
Damit wird das Leben symbolisiert – das ja auch niemals „fertig ist“, sondern immer weiter geht.
Und wenn ein neuer Wandteppich gemacht wurde, wird der alte entsorgt. Ich glaube, früher wurde er verbrannt. Heute kann man ihn eben in manchen Souvenirshops kaufen, allerdings recht selten; und es gibt viele kleine Taschen und Täschchen, die aus den alten Stoffen genäht werden.

Irgendwo klein und versteckt sind oft ein Name und eine Jahreszahl eingestickt. Mein Teppich stammt aus dem Jahr 1975. Er ist also 35 Jahre alt und hat sicher die meisten seiner Lebensjahre in einer kasachischen Jurte oder Hütte gehangen. Da hat er viel gesehen, vielleicht Geburt und Tod und Hochzeit und Streit und Liebe, und gehörte zum Leben einer Familie dazu – bis es einen neuen Teppich für diese Familie gab.
Und nun kommt er zu mir und darf die nächsten 35 in meiner Familie zusehen, was so los ist.

Dienstag, 25. Mai 2010

Ponytrip Diashow

klick

Ponytrip

Vorsicht, pferdelastig.
Aber Pferdemenschen lesen hier ja auch mit und sollen auch mal was interessantes zu hören kriegen.


Freitag früh bin ich mit Yaelle und Matylda nach Terelj aufgebrochen, um den lang ersehnten Ponytrip zu veranstalten.
In Terelj war ich schon mal. Ihr erinnert euch an den seltsamen Ausflug mit Arzt und Politikerin zu einer eingeschneiten Felsenschildkröte..?
Ja, und weil es da wirklich schön ist und weil das Ganze gar nicht weit von Ulan Bator entfernt ist, fiel unsere Wahl auf Terelj.

Letzte Woche hat es ja geregnet, und die Sonne scheint viel, und so sprießen jetzt endlich die Bäume und die ersten Blumen. Letzte Woche habe ich einen ersten Löwenzahnkopf in der Stadt gesichtet und wollte fast in Jubel ausbrechen. Und dann flog auch noch ein Schmetterling herum...
Und draußen, außerhalb der Stadt, geht es auch los. Auf den ersten Blick sieht man noch nicht viel, aber wenn man genauer hinschaut – alles fängt an zu blühen, selbst die Lärchen.


So. Freitag war also erstmal Ankunft in unserem Ger Camp. Ger ist die mongolische Bezeichnung für Jurte, ein Ger Camp ist also sowas wie ein mongolisches Hotel. Für alle Reisenden, die pseudoauthentische Unterkunft in einer echt einheimisch anmutenden Behausung wünschen.


So eine Jurte ist aber wirklich cool. Es ist wie Luxuscamping, mit richtigen Betten, und mit Ausblick in die Wildnis und einem Ofen im Zimmer, auf dem gekocht werden kann. Morgens ganz früh kommt ein Ger Camp Mitarbeiter und macht Feuer, damit man im Warmen aufstehen kann. Das habe ich in der ersten Nacht nicht verstanden und war leicht verwundert, dass da um 5 Uhr morgens einer an unsere Tür klopft (denn der Riegel war vorgeschoben und er konnte nicht so rein). Ich bin also aufgestanden und hab verwundert geöffnet und dachte, hä, spinnt der eigentlich, um diese Uhrzeit zu klopfen und wir haben doch noch genug Holz... Und hab ihn verwirrt weggeschickt. Erst am nächsten Morgen, als die Tür offen war und er einfach rein konnte, habe ich verstanden, dass das ein Service des Hauses ist und nicht nur die Holzlieferung, sondern auch das Feuer machen betrifft. Und das war cool, denn nachts wird es immer noch ziemlich kalt, und so ein Feuer zum Morgen ist doch ganz gemütlich.


Und dann machten wir uns auf die Suche nach Pferden. Der Manager von unserem Ger Camp war ein älterer, sehr netter Mann. Der vermittelte uns an einen Mongolen mit Pferden. Die parkten schon vor der Tür.

Die Preisfeilscherei gestaltete sich am Freitag aber ein bisschen schwierig, denn der eigentliche Pferdechef war nicht da und der Vertreter wollte ein bisschen eigenen Profit machen und sagte einen Preis, der uns eigentlich zu hoch war. Es ging ein bisschen hin und her und schließlich einigten wir uns auf eine Stunde Ausritt, als kleinen Einstieg – und über den Tagesritt für den nächsten Tag würden wir noch verhandeln.
Und dann gings auch schon los.


Was die Pferde angeht, muss man sich als europäisch (oder: deutsch) geprägter elitärer Snob natürlich von seinen Vorstellungen von „richtigem Umgang“, „richtiger Pflege“ und überhaupt „richtiger Art und Weise“ verabschieden.

So, wie die Pferde hier aussehen, hätte man in Deutschland ziemlich schnell den Amtstierarzt am Hals. Ist ja aber klar – nach einem 8 Monate dauernden Winter, in dem die Tiere bis zu -50° aushalten müssen (in echt jetzt!), ist es schon gut, wenn sie überhaupt noch leben. Schön sehen sie natürlich dann nicht mehr aus. Und bisher gibts auch noch nicht genug Futter, dünn und klapprig sind sie also immer noch. Von Zecken übersät, mit zotteligem Fell – das hier irgendein Nomade sein Pferd „putzt“, wie man das als deutsches Reitkind in feierlichen Riten beigebracht bekommt, als sei es eine heilige Prozedur, halte ich für ziemlich ausgeschlossen.

So ähnlich ist es auch mit der Ausstattung fürs Pferd. Mongolische Sättel sind harte Holzbänke. Für empfindliche Touristenpopos werden schon russische Militärsättel angeboten, die sind besser gepolstert. Aber ob da ein Sattel passt oder nicht, wird nicht in Frage gestellt. Da ist ein Sattel, da ist ein Pferd – passt. Liebe Nicht-Reiter, ihr ahnt ja gar nicht, was der durchschnittliche deutsche Pferdefreund so an Zeit und Geld in das Finden des richtigen Sattels investiert. Nämlich nicht selten ein mongolisches Jahresgehalt.

Selbst ich, die ich eine ziemlich bescheidene, farblich nicht abgestimmte Pferdeausrüstung besitze und seit Jahren in Jeans reite, weil ich keine Lust hab mir eine neue Reithose zu kaufen – selbst ich habe schon einmal einen Pferdezahnarzt bestellt, und ich kenne Tipps und Tricks, wie man beim Pferd richtig Fieber misst, ohne das Thermometer im Pferdehintern zu verlieren. Und ihr ahnt ja nicht, was für abgefahrenen Spezial-Ausrüstungen man in jedem beliebigen Reitsportkatalog finden kann. Das ist ja schon fast Fetisch. Hüte, Schuhe, Fliegenmasken, Shampoo, Glanzspray und 67 verschiedene Sorten Decken, damit das arme Vieh im Winter nicht friert, bei Regen nicht nass wird und im Sommer nicht schwitzt. Halfter aus Seide mit goldenen Beschlägen, mit dem Namen des Lieblings eingestickt? Gibt es alles.
In der Mongolei gibt es natürlich nichts davon, hier hat das Pferd ja nicht mal einen Namen, der irgendwo eingestickt werden könnte. Als Sattelgurt wird ein Stück Strick benutzt, das Gebiss guckt an beiden Seiten vom Maul einen halben Meter hervor und die Trense besteht aus zusammengeknotetem Seil. Fertig. So funktioniert der Gaul – und wenn er nicht (mehr) funktioniert, wird umdisponiert und Wurst draus gemacht. Ein mongolisches Pferd stirbt sicher nicht an Altersschwäche. So ist das.

Andererseits heißt das nicht, dass Pferde nicht geschätzt werden. Im Gegenteil, die Mongolen brauchen ja ihre Tiere, Tiere sind unglaublich wertvoll und werden dementsprechend auch wert-geschätzt. Aber ein Pferd hat hier eben einen praktischen Zweck, und den erfüllt es; überkandidelter Kram hat da einfach keinen Platz, und zu überkandideltem Kram gehört zum Beispiel schon ein eigener Name. Pferd ist Pferd ist Pferd. (Ich glaube, Rennpferde sind die Ausnahme – die werden hoch verehrt, bekommen schon mal einen Namen und müssen vielleicht auch nicht in die Wurst.)

Ja. Am Freitag bestieg ich also mein namenloses klappriges Pferdchen, und los gings.
Und es war cool. Ach, mongolische Pferde sind cool. Irgendwie – echte Gebrauchspferde und keine sinnlosen Luxusgäule.

Immer rein in die Pampe...


Als Reiter ist es immer so eine Sache, in einer Tourigegend eine Touri-Tour auf einem Touri-Pferd zu machen. Denn oft ist es so, dass es dann ganz abgestumpfte Pferde sind, die auf nichts reagieren als auf den Schweif des Vorpferdes, an dem sie einfach kleben bleiben. Auf diese Weise ist es eben möglich, dass jeder nicht-reitende Tourist auch mal einen Pferderitt macht, denn er muss sich um nichts kümmern außer darum, nicht runterzufallen.
Wenn man aber als Reiter auf so einem Pferd landet, ist das ziemlich frustrierend. Denn man kann ja sofort unterscheiden, ob das Pferd nun das macht, was man ihm sagt, oder nicht. Als Reiter will man aber gern selber „die Zügel in die Hand nehmen“ - weil man es eben so gewohnt ist und weil das ja eben REITEN ist, im Unterschied zu „herumgetragen werden“. Mir ist das einmal passiert, und das hat keinen Spaß gemacht.
Die mongolischen Ponies konnten aber beides. Die können einen Nicht-Reiter auf sich sitzen haben, dann latschen sie halt hinterher (oder lassen sich vom Guide in die richtige Richtung treiben). Ich hatte aber auch überhaupt kein Problem, mein Pferd (bzw. meine Pferde, am Samstag hatte ich ein anderes) selber zu lenken, zu beschleunigen, anzuhalten und stehenzubleiben. Ob vorne oder hinten gehen, die Herde wegreiten sehen oder sogar in die andere Richtung marschieren, rumstehen oder Tempo machen; durch Sumpf und Fluss und über Stock und Stein oder mitten durch eine fremde Pferdeherde durch – mit denen konnte man alles machen. Das geht mit deutschen Luxuspferden nicht.

Das deutsche Luxuspferd möchte meistens entweder hinten oder vorne in der Gruppe gehen, je nachdem, ob es sich um Typ Angeber oder Typ Angsthase handelt. Darf es nicht da gehen, wo es will, wird es maulig. Soll es stehenbleiben und zusehen, wie sich seine Pferdefreunde entfernen, tut es das wenn überhaupt meist mit steigender Ungeduld. Darf es dann hinterherlaufen, tanzt es meist mehr als dass es läuft. Soll es durch eine Pfütze gehen, gibt es meistens großes Theater. Kühe oder Schafe werden für ziemlich gefährlich gehalten, aber noch schlimmer sind eigentlich unbekannte Pferde. Da kriegt das deutsche Luxuspferd schon mal einen Herzinfarkt vor Aufregung. Von Gefahrenquellen wie Maulwurfshügeln, Grasbüscheln oder Baumstümpfen ganz zu schweigen. Und sollte es wider Erwarten ein Pferd geben, dem das alles gar nichts ausmacht und das völlig cool bleibt – so wird es zumindest sehr bewundert und sein Besitzer immens gelobt für dieses wunderbar zuverlässige Geschöpf. So ist das bei uns.

Ja, es war also ziemlich cool, hier ein echtes mongolisches Pferd zu reiten, das sich zwar immer noch vor Wölfen hüten und deshalb seinen Fluchtinstinkt wachhalten muss, aber keine einzige Zivilisationskrankheit kennt, von denen deutsche Pferde so befallen sind. Meins natürlich inklusive.



Und so war der erste kurze Ausritt ein toller Einstieg und Vorgeschmack auf den nächsten Tag.
Denn da gings dann richtig los. Ein Tagesritt sollte das werden, 6 Stunden, über die Berge bis zum Fluss und da picknicken und irgendwie zurück.
Das Wetter am Samstag war zuerst toll. Die Sonne schien, und obwohl es auch sehr windig war, war es richtig warm. So bin ich die ersten 2,3 Stunden im T-Shirt geritten – bis ich gemerkt habe, dass ich den beginnenden Sonnenbrand ein bisschen ernster nehmen sollte. Aber da war es auch schon zu spät.

Mittagssonne

Als wir am Fluss ankamen, war der Himmel dann aber bedeckt, leider gibts deshalb nicht so tolle Fotos von diesem eigentlich tollen Fluss.

auf den Fluss zu - links im Bild eine umziehende Nomadenfamilie


geparkt

Nach unserem Picknick hingen wir noch ein bisschen rum, und dann gings das erste Mal ein bisschen schneller weiter. Soll heißen: Galopp! Und zwar mit einem gehörigen mongolischen „tschuu tschuu“, denn das ist das Pendant zum deutschen „Hüüüaaa!“ und ein Wort, auf das die Pferde wirklich hören. Und ein Wort, mit dem man viel Spaß haben kann, denn es lässt sich auch wie das „tschuu tschuu“ einer Dampflok aussprechen und da kann man sich schon mal ne Weile bzw. jedes Mal wieder neu drüber amüsieren.

Am Fluss entlang ging es dann seeeehr lange, und damit vorbei an Familien, die grade ihre Jurte aufbauen, an Mädchen, die Pferdeherden herumtreiben, an ganz normalem Nomadenleben.

Als wir schließlich den Rückweg einschlugen, lag hinter uns ein Sandsturm-Gewitter-Himmel bereit, dem wir entkommen mussten.
Das war dann eine relativ qualvolle Flucht - so schnell wie möglich nach Hause! Qualvoll, denn nach 5 Stunden Reiten ist so ein deutscher Durchschnittshintern auch auf einem russischen Sattel ziemlich breitgesessen. Mongolische Steigbügel sind sehr kurz, die Beine also seit 5 Stunden in einer ungewohnten Position und ziemlich schwach. Deshalb kann man sich nicht mehr so richtig gut hinstellen zum galoppieren. Noch dazu bestehen die Steigbügelriemen aus einer Art Strick, und der schnitt so in meine Beine, dass ich ernsthaft dachte, ich habe eine offene Fleischwunde. Leider sieht es immer harmloser aus, als es sich anfühlt. Naja, jedenfalls sind wir so noch gute 7, 8 Kilometer geflüchtet, immer so weit man es schaffte ohne vor Schmerz ohnmächtig vom Gaul zu kippen, und gleichzeitig mit dem ängstlichen Blick nach hinten, was da vielleicht gleich für eine Katastrophe auf uns hinabregnen wird. Yaelle, die Nicht-Reiterin, immer vorne weg, denn ihr Gaul bestimmte das Tempo mittlerweile weitgehend alleine und wurde und wurde nicht müde. Und wir krochen hinterher, tschuutschuu.

Endlich glücklich angekommen und abgestiegen, merkt man es dann erst so richtig. Ich konnte am Samstag nicht mehr auf dem Hocker in der Jurte sitzen – zu hart für mein geschundenes Gesäß. Druckstellen an Oberschenkeln und Unterschenkeln (Steigbügel) kamen dazu, und natürlich folgte auch bald ein ordentlicher Muskelkater.

Aber viel schlimmer und auch zwei Tage später nicht ausgestanden ist mein Sonnenbrand. Ich glaube nicht, dass ich schon mal so einen schlimmen Sonnenbrand hatte. Am Samstag abend konnte ich meinen Kopf nicht bewegen, ohne dass sich die Haut am Hals angefühlt hätte, als will sie auseinanderreißen. Das geht mittlerweile wieder, aber anfassen muss noch nicht sein, und ich strahle auch eine ziemliche Hitze aus. Aber naja. Dummheit muss bestraft werden, und vielleicht lernt man doch am Besten, wenn’s weh tut. Ich werde nie wieder die Sonne unterschätzen, erst recht nicht in der Mongolei, auf Winterhaut, die seit Monaten kein Licht gesehen hat.


Wegen der geplagten Gliedmaßen und weil sitzen eigentlich unmöglich war, gaben wir unseren Plan für den Sonntags-Ritt auf und entschieden uns stattdessen für eine Wanderung. Allerdings nur Yaelle und ich, denn Matylda fuhr schon Sonntag früh zurück nach UB, weil sie ins Ballett wollte. Giselle, die teuersten Plätze kosten 4 Euro. Leider habe ich das zu spät mitgekriegt, was es da alles gibt. Am Samstag meiner Abreise könnte man zum Beispiel die Zauberflöte sehen...


Also, Yaelle und ich machten uns also am Sonntag auf den Fußweg zu einem Meditationstempel auf der anderen Seite des Berges. Da wohnt übrigens auch die Schildkröte.


Insgesamt wanderten wir 4 Stunden, trafen im Wald auf plötzlich aus dem Nichts aufgetauchte rosafarbene Blumenmeere (Botaniker vor, ist das etwa ne Art Rhododendron?), machten uns einen Hund zum Freund und freuten uns darüber, so sportlich zu sein. Übrigens war es trotz krasser Sonne total kalt. Es war wieder sehr windig, aber das war es ja am Vortag auch gewesen, und da wars im T-Shirt ok – und jetzt lief ich mit Strickjacke und Fleecejacke rum und fror. Verrücktes Wetter im verrückten Land.





Ja, so war das. Mittags waren wir zurück im Ger Camp, und nachmittags hatten wir eine 1a Mitfahrgelegenheit für umsonst bis direkt vor die Haustür in UB. Nach der ersten Dusche nach drei Tagen (Schmerz, wenn Wasser auf Schulter trifft) mussten wir uns dann vollfressen, und dann folgte ein geruhsamer Schlaf – und völlige Zufriedenheit über ein schönes Wochenende.





... und jetzt ist Dienstag abend, und ich bin diese Woche gut beschäftigt mit Abschiedsvorbereitungen aller Art. Heute gabs nen Kaschmir-Shopping-Marathon quer durch alle Factory Outlets, morgen nehme ich Abschied in der Uni, und auch sonst gibt's viel, was man auf einmal doch noch nicht gemacht hat und eigentlich gern noch hinkriegen wollte. Mal sehen...
Auf jeden Fall freu ich mittlerweile fast zu Tode, bald wieder zuhause zu sein.
Home is, where your heart is.

Vorgeschmack

Wir waren das Wochenende im Terelj Nationalpark - reiten, reiten, reiten und wandern. Es war toll, wenn auch schmerzhaft. Davon werd ich noch mehr erzählen, ich komm nur nicht dazu vor lauter ichweißauchnichtwasanderesmachen. Aber hier schon mal ein paar optische Vorgeschmäcker.



Montag, 17. Mai 2010

Karakorum avec les filles

So. Da bin ich wieder. Glücklich zurück aus Karakorum, und weniger glücklich einige andere Dinge geregelt oder auch irgendwie nicht so richtig geregelt. Aber dazu später.

Samstag früh ging’s los, pünktlichst um 7:58 Uhr setzten wir bei strahlender Morgensonne zum Abflug an. Chinzo, unser Fahrer, war wie gesagt der Bruder einer Lehrstuhlkollegin und „versteht ein bisschen Deutsch“ (Zitat seine Schwester), weil er es nämlich vier Jahre lang studiert hat. An unserer Uni. Das ist auch eine ganz passende Einschätzung; so richtig unterhalten konnte man sich nicht, aber Probleme zu vermitteln was wir möchten gab es auch nicht, und so hatten wir eigentlich einen perfekten Begleiter für unseren heiteren Mädelsausflug.

Unterwegs trafen wir neben den üblichen Verdächtigen (Pferde, Schafe, Ziegen, Kühe, Kamele) diesmal auch Kraniche und Geier. So langsam wirds mit dem Frühling. Die Kraniche sind ein gutes Zeichen. Überall fliegen sie rum, und sie sind immer nur als Paare zu sehen. Ist das nicht romantisch!?


Weniger romantisch, aber auch ganz schön eindrucksvoll waren die Geier. Hier ein Foto, was veranschaulicht, wie groß die Viecher sind. Denn das Pferd ist nicht etwa ein Baby, sondern ein ausgewachsenes Mongolenpony. Wahnsinn, was für riesige Vögel.


Und, vielleicht kann man es schon ein bisschen ahnen: Braun mischt sich jetzt mit grün. Endlich.

Und noch ein paar Details, um zu veranschaulichen, wie unglaublich einsam und leer diese unendliche Steppe ist. Auf der 380 Kilometer langen Straße nach Karakorum gab es zwei oder drei Abzweigungen, bei denen man sich für links oder rechts entscheiden musste. Ansonsten: Nichts. Auf der ganzen Strecke. 380 Kilometer geradeaus. Man kommt durch zwei Orte, die auf der Landkarte verzeichnet sind. Die haben ungefähr die Ausmaße von Gehrenrode. Ansonsten gibt es nur einsame Jurten irgendwo am Berghang, oder ab und zu eine Art Raststätte am Straßenrand – mit mehreren Imbissjurten, in die man einkehren und sich bekochen lassen kann. So wie hier, wo wir Mittagspause gemacht haben.


Aber man kann sich so schnell an diese Weite gewöhnen... eigentlich fällt es einem gar nicht auf, wie einsam und abgeschieden das ist. Bis man drüber nachdenkt, dass es jetzt bestimmt schon wieder 50 Kilometer her ist, seit man Zeichen von menschlichem Leben gesichtet hat.


Gegen 15 Uhr kamen wir in Karakorum an und machten uns erstmal auf die Suche nach einer Unterkunft. Dabei trafen wir allerdings auf meterlange Souvenirstände, die wir Mädchen natürlich erstmal ordentlich abgrasen mussten. Bevor wir also irgendwas gesehen oder ein Bett für die Nacht hatten, haben wir schon ganz gut Zeug eingekauft. Aber ich verteidige mich; ich habe wirklich nur Geschenke gekauft. Nur an euch habe ich gedacht dabei, jawohl!

Danach fanden wir dann eine Jurte für uns vier. Hier ganz rechts im Bild.


Pünktlich zu unserer Ankunft wechselte das Wetter in Sandsturm um, und so haben wir den Rest des Tages nicht mehr viel gemacht. Wir haben in unserer Jurte den Ofen angemacht und Tee gekocht, und ein bisschen geruht. Später gabs Picknick zum Abendessen, und als wir grade beim Kartenspielen waren, klopfte es und ein alter Mongole kam rein. Er informierte uns, dass er später ein kleines Konzert in unserer Nachbarjurte spielen würde, mongolische Volkslieder mit typischen mongolischen Instrumenten. Yaelle und ich sind natürlich hin.

Vor dem Schlafen gabs noch einen ordentlichen Mädchen-Lachanfall. Der arme Chinzo, oder der glückliche Chinzo, ich weiß nicht so genau was er sich wohl dabei gedacht hat. Wir haben das ganze Wochenende einen Mix aus Englisch und Französisch gesprochen. Denn Yaelle spricht ungefähr so viel Englisch wie ich Französisch (mit Freuden stelle ich fest, dass das doch gar nicht so wenig ist. Ich kann wirklich viel verstehen und schaffe es sogar, mich auszudrücken, solange es nicht zu komplex wird.) Jedenfalls wurde Chinzo Zeuge sehr alberner Mädchenkichereien, und das kann man als Mann wahrscheinlich sowohl positiv als auch negativ sehen.


Und am nächsten Morgen haben wir dann auch mal was angeguckt, nämlich das Kloster Erdene Zuu.


Ja, das Kloster ist die eigentliche Attraktion von Karakorum. Von der alten Hauptstadt ist nämlich nicht so viel übrig, und der Rest wird (mit großer deutscher Unterstützung übrigens) von einem Archäologenteam ausgebuddelt und ist, soweit ich das verstanden habe, nicht wirklich zu besichtigen. Wir haben also das Kloster angeguckt, das einmal das größte buddhistische Kloster in der Mongolei war, mit vielen vielen kleinen Tempeln innerhalb der Mauern und bis zu 1000 Mönchen.


Wir hatten eine kleine Führung auf englisch durch den Museumsteil, und das war wirklich ganz cool. Wenn man keine Ahnung von all den Symbolen hat, die da auf einen einwirken, ist es einfach viel uninteressanter sich sowas anzuschauen, als wenn jemand einem die Bedeutung erklärt. Selbst wenn es nur ganz grob ist – alles ist sofort viel spannender. Also, das war wirklich interessant, und jetzt würde ich gern noch mehr darüber wissen.

Les filles: Matylda und Yaelle und ich

Leider wurde es gestern immer kälter, und am Ende haben wir schon ziemlich gefroren – wir waren, weil ja jetzt gefälligst mal Frühling ist, auch ohne Jacke unterwegs.
Nach dem Kloster anschauen haben wir uns noch ein warmes Essen besorgt, um uns wieder aufzuwärmen – und dann gings schon wieder zurück nach Ulan Bator. Pünktlich bei der Abfahrt begann es zu regnen. Und obwohl nicht so viel passiert ist und wir uns nicht wirklich verausgabt haben an diesem Wochenende, waren wir ziemlich k.o. und hingen schläfrig in unseren Autositzen, nur ab und zu herausgeschleudert, wenn wir mal wieder in ein riesiges Schlagloch gerast sind.

Karakorum bedeutet übrigens „schwarze Berge“. Auf einigen Fotos sieht man die Berge im Hintergrund auch. Eigentlich wär es schön, ein bisschen mehr Zeit zu haben, spazierenzugehen, den Fluss (den es auch gibt) anzuschauen und die schöne Landschaft zu genießen. Dazu sind wir nicht so richtig gekommen. Aber trotzdem – es war schön.

Der Regen hat übrigens bis heute nicht wieder richtig aufgehört. Das ist gut für die Mongolei, gut für das Gras, gut für die austrocknenden Flüsse, gut für die Tiere. In der Stadt gibt es jetzt aber sofort überall riesige Ozeane, die zu überqueren manchmal nicht so einfach ist. Und wie im Film hab ich heute auch gleich ne ordentliche Straßenpfützen-Dusche abgekriegt, als ein blöder Autofahrer mit Karacho an mir vorbeifuhr.


Ja, und dann gibt es noch eine Neuigkeit. Ich bin heute Morgen nach der Uni bei meiner Familie ausgezogen und bei Yaelle eingezogen. Das habe ich schon am Freitag entschieden. Über die Gründe will ich nicht so viel schreiben. Es hat jedenfalls nichts mit dem Affen zu tun. Eher mit dem, was ich schon mal gesagt habe, dass es sehr eng ist; und mit anderen Vorfällen, zu deren Lösung mir keine Alternative eingefallen ist, als auszuziehen. Dadurch ist eine ziemlich blöde Situation entstanden, für alle Seiten. Naja. Genug der rätselhaften Andeutungen. Ich gehe jedenfalls nicht böse und hoffe man ist mir nicht böse, aber die Kommunikation über dieses Thema ist auch ziemlich schwer.
Jetzt wohne ich also für meine letzten knapp zwei Wochen bei Yaelle. Das bedeutet nicht unbedingt mehr Luxus oder Privatsphäre, denn Yaelles Wohnung ist optimistisch ausgedrückt spartanisch eingerichtet und beherbergt auch viele kleine niedliche Kakerlaken. Aber wer nach 4 Stunden mich-kennen bereit ist, im wahrsten Sinne des Wortes sein Bett und seine einzige Gabel mit mir zu teilen, der ist so cool, dass das klappen muss. Mit Kakerlaken werd ich fertig. UND: mein Französisch wird immer besser. Je me ne rapelle plus des mots italiens parce que sont retournés les mots francaises!
Alors, bonne nuit!

Freitag, 14. Mai 2010

Zwischen Wutausbruch und Triumph

oder:
Die Geschichte einer Hassliebe


Hassliebe ist vielleicht das richtige Wort für das, was ich dieser bekloppten mongolischen Art der Unzuverlässigkeit, oder nennen wir es positiv Spontaneität, entgegenbringe.

Anscheinend sind einige angeblich typisch deutsche Tugenden mir tief ins Fleisch gebrannt. Zum Beispiel Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Ich werd nervös, wenn ich weiß dass ich es nicht mehr pünktlich zum Unterricht schaffe – obwohl ich weiß, die Studenten kommen eh noch 10 Minuten später. Die haben auch keine Hemmungen, 60 Minuten zu spät zu kommen und dann 10 Minuten vor Schluss zu gehen. Bei Lehrstuhlfeiern bin ich immer die erste, obwohl ich schon extra rumbummele. Man kann hier nicht zu spät kommen, und wenn man gar nicht kommt, ist es auch egal. Verabredung 5 Minuten nach verabredeter Zeit dann doch absagen? Kein Problem!

Ich funktioniere da aber anders. Ich muss mich immer selbst beruhigen, dass es nicht schlimm ist zwei Minuten zu spät zu sein - und schaffe es doch nicht. Ich komme nicht gerne zu spät und eigentlich komme ich wirklich nie zu spät. In dem Wissen, dass es ganz normal ist, sage ich hier jetzt auch mal Verabredungen ohne Begründung ab, wenn ich doch keinen Bock drauf habe. Habe dann aber trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich bin so blöd. Die anderen nicht.


Ich habe ja eigentlich damit gerechnet, trotzdem habe ich mich totgeärgert: Unser Karakorum-Ausflug findet natürlich nicht statt. Otgoo hat aber nicht mal abgesagt. Er hat gestern meine Anrufe nicht angenommen und dann das Handy ausgemacht, und heute hat mir Uyanga irgendwann nebenbei mitgeteilt, dass er keine Zeit hat und wir nicht fahren.

Wäre Otgoo ein normaler Mongole, könnte man durchaus unterstellen, dass er sich nichts dabei denkt. Achtung Klischee; es heißt, Mongolen als Nomadenvolk denken nicht sehr weit voraus. Sie planen nicht. Die müssen wissen, wie sie heute und morgen überleben, der Rest ist unwichtig. Das ist vielleicht übertrieben, aber es ist auch nicht ganz unwahr. Ganz viele Studenten haben mir so geantwortet, als ich gefragt habe was sie nach dem Studium machen: Wir sind Mongolen, wir machen uns nicht so viele Gedanken über die Zukunft. Eine Verabredung ist hier immer ziemlich relativ.

Otgoo ist nun aber ein durchaus auch europäisch sozialisierter Mongole. Er hat mir in der Anfangszeit oft genug bewiesen, dass er genau checkt, wie ich denke und welches Verhalten für mich seltsam oder ungewohnt sein könnte. Der weiß genau, dass das für mich nicht normal ist, eine Verabredung (natürlich bisher 74274 mal bestätigt und rückversichert) einfach so mal abzusagen. Erst Recht nicht, sich nicht mal dazu herabzulassen, sie abzusagen. Aber ganz offensichtlich hätte er gern, dass ich weinerlich anrufe, und ihm sage wie sehr ich seine Hilfe brauche oder wie schade es ist, dass er sich nicht um mich kümmert. Das war beim Visum so, das ist jetzt so.
Kriegt er aber nicht.

Dämlicher Affe, das sei hiermit inbrünstig herausgeschleudert. Und ist auf jeden Fall eine der harmloseren Dinge, die mir heute zu ihm einfallen, aber ich will mich mal so weit es geht in Beherrschung üben. Auf jeden Fall habe ich die Schnauze restlos voll von ihm und seinem dämlichen Affengelaber. Einmal werde ich noch seinen Telefonanruf, der vielleicht irgendwann kommt, entgegennehmen, um ihm zu sagen, dass ich keinen Kontakt zu dämlichen Affen wünsche. Ok, wahrscheinlich werde ich das netter sagen. Ich bin nämlich leider nicht nur pünktlich und zuverlässig, sondern auch höflich, oder zumindest nicht vorsätzlich unverschämt. Aber dann - nie wieder. Leck mich doch am Arsch, das hab ich echt nicht nötig.

Ja, das ist der Hass-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität, oder nennen wir es negativ Unzuverlässigkeit. Zugegebenermaßen heute extrem projiziert auf eine Person.



Der Liebes-Teil ist der, den ich zum Beispiel in Erlian, mit den zehn Mongolen auf den Jeep wartend, erlebt habe. Da wird sich nicht aufgeregt. Kommste heut nicht, kommste morgen, irgendwie geht das schon. Da wird keine Energie verschwendet. Das ist cool.

Der Liebes-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität kommt aber auch voll zum Tragen, wenn ich dann, wutschnaubend rumorganisierend, wie ich den blöden Karakorum-Trip jetzt allein hinbekomme, weil ich mich von dämlichen Affen nicht um schöne Erlebnisse berauben oder mich zum an-ihrer-Tür-kratzen-und-bitte-bitte-winseln bringen lassen will, eine viel bessere Lösung finde.

Ich habe in der Uni eine Lehrerin gefragt, ob sie zufällig weiß, wie das mit Minibussen und Unterkunft und so dort ist. Immerhin sind das etwa 6 Stunden Fahrt, das muss man schon überlegen, ob man das an zwei Tagen so schafft, dass es nicht nur stressig ist. Die Lehrerin (mit der mich sonst nicht viel zu reden traue, weil sie immer so böse guckt) guckte mich kurz an und sagte dann: Mein Bruder hat nichts zu tun und versteht ein bisschen deutsch. Der kann euch da eigentlich mit seinem Auto hinfahren und Sonntag zurückfahren. Morgen früh um 8?

Macht der Bruder dann auch mal eben. Spontan 500 Kilometer einfache Strecke. Und für nix außer Benzinkosten und Unterkunft.

„Uns“ schreibe ich, weil ich inzwischen Matylda gefragt hatte und mit wenig Aufwand überreden konnte, mitzukommen; und weil wir uns heute auch mit Yaelle getroffen haben, einer anderen Französin, die seit drei Wochen hier ist, und die spontanerweise auch Lust hätte mitzukommen. Perfekt.

Also, morgen früh um 8 geht es los, und es wird mir ein innerlicher Triumphzug werden. Selbst dann, wenn es in Wirklichkeit erst später losgeht.

Mittwoch, 12. Mai 2010

Wir holen auf

Wettertechnisch.
Ich denke, heute ist vielleicht der erste Tag, an dem ich sagen kann: Ätschbätsch, bei uns ist es ganz sicher wärmer als bei euch.
Keine Ahnung wie warm, ich habe glaube ich meine dementsprechenden innerlichen Messgeräte nicht mehr so richtig unter Kontrolle, nach dem Winter in Litauen und dem Winter hier. Aber jedenfalls trug ich meine Jacke heute den ganzen Tag auf dem Arm und habe beschlossen, sie demnächst einfach nicht mehr mitzunehmen. So machen es die Mongolen nämlich mittlerweile auch. Einige waren heute sogar im T-Shirt unterwegs. Aber das erscheint mir dann doch noch übertrieben.

Richtig schön ist es dann aber doch immernoch nicht. Immernoch ist alles braun und grau, und staubig. Denn jetzt, wo es nicht mehr kalt ist, fehlt es an Wasser, damit was wachsen könnte. Es hat noch nie geregnet, seit ich hier bin; höchstens mal genieselt, aber nichts, was für nasse Straßen geschweige denn nasse Erde hätte sorgen können. Also sieht es weiterhin trübe aus.
Noch dazu kommt jetzt offenbar die Zeit der Sandstürme, und diese Bezeichnung ist nicht übertrieben. Mehr als einmal hatte ich schon so viel Sand in den Mund bekommen, dass es zwischwen den Zähnen knirscht, und nicht selten muss man sich auf der Straße umdrehen und in den Windschatten stellen, um nicht die volle Ladung Straßenstaub ins Gesicht geweht zu kriegen. Und dieser ganze Dreck und Sand schafft es auch in die Wohnung, weshalb mein Laptop schlimmer aussieht als sonst schon. Und weshalb man nachts lieber nicht mit offenem Fenster schläft. Was aber eigentlich schön wäre, denn die Heizung ist immernoch angestellt (die wird hier von außerhalb reguliert, man kann also nicht hoch- oder runterdrehen) und das sorgt nachts für so schlechte trockene Luft, dass ich mittlerweile morgens immer Halsschmerzen habe. Ich schlafe nämlich direkt neben der Heizung.

Ihr seht, man hat es hier selbst im Frühjahr schwer mit dem Wetter.


Ja, und ansonsten hab ich es auch schwer. Denn so langsam habe ich ein bisschen die Schnauze voll. Ich hab ja nur noch 2,5 Wochen über, und dann gehts nach Hause; aber innerlich jubiliere ich diesem Tag entgegen. Die Stadt nervt und ist einfach hässlich und ungemütlich. Die Wohnung nervt und ich bin ohne zu übertreiben auf ungefähr 2 Quadratmeter persönlichen Raum beengt. In dem ich dann nicht selten auch noch akustisch bedrängt werde, wenn zum Beispiel die Mama mit 100 Dezibel ins Telefon schnattert, zwei Meter von mir entfernt. Wenn ich skype, wird allerdings demonstrativ die Tür zugemacht. Ich bin ja anpassungsfähig und robust und anspruchslos, aber auf Dauer ist es doch ziemlich wenig Platz für die eigene Persönlichkeit. Schöne Momente, in denen ich mich einfach wohl fühle und sonst nichts ist, sind rar gesät.

In der Uni ist es ok, aber langsam hab ich auch darauf keine Lust mehr.
Ich habe herausgefunden, dass ich die Studenten auch bewerten soll, also Noten verteilen. Das finde ich einen Witz, der noch dazu nicht wirklich durchführbar ist. Denn ich habe eigentlich von keinem Kurs eine Kursliste oder so bekommen, und (und das kreide ich durchaus mir selber an) ich kenne die wenigsten Studenten mit Namen. Ich habe mich wirklich bemüht und am Anfang immer Namensschilder basteln lassen und versucht, mir die Namen zu merken. Aber mongolische Namen sind für mich einfach schwierige Wörter, die ich nicht einfach so im Kopf behalte, und irgendwann verschwanden die Namensschilder wieder, und ständig zu fragen: Wie heißt du nochmal? kam mir dann auch blöd vor, und so kenne ich jetzt eben die meisten Studenten nur vom Gesicht her.
Dazu kommt, das mein Unterricht nie kontrolliert, überprüft oder sonst wie registriert worden ist. Meine Anweisung war: Viel sprechen, viel Konversation, that's it. Was ich da eigentlich tue, hat mich noch niemand gefragt. Ich habe mir natürlich viel Mühe gegeben, aber eben besonders dafür, Unterricht zu machen, der den Studenten Spaß macht und bei dem sie Lust kriegen, auch mal den Mund aufzumachen und irgendwas zu sagen. Darauf jetzt (rückwirkend) irgendeine Note zu vergeben - geht nicht.
PLUS: ich kenne überhaupt nicht das mongolische Notensystem...
Naja, alles Gründe, jegliche Notenvergabe zu verweigern und mir meine eigenen Gedanken zum mongolischen Bildungssystem zu machen.


Bevor ihr aber alle denkt, ich leide ganz erbärmlich, erzähle ich nochmal ein paar schöne Dinge, die mir zwischendurch widerfahren. Ich treff mich ungefähr jeden Tag mit Matylda. Meistens zum Essen. Die Abnahmeprognose des Doktors ist leider wieder ins Gegenteil verkehrt, ich habe im Moment einen hohen Bedarf an Zucker und Schokolade und Torte und solchen Dingen. Und wir haben indisches Essen entdeckt. Direkt neben der Uni gibts ein Restaurant, da kann man in Kissen rumfläzen und lauter leckere Sachen bestellen. Nadia, ich beneide dich schon ein wenig.

Heute waren wir den ganzen vormittag auf dem großen Markt. Ich habe Stoff gekauft und werd mir eine Jacke nähen lassen, juhu. Und wenn ich mich nicht stark zurückhalte, werde ich noch ganz viel Stoffe einfach so kaufen und mitbringen, für wasauchimmer wannauchimmer mal draus machen. Die sind einfach so schön! Und so billig!

Dann! Werde ich hoffentlich noch ein bisschen rumreisen, in den letzten Tagen. Freitag bis Sonntag soll es eigentlich mit Otgoo und Uyanga nach Karakorum gehen, der alten Dschingis-Khan-Hauptstadt. Dort ist es wunderschön. Ich freu mich, allerdings würd ich mich nicht wundern, wenn mich Otgoo doch noch versetzt. Aber vielleicht fahr ich dann einfach allein hin. Sowas kann ich ja jetzt.




Apropos Otgoo. Ihr erinnert euch an seinen Porsche-Ausflug?
Nun, den Porsche hat er nicht gekauft. Stattdessen ist es ein Mercedes SLK geworden. Cabrio, vor ein paar Tagen hat er es stolz vorgeführt.
Und dann wieder ein paar Tage später kam er zwischendurch vorbei und musste kurz duschen. Denn er war mit offenem Verdeck gefahren. Und wie ich schon erwähnt habe, ist es momentan ziemlich schlimm mit Dreck und Sandstürmen....

Sonntag, 2. Mai 2010

Going to Ereen – Erlian – Eren Hot (and coming back)

Drei Namen, eine Stadt. Ereen ist der mongolische Name, die Chinesen nennen ihre Stadt Erlian, aber bei Google Maps heißt es Eren Hot.

Und so sieht aus, wenn man in der Abendsonne durch die Steppe dorthin unterwegs ist.

Bahnhof unterwegs

Erlian ist die Stadt auf der chinesischen Seite des einzigen internationalen chinesisch-mongolischen Grenzübergangs. Das bedeutet, alle anderen Nationalitäten, die von China aus durch die Mongolei reisen, müssen hier durch – es gibt keinen einzigen anderen Übergang an der tausende Kilometer langen Grenze. Und das bedeutet, dass ein mongolisches Konsulat, in dem Ausländer ein Visum bekommen, hier ganz gut angesiedelt ist.
Für mein Visum musste ich also „nur“ zwei Kilometer über die chinesische Grenze und dann zurück.

Die Stadt auf der mongolischen Seite der Grenzen heißt Zamin Uud, und hierher kann man täglich mit dem Zug fahren. Ein paar mal die Woche auch weiter bis nach Beijing. Die meisten Züge enden aber hier.


Übrigens hat Batsukh, der Direktor der russischen Schule, sich mal so ausgedrückt: Für die Chinesen sind die Mongolen irgendwie auch eine Art Chinesen. Deshalb brauchen sie (zumindest für 30-Tage-Aufenthalte) kein Visum. Für die Mongolen sind Chinesen aber ganz und gar keine Mongolen, deshalb brauchen Chinesen sehr wohl immer ein Visum. Auch in dieser kleinen Anekdote manifestiert sich ein latenter Chinesen-Hass, dem man immer wieder bei vielen Mongolen begegnet: China ist ok zum billig einkaufen, doch ansonsten kommt von dort nichts Gutes.

Aber um billig einzukaufen, fahren viele Mongolen gern nach China. Einige Bekannte waren ganz aus dem Häuschen, als sie von meiner bevorstehenden Tour erfuhren. Sie haben mich sehr um die Möglichkeit beneidet, mich in Erlian wie wild durch die Märkte shoppen und dann wie die Königin auf meinen Tüten sitzend in einem Taxi ins Hotel fahren lassen zu können.
Die Züge nach Zamin Uud sind also voller kaufwütiger Hauptstädter, die genau wissen, wie das mit dem über-die-Grenze-kommen klappt.

Meine persönliche Internet-Recherche hatte ergeben, dass man die Grenze nicht zu Fuß passieren kann (obwohl das von der Entfernung zwischen den Städten her durchaus machbar wäre), aber das am Bahnhof massenweise russische Militärjeeps warten, die einen als private Taxis für die Standardflatrate von 50 Yuan über die Grenze bringen. Mein Plan war also, in Zamin Uud auszusteigen und irgendwie ein Taxi zu finden, was mich mitnimmt.
Das Taxi fand mich, in Form seines Fahrers, schon am Abend im Zug. „Hello my name is Bold. Ereen? Taxi?“. Bold war ein kleiner Trunkenbold (das konnte man riechen) mit Silberkettchen unter dem aufgeknöpftem Hemd und stylishem Hut auf dem Kopf. Aber da aus meinem Abteil noch eine allein reisende mongolische Frau mit ihm mitfuhr, hab ich mir sinnbildlich deren Hand geschnappt und ihm die Hand drauf gegeben, dass ich am nächsten Morgen auch mit über die Grenze komme. Und das klappte tatsächlich auch reibungslos.

Tatsächlich fährt fast nur eine Sorte Autos rüber, die sehen militärisch aus und sind entweder grün oder grau und haben eine Plastikplane als Dach und einen variablen Rücksitz, so dass man bei Bedarf viele Menschen und/oder viel Gepäck hinein bekommt. Aber das sollte erst bei der Rückfahrt von Bedeutung werden.

Wir passierten also nach viel Formular-Ausfüllen (die die Jeeptaxifahrer alle schon auf Vorrat im Auto haben) unspektakulär die mongolische und die chinesische Grenzkontrolle und um 10 Uhr am Donnerstag war ich problemlos in China angekommen. Und erfuhr als erstes, dass ab Samstag die Grenze für 3 Tage geschlossen sein würde, weil die Chinesen den Feiertag zum 1. Mai sehr ernst nehmen.

Das hat meinen Plan wieder ein klein wenig um den Haufen geworfen, denn eigentlich wollte ich am Samstag wieder in die Mongolei einreisen und zurück nach Ulan Bator fahren, damit mein Visum auch ganz 100% sicher bis zum Tag meines Abflugs gültig ist. Und damit ich, nachdem alles offizielle unter Dach und Fach wäre, noch ein bisschen in Ruhe rumgucken und vielleicht wirklich ein bisschen chinesische Waren einkaufen könnte. Aber bis Dienstag festsitzen wollte ich auch nicht, also stellte ich mich auch Freitag zurückfahren und sonst nicht viel erleben ein.

Das Jeeptaxi setzte uns als nächstes vor einem (mongolischen) Guesthouse ab, in dem ich mit Bayarmaa, der Frau aus meinem Abteil, ein Doppelzimmer nehmen konnte. Übrigens sprachen meine ganzen Begleiter alle kein bis drei Wörter Englisch, aber da ich einen mongolischen Einladungsbrief von Otgoo an das Konsulat dabeihatte, wussten sie was meine Mission war. Kommunikation über die wichtigsten überlebenstechnischen Dinge wie essen und schlafen und Grenzen überqueren klappt zur Not aber wirklich auch auf Händisch und Füßisch. Und so hatte ich ein Zimmer, ohne mich selbst irgendwie danach umgesehen haben zu müssen.

Dann setzten sie mich in ein Taxi, sagten dem Taxifahrer auf chinesisch wohin ich wollte, erklärten mir die chinesischen Flatrate-Taxipreise und ich fuhr zum Konsulat.
Dort erfuhr ich, dass mein Visum bis morgen früh fertig sein würde.
Und ich traf Matylda. Und Matylda hatte genau die gleiche Mission wie ich. Sie war im gleichen Zug wie ich gewesen (allerdings mit einer Gruppe befreundeter Mongolen unterwegs), sie gab im gleichen Moment ihren Visumsantrag ab, wir würden das Visum zusammen abholen, weil wir beide ne Art Extrawurst-Schnellabfertigung bekamen.

Und damit erübrigte sich sofort einfach mindestens die Hälfte aller bösen Gedanken, die man sich überhaupt noch machen kann. Geteiltes Leid ist halbes Leid, gleiches Problem ist halb so schlimm.
Auch das Matylda das Gerücht kannte, dass die Grenze am Freitag um 14 Uhr geschlossen würde, weil man schon vor einem so wichtigen Feiertag wie dem 1. Mai nur noch die Hälfte der Zeit arbeitet, war da nur noch halb so schlimm. Ich hatte jemand zum an-die-Hand-nehmen, der englisch sprach und mein Problem absolut verinnerlicht hatte. Ich war nicht mehr allein.

Ein Problem, was ich aber noch hatte und Matylda nicht, war das des Rückfahr-Tickets nach Ulan Bator. Ich hatte noch keins, weil ich nicht gewusst hatte, wie lang das alles dauern würde, und dachte, dass es kein Problem ist, alles auch kurzfristig zu regeln.

Daher gingen wir anschließend zusammen zum Bahnhof, denn Matyldas Herde war (natürlich) wild am über die Märkte shoppen und sie hatte eh Zeit. Am Bahnhof in China kann man aber nur chinesische Fahrkarten kaufen. Man muss zum International Ticket Office, das irgendwo ist, wo der Finger der Schalterbeamten hinzeigt. Das könnte auf der anderen Straßenseite sein oder im gleichen Gebäude woanders, wir haben es nicht verstanden. Kompliziertere Fragestellungen wie diese sind mit Händisch und Füßisch dann schon schwieriger zu lösen. Wir haben es jedenfalls nicht gefunden, trotz mehrmaligem Wiederkommen und mehrmaligem Straßen abschreiten und gucken und Leute fragen.
Und dann habe ich beschlossen, dass es mir egal ist und ich das morgen in Zamin Uud erledigen würde, wenn ich zusammen mit Matyldas Gruppe pünktlich vor 14 Uhr mit deren Taxi über die Grenze gekommen wäre, nachdem wir pünktlich unsere Visas abgeholt hätten.


Und dann hatte ich also auch mal ein halbes Auge übrig für dieses China, was sich ja immerhin um mich herum befand. Und eigentlich sehr angenehm war. Breite Straßen, wenig Autos, alle fahren langsam. Niemand hat es eilig. Irgendwie lag über der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Sonntag nachmittag oder spanischer Siesta, obwohl ja mitten in der Woche war. Keine Ahnung, ob das besonders typisch chinesisch ist; ich nehme an, in Beijing geht es anders zu. Aber Erlian ist für chinesische Verhältnisse ein kleines Ministädtchen, in dem sich Radfahrer und Rikschas gefahrlos bewegen können. Nachdem ich einmal zu Konsulat gefahren war, konnte ich mich auch schon selbstständig orientieren und Taxifahrer notfalls einfach mit Handzeichen dirigieren. Das kommt daher, weil die Städte oft nach Reißbrettmuster schnurgrade Straßen haben, es geht also immer irgendwo gradeaus und dann entweder links oder rechts. Auch in Ulan Bator gibt es nur drei größere Parallelstraßen und dann muss man halt nur noch den richtigen Abzweig finden...
Nach dem Bahnhif gingen wir was essen. Speisekarte nur auf mongolisch oder chinesisch? Dann kommt eben mal die Köchin raus und wedelt mit Zucchini und Eier, um zu fragen, ob wir das möchten. Wir wollten das. Alles klappt irgendwie.


Hier ein paar Eindrücke aus China. Ich habe nicht so viele Fotos gemacht.

Viel Platz auf der Straße
Gobi ist Dinosauerier-Land.



Weiß nicht, ob man es erkennt: Beschilderung gibts in der Grenzstadt meistens noch zweisprachig, chinesisch und mongolisch. Und mongolisch hilft mir sogar schon ein bisschen weiter.


auf dem Straßenmarkt

Matylda kauft AnanasFür alle, die selber drehen...
... und für Körnerfresser


Eins von den kleinen Lädchen ist mein Guesthouse

Wir verbrachten noch ein paar Stunden zusammen, und auch zusammen mit Matyldas Freundin Basara, eine Frau mittleren Alters, die ein paar Jahre in Polen gelebt hat und mit der Matylda auf polnisch redet, und die mit mir auf englisch reden konnte. Dann stellten wir sicher, dass ich morgen auch mit ins Jeeptaxi durfte, und dann ging ich schlafen in meiner kleinen 2,50€-Pension.

Am Freitag Morgen gingen wir nochmal über die Märkte, dann zum Konsulat, erhielten unser Visum, und dann sollte der Rückweg über die Grenze folgen.
Und der war dann doch noch ein bisschen seltsam, konfus und nervenbelastend.

Wir waren wirklich eine riesige Gruppe; 7 Erwachsene und zwei Kinder, plus Fahrer. Eigentlich sollte es wohl zwei Autos geben, aber irgendwie hatte sich ein Fahrer verflüchtigt, und so standen wir lange Zeit ein bisschen ziellos vor dem Hotel und warteten, ohne zu verstehen, auf was eigentlich. 10 Leute in einen Jeep, das könnte irgendwie gehen, denkt man; aber nicht zu vergessen waren diese 10 Leute zum einkaufen hier, und kauften Dinge wie Bügelbretter, Lampen, Flaschen voller Alkohol und weiß der Himmel was. Der Jeep war also eigentlich schon mit dem Gepäck voll beladen. Eine Tasche wurde kurzerhand mit irgendeinem Seil unter dem Auto befestigt, Matyldas Rucksack kam in den Motorraum. In unseren Köpfen schwirrte derweil das Gerücht, um 14 Uhr wird die Grenze zugemacht. Niemand wiederlegte das Gerücht, aber niemand schien sich besonders aufzuregen; auch nicht, als es schließlich 13:30 wurde. Wie schön, in einer Herde sein und das aufregen den anderen überlassen zu können. Trotzdem irgendwie seltsam, nicht zu verstehen, was um einen herum vorgeht.

Plötzlich war wohl irgendwie klar, dass hier niemand mehr zu unserer Hilfe kommt. Deshalb wurden wir jetzt doch alle zu dem Gepäck in den Jeep gequetscht. Übrigens war es sehr praktisch, dass diese Autos mit Planen bespannt sind, denn so sind sie flexibel; unser Gefährt hatte auf jeden Fall ein wenig seine äußere Form verloren, denn von innen drückten überall Kisten und Bündel und wahrscheinlich auch unsere Köpfe gegen die Plane. Vater und zwei Kinder saßen auf dem Beifahrersitz, und sechs Erwachsene teilten sich die Rückbank. Und dann ging es los Richtung Grenze.
Allerdings kamen wir nicht weit. Denn irgendwo an einer Straßenkreuzung – wo von Grenze noch keine Spur war - stand ein Polizist. Oder besser gesagt, er saß in seinem Auto, einem roten klapprigen VW Santana mit getönten Scheiben, der überhaupt nicht nach Polizei aussah. Hier sitzt also einer und tut nichts besonderes, aber alle Jeeptaxis halten bei ihm an, die Fahrer springen eilig raus und geben ihm Übernachtungsquittungen sämtlicher ihrer Mitfahrer.
Das hatten wir nämlich auch noch in Matyldas Hotel erledigt. Ich wurde gefragt, ob ich von meinem Guesthouse so etwas bekommen hätte. Habe ich nicht, und deshalb sollte ich es da am Hotel machen. Wenn man das nicht hätte, könnte man nicht beweisen dass man irgendwo übernachtet hätte und dann, ja, keine Ahnung was. Kostete natürlich etwas, sogar für diejenigen, die da wirklich übernachtet hatten. Der Sinn dieser Aktion bleibt mir absolut verborgen, auch der Sinn dieses Polizisten, der ganz offensichtlich nur im Auto saß und Übernachtungsquittungen entgegennahm und dann weiterfahren ließ. Ohne in die Autos zu schauen, ohne irgendwas als Beleg zurückzugeben, ohne jegliche von mir wahrgenommene Reaktion, irgendwie ziemlich polizistenmafiamäßig angehaucht ohne die geringste Spur von irgendwas Offiziellem. Aber offensichtlich hatte er die Autorität, uns nicht weiterfahren zu lassen, weil er zumindest ordentlich Schmiergeld sehen wollte, um ein derartig vollgequetschtes Auto durchzulassen. Das wollten wir anscheinend nicht bezahlen, also standen wir wieder sinnlos auf der Straße rum und warteten auf irgendwas, das nicht passierte.

Aber dann passierte es doch, irgendwer anderes nahm irgendwen von uns in irgendeinem anderen Jeep mit, wir durften den einen Kilometer bis zur Grenze weiterfahren und uns endlich in die Passkontrollen-Schlange der ausreisewilligen Mongolen einreihen. Wer es bis hier schafft, der kommt auf jeden Fall noch rüber. Die Mongolen schienen neben den Bügelbrettern auch allesamt mit riesigen Säcken Reis und rohen Eiern beladen ihre Heimreise anzutreten.

Hinter uns an der Passkontrolle standen zwei mongolische Geschäftsmänner, von denen einer Deutsch sprach und eine kleine Konversation versuchte. Ich hatte da aber grade keine Lust drauf, weil nichts verstehen und sich in Jeeps stapeln und nicht wissen, was eigentlich mit der Grenzschließung los ist, und ständig woanders am Straßenrand warten doch ein wenig an den Nerven zehrte. Ich war also höflich uninteressiert und machte beim Smalltalk nicht mit. Aber Basara unterhielt sich länger mit denen, denn nach der Passkontrolle warteten wir etwa 45 Minuten auf unser Auto, was ja auch kontrolliert werden musste. Diese Geschäftsmänner hatten jedenfalls die Information, dass der Zug nach Ulan Bator, mit dem meine neue Herde fahren würde, ausverkauft war. Eine Aussage, die mich in dem Augenblick nicht mehr besonders in Angst versetzen konnte, weil ich schon völlig im „es wird schon alles gut gehen“-Modus lief.

Irgendwann kam endlich unser Auto. Komischerweise wurde der Fahrer jetzt, wo wir ja schon im ganzen Prozedere drin waren und keine Gefahr mehr bestand, wir könnten es heute nicht mehr schaffen über die Grenze zu kommen, erst richtig hektisch und gab Gas und raste und machte ordentlich Stress. Keine der Türen des Jeeps war richtig geschlossen, wir saßen also wieder zu sechst auf der Rückbank und mussten auch noch die Türen zuhalten, während der wie irre die LKWs überholte auf der einen Kilometer langen Strecke. Wahrscheinlich wollte der Fahrer noch nach China zurück, und dafür würde es dann knapp werden.
Schließlich kamen wir zur mongolischen Kontrolle, und dann irgendwann endlich am Bahnhof an, wo der Zug schon bereit stand, der in einer Stunde losfahren würde.

Was die Geschäftsmänner gesagt hatten bewahrheitete sich. Der Zug war voll, voller als normal, denn alle einkaufstüchtigen Mongolen waren noch schnell vor der dreitägigen Grenzpause zurückgekommen, und wollten mitsamt ihrem Sack und Pack in den Zug. Vor jeder Waggontür häuften sich Schlangen von Leuten mit Bündeln und Kartons und unglaublich viel Gepäck.
Am Schalter waren bereits irrsinnige Knäule von Menschen, die für morgen Tickets kaufen wollten, denn auch dafür wurde es schon knapp. Es sah also so aus, als wär nichts zu machen und ich müsste wohl oder über hier bleiben, ein Hotel nehmen und ein Ticket für den nächsten Zug erkämpfen.

Und das war der Moment, wo ich dann doch fast weinen wollte. Alle schlimmen Dinge waren geschafft, ich hatte mein Visum und ich war wieder in der Mongolei, ich hätte auch noch einen Tag in Zamin Uud überlebt. Aber die Vorstellung war ganz schrecklich. Ich wollte nicht von meiner neuen Herde zurückgelassen werden, selbst wenn ich in einem völlig anderen Abteil wäre – ich wollte in diesen Zug und am nächsten morgen zuhause sein. Wir liefen an den Wagen hin und her und Basara organisierte rum und fragte die Schaffnerinnen und den Zugdirektor, aber irgendwie war nichts zu machen. Und ich war ja auch nicht die einzige mit diesem Problem.

Übrigens traf ich auf dem Bahnsteig auch meinen Taxifahrer von gestern wieder, sowie eigentlich alle Leute, die ich auf der Hinfahrt auch getroffen hatte. „Hi, my name is Bold“ sagte der Taxifahrer zu Matylda, und zu mir: „Zamyn Uud? Hotel?“ Aber in Übernachtungsfragen wollte ich mich dann doch nicht wirklich unter seine Obhut begeben.

Zehn Minuten vor Abfahrt, als ich grade unterwegs zu Matyldas Abteil war, um mich wenigstens zu verabschieden, trafen wir dann die werten Herren Geschäftsmänner von der chinesischen Passkontrolle wieder. Mit denen Basara sich Gott sei Dank ganz nett unterhalten hatte und anscheinend schon um eventuelle Hilfe gebeten hatte, was ich überhaupt nicht so richtig realisiert hatte. Die nahmen mir meinen kein-Interesse-am-Gespräch-Modus von vorhin auch überhaupt nicht übel, und hatten auch das gleiche Problem wie ich. Sie hatten noch kein Ticket, aber sie waren würdige Herren, die in jeder Situation eine Lösung finden, und sagten: Steig ein, wir haben das schon geregelt, wir warten im Restaurant und dann kommt der Kassier und verlauft uns ein Ticket für irgendeinen Restplatz. Das geht schon. Keine Sorge.

Die Einlasskontrollfrauen keiften mich an und wollten mich ohne Ticket nicht reinlassen, aber meine Deus ex Machinas regelten das mit Geschäftsmännerunderstatement. Die Restaurantfrauen keiften genauso rum, von wegen das wäre kein Vagabundenlager, sondern ein Restaurant, aber die Geschäftsmänner blieben einfach geschäftsmännermäßig cool und regelten das. Was überhaupt nicht heißen soll, sie zückten Kohle oder so; es reichten ein paar sachliche Worte. Ich fühlte mich gut aufgehoben.
Und als der Zug dann losfuhr, konnte ich gar nicht glauben, dass ich es tatsächlich irgendwie rein geschafft hatte. Aber ich hatte es. Eine helfende Hand kommt einfach immer zur richtigen Minute.

Wir kämpften uns schließlich zu Basara und den anderen ins Abteil vor, um da zu warten. Nach ein 1, 2 Stunden kam tatsächlich der Kassier, es gab tatsächlich ein freies Bett für mich, und ich musste einen Umstands-Aufschlag von umgerechnet 2 Euro bezahlen. Ich hätte mit Kusshand auch den doppelten Preis bezahlt und dafür einen Sitzplatz genommen.

Und dann brachte man mich in meine neue Kabine und sagte Gute Nacht, und ich sagte sain baina uu zu den Mitbewohnern meiner Kabine. Und es stellte sich heraus: Vater und Sohn, freundlich-ruhig-zurückhaltend-vertraueneinflößend, der Sohn hat 4 Jahre in Wien studiert und spricht perfekt deutsch. Selbst auf meinen letzten Metern schickt mir – wer auch immer, Himmel, Zufall, Schicksal – die perfekte Begleitung. Ich war selig, als ich mich schlafen legen durfte.


Ja, so war das. Meine Lehre ist: dir wird geholfen werden. Was eine sehr beruhigende Wirkung auf mich hat, ich habe jetzt das Gefühl, ich könnte in diesem Land überall hin reisen – und zur Not auch wieder ganz alleine. Auch wenn, wie gesagt, zusammen reisen einfach entspannter ist.

Beeindruckt bin ich auch davon, wie weit die Hilfsbereitschaft, das sich-Kümmern und das Zusammengehörigkeitsgefühl hier geht, selbst wenn man eigentlich gar nichts miteinander zu tun hat.
Das zweite Taxi, das eigentlich für die Rückfahrt organisiert war, war wohl abgehauen, als Matylda und ich beim Konsulat waren, um die Visas abzuholen. Der Fahrer wollte nicht länger auf uns warten. Aber die ganze Reisegruppe – die sich ja auch hätte splitten können, mit Grenzschließungsgerüchten im Kopf – sagte: Die gehören zu uns, die lassen wir jetzt nicht hier. Wir fahren alle zusammen, Punkt. Und dann standen wir stattdessen eben alle zusammen erstmal stundenlang rum.
Und obwohl sich das alles dann in einer Art verzögerte und verkomplizierte, die wirklich auf die Nerven gehen konnte, habe ich an niemandem von den Mitreisenden irgendeine Form von Ungeduld oder Verärgerung entdeckt. Die hatten einfach die Ruhe weg und ließen sich überhaupt nichts anmerken.
Und Basara, der es selbst schon den ganzen Tag schlecht ging, die ein Problem mit ihren Augen hatte und heute morgen vom Bahnhof aus den direkten Weg ins Krankenhaus genommen hat, hat mich trotzdem noch an die Hand genommen und alles versucht, um mir zu helfen, in den vermaledeiten Zug zu kommen. Unter helfen versteht man hier eben wirklich: helfen.

Dann durfte ich einsteigen, und weil das dann so plötzlich war, hatte ich gar kein Geld. Ich hätte mir für das Ticket am Schalter was von Matylda geliehen, aber die saß jetzt ganz woanders und zum Automaten schaffte ich es nicht mehr. Kein Problem, sagte der Geschäftsmann. Wildfremden Menschen im Notfall Geld leihen gehört auch zur Hilfsbereitschaft dazu.

Aber auch über die Hilfsbereitschaft der Mongolen hatte ich eigentlich schon etwas gelesen. Und zwar, dass in dieser Einsamkeit Hilfe ein wertvolles Gut ist, das jeder gern zu geben bereit ist – denn wer weiß, wann er als nächstes Hilfe von seinem (buchstäblich) Nächsten braucht...
Das habe ich nun also am eigenen Leib erfahren dürfen.


Und das wirklich schöne, das, was an dem ganzen China-Trip vielleicht das allerbeste ist und etwas, für das ich es gerne auf mich genommen habe, ist, das ich nun Matylda kenne. Denn jemand, mit dem ich unter erschwerten Bedingungen gern Zeit verbringe, ist jemand, mit dem ich unter normalen Voraussetzungen sehr gern noch sehr viel mehr Zeit verbringen möchte. So jemanden habe ich bisher noch nicht getroffen hier. Und Freunde zu haben, fehlt mir schon. Ich freu mich über eine neue Bekanntschaft, die bestimmt noch weiter wachsen wird. Zum Beispiel beim schon geplanten Ponytrip, jippiiiieeh!


So sah es übrigens aus, wenn sich unser langer langer Zug im dunstigen Morgen Richtung Ulan Bator durch die Steppe schlängelte.







Und die große Gobi? Ich hab leider nur ein Foto, durch die dreckige Scheibe, auf der sie einfach nur wie ein staubiges Nichts aussieht. Aber das ist sie ja schließlich auch. Ein staubiges, unglaublich riesiges Nichts.

Samstag, 1. Mai 2010

Erfahrungen machen

Ich bin wieder da, alles ist gut gegangen.

Eigentlich wollte ich schreiben: ich habe etwas gelernt. Aber so richtig stimmt das nicht, ich habe es nämlich wirklich eher erfahren (und das nicht nur, weil ich ja im Zug unterwegs war –ha ha). Nein, ich hab es weniger gelernt als erlebt und empfunden. Aber ich hoffe, dass ich daraus etwas lernen kann, nämlich einfach noch mehr Coolness für die Zukunft. Ruhig bleiben und wissen, alles wird gut. Und jemand wird dir schon helfen.


Also, was ich erstens erfahren habe, ist: so schnell endet man auf diesem Planeten nicht einsam und verlassen hilflos auf irgendeiner Landstraße. Es gibt einfach immer und in jeder Situation jemand, der dich mitnimmt, der deine Hand nimmt und sagt: hier geht’s lang, und willst du was zu essen?

Von dem Moment an, in dem ich im Zug saß, hat sich alles weitere ergeben, ohne dass ich mich auch nur einmal besonders anstrengen oder viel fragen musste.

Und was ich zweitens erfahren habe, ist: Es ist trotzdem unvergleichlich gut, wenn man mit seinem ganz speziellen Problem nicht alleine dasteht, sondern zu zweit unterwegs sein kann, um es zu lösen.


Bis auf eine kurze Viertelstunde gestern abend, als eigentlich alles schlimme schon überstanden war, gab es nicht einen verzweifelten Moment, in dem ich vielleicht hätte weinen müssen. Und in dem Moment, als ich dann doch noch verzweifeln wollte, kam plötzlich ein deus ex machina auf mich niedergesaust und zog mich von dannen, in den Zug hinein, der eigentlich ohne mich abfahren wollte.

Aber wie das alles im Detail war, erzähl ich später. Jetzt muss ich erstmal noch ein bisschen ruhen. Und Erfahrungen verdauen.

Freitag, 23. April 2010

Be careful what you wish for...

.. it might come true!


"Ach, hoffentlich kann ich noch viel viel mehr reisen und die wunderbare Landschaft anglotzen", wünschte ich mir unlängst innig.

Dazu werde ich wohl bald sehr viel Gelegenheit haben. Transmongolia, quer durch die Gobi, heading to China. Mission: Visa. Denn die mongolische Korruption versagt (was ja grundsätzlich auch positiv zu sehen ist). Doch wer sich hier auf andere verlässt, ist verlassen, und so nehme ich jetzt den ganzen Mist selber in die Hand. Tausche jetzt Tugrik gegen Dollar, erkämpfe ein chinesisches Visum, tausche Tugrik gegen Yuan, kaufe mir ein Zugticket und reise pünktlich aus, um mir in China ein neues mongolisches Visum zu erkämpfen und wieder einzureisen, um in Ruhe meine letzten vier Wochen zu verbringen.

So richtig kann ich mich noch nicht entscheiden, wie ich das finde.
Ätzend, dass aus mantramäßig wiederholten "kein Problem, kein Problem, ich habe alles unter Kontrolle und ich kenne mich aus" dann plötzlich und auf den letzten Drücker "Upps, geht doch nicht so wie ich das dachte" wird.
Wie dumm von mir, mich überhaupt irgendwann mal darauf verlassen zu haben.
Wie nervig, jetzt hopplahopp alles schnell irgendwie hinorganisieren zu müssen.
Wie teuer, so blöde Visa.
Wie unpraktisch, absolut kein mongolisch oder chinesisch zu sprechen.
Ja, eigentlich ist das alles ganz schön blöd.

Aber irgendwie gut, dass ich über der ganzen Blödheit denke: das schaffe ich jetzt auch noch. Wär doch gelacht. Komm her, du kleines China, komm her, du kleine Bürokratie, ich mach euch fertig. *Muskeln zeig und Zähne fletsch*

I wished for adventures. Here we go.

Montag, 19. April 2010

- Land - Fluss

Bilder sagen mehr als Worte. Große Bilder sehen schöner aus. Daher verweise ich jetzt schon mal auf die Diashow.

Am Donnerstag hat Batsukh mit mir einen Ausflug gemacht. Eigentlich wollten wir Mittwoch fahren. Das klappte aber nicht, weil der "Führer", den wir brauchten, um den Weg zu finden - vielleicht aber auch nur, um einen Geländewagen zu haben - am Mittwoch zu besoffen war.

Das war er am Donnerstag auch, aber da haben wir uns trotzdem auf den Weg gemacht. Der besoffene Führer erkundigte sich zuerst nach meinem Alter und Familienstand, ich habe vorsichtshalber gesagt, ich sei verheiratet. Da legte er sich hinten auf die Rückbank, schlief und dünstete Wodka aus. Batsukh fuhr, es ging nach Norden.


Es ist mir wirklich so egal, wo wir hinfahren. Ich brauche nur im Auto zu sitzen und rauszuschauen, und ich werd sofort ganz glücklich. Die Landschaft ist so schön, es ist so schön, hier zu sein und wirklich mitten drin rumzufahren, und alles ist überall so, wie es auf der kitschigsten Romantik-Nomaden-Postkarte aussieht. Eine schnurgerade Straße geht mitten durch die Steppe. Da hinten die Berge. Dann ein Salzsee. Eine Herde Kamele (die hier gar nicht hingehören; eigentlich findet man die in der Gobi). Eine Herde Ziegen. Ein Nomadenmädchen kommt mit einem Ziegenbaby auf dem Arm - die Hirten müssen aufpassen, dass die Schafe und Ziegen nicht ihre Lämmer in der Steppe verlieren, denn der Herdeninstinkt ist stärker als der Mutterinstinkt. Und wenn so ein Baby nicht aufpasst, bleibt es zurück.
Aber dafür kommt ja das Nomadenmädchen hinterher.
Hirten auf Pferden. Hirten neben den gesattelten Pferden im Gras. Pferde ohne Sattel, mit Fohlen. Jurten am Berghang, noch im Winterlager; aber bald wird es wohl losgehen mit dem umziehen und Jurten einpacken und nomadisieren. Ovoos und blaue Hadags in allen Bäumen, auch hier.


Wir kamen an einer Kamelherde vorbei, und an einem Salzsee, und nach etwa 45 Minuten gab es irgendwann eine andere asphaltierte Straße nach links. Vorher gab es nur Pisten, wenn überhaupt.
Die Landschaft hatte sich mittlerweile stark geändert; so, wie das Kamel da liegt, mitten im Nichts umgeben von nichts, sah es nicht mehr aus. Man kommt irgendwann an eine Sanddüne, über die ein kleiner Pass drüberführt; und plötzlich sind da überall Büsche und Bäume, und die Berge viel näher, und es sieht alles ganz anders aus.

Nachdem wir abgebogen sind, kamen wir zu einem Berg, der "warmer König" oder "König der Wärme" heißt. Und warum heisst er so? Natürlich hat es was mit Dschinghis Khan zu tun, denn obwohl nach ihm noch 38 andere Khans kamen, ist er der einzig wahre und große König. Er campierte also eines Tages mit seinen Soldaten hier. Er selbst schlief in der Nähe des Berges, aber ein Teil seines Heeres lag weiter draußen. Es muss wohl Winter gewesen sein, denn am nächsten Tag waren die Soldaten, die weiter draußen übernachtet hatten, tot - doch der wärmende Berg hatte den großen König geschützt und darf sich seitdem mit dem Namen schmücken, die diese Geschichte in Kurzform erzählt.
Am Fuß von diesem Berg liegt ein kleines Dorf, und hier führt auch die Eisenbahnlinie nach Russland vorbei. Aber ohne zu halten, glaube ich.

Die Straße zu dem Dorf war ziemlich schlecht, und Batsukh ist die ganze Zeit gefahren wie verrückt. Ich musste mich festhalten und aus dem Fenster gucken, weil ich die ganze Zeit so lachen musste. Er ist ein ziemlich nervöser Fahrer, so einer, der schnell fährt, aber dabei keine Sicherheit ausstrahlt. Zielsicher nahm er jedes Schlagloch mit, und der besoffene Typ auf der Rückbank flog ein paar Mal von der Bank.
Als wir in dem Dorf ankamen, wachte er auf ("oh, schon da?"). Batsukh wollte ihn eigentlich dabeihaben, weil er mit dem Weg nicht sicher war, aber jetzt hatten wir es ja auch so gefunden. Wie hätten wir das eigentlich nicht finden können, frage ich mich, denn wenn man nur auf Asphaltstraßen unterwegs ist, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit sich zu verfahren. Es gibt ja nur alle 50 Kilometer eine neue Straße. Sobald man den Asphalt verlässt, ist das natürlich ne ganz andere Sache.

In dem Dorf an dem Berghang gibt es ein kleines Häuschen, wo ein alter Mann lebt, der da ein privates Museum in einer Art russischen Datscha eingerichtet hat. Dahin wollten wir.

Er war auch da und schloss für uns das Museum aus. Drin gab es Dinge zu sehen, die er seit 40 Jahren oder länger hier am Berg gesammelt, gefunden, geschnitzt oder gemalt hat. Vor allem gab es viele, viele Wurzeln und Äste zu sehen, die eine bestimmte Form hatten. Es gab Bären, die auf Felsen klettern, Äffchen, Schlangen, Ballerinas und alle möglichen anderen Tiere aus Wurzeln.
Es gab auch ein paar ausgestopfte Tiere, zum Beispiel ein halbes Luchsbaby. Die andere Hälfte haben sie nie gefunden. Und Fotos aus dem Wald und vom Berg. Und Wurzeln. Und habe ich schon die geschnitzten Äste erwähnt?
Aber da ich ein Landkind bin, bin ich mit Pflanzen und Bäumen und Holz ehrlich zu erfreuen, und es war ein toller Besuch in einem tollen Museum. Es wäre bestimmt schön, mit dem alten Mongolen auf den Berg zu klettern. Der kennt bestimmt alle Bärenhöhlen und Adlernester und Quellen. UND wirklich alle Arten einheimischer Tierkacke, liebe Lisa!

Da sitzen sie, unsere Führer des Tages. Der Betrunkene wollte auch immer auf jedes Foto.


Dann ging es schon wieder zurück, über die holprige Straße, über den Sanddünenpass, durch die Steppe an Salzsee und Kamelen vorbei. Ein kleiner 2,5-Stunden-Ausflug, aber es reicht, um mich vollauf zufrieden zu stellen.




Eigentlich wollte ich am Samstag in aller Ruhe zurück nach UB fahren. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Anne, der ZfA-Frau, die hier die deutsch unterrichtenden Schulen betreut und über die der ganze Darkhan-Ausflug zustande kam. Sie käme am Samstag abend nach Darkhan und wollte am Sonntag einen Ausflug machen, ich könnte mit, wenn ich wollte.

Ich will wirklich nichts lieber, als in der Gegend rumfahren und "die Landschaft anglotzen", wie Anne es genannt hat.
Am liebsten würde ich das immer mit ihr machen. Denn Anne ist eine irre Frau. Sie lebt seit 3 oder 4 Jahren hier (nachdem sie schon jahrelang im tiefsten Russland war), hat ein eigenes Auto, einen alten Mercedes Geländewagen, und braust damit ganz alleine (na gut, mit GPS) querfeldein durch die Wüste Gobi, um ihre mongolischen Freunde zu besuchen und ne Woche Urlaub in der Jurte zu machen.
Ich bin völlig beeindruckt davon.
Und es macht so Spaß, mit ihr unterwegs zu sein, weil sie alles mögliche weiß und alle möglichen Leute kennt, und die ganze Zeit davon erzählt. Sie ist (war zumindest in Deutschland) Bio-Lehrerin. "Oh guck mal, hier wächst eine Pflanze, die heisst XYZ und hast du gehört, da drüben hat grade ne Lerche gesungen, und das hier ist ne mongolische Ulme, guck mal, was die für Luftwurzeln machen! Ist ja irre!"
Das Landkind guckt Pflanzen an und staunt und will sowas wissen. Auch das mit dem Herdentrieb-besiegt-Muttertrieb habe ich von ihr gelernt. Anne ist für mich persönlich die perfekte Reiseleiterin.
Spätestens dann, als sie fürs Picknick den zusammensteckbaren Alu-Spirituskocher inklusive Teekessel aus dem Auto holte, der auch in meiner Familie existiert, seitdem ich denken kann, war ich hoffnungslos verliebt.


Da es aber unwahrscheinlich ist, dass wir uns jemals wieder auf eine gemeinsame Reise begeben, erzähl ich euch lieber, was gestern passiert ist. Bzw., ich halte mich kurz, weil ich es eh schlecht fassen kann. Und die meisten Bilder schöner sind als alles, was ich darüber sagen könnte.

Mit uns unterwegs waren noch eine andere deutsche Lehrerin und ein deutscher Freiwilligendienstableistender, der auch an einer deutsch unterrichtenden Schule arbeitet.

Wir sind die selbe Strecke gefahren wie ich mit Batsukh drei Tage früher, und dann noch weiter bis zur russischen Grenze.

Heute war die Kamelherde direkt am Salzsee. Wir sind hin und haben Fohlen angestaunt. Ganz lange. Ganz doll. Ganz viele Fotos gemacht.
So eine Digitalkamera ist schon auch eine Last. Ständig macht man viel zu viele Fotos, die man dann sortieren muss, vergleichen muss, löschen muss, über die man einzeln entscheiden muss, was man vielleicht in Wahrheit niemals tun wird. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile knapp 20.000 Fotos auf dem Rechner, ohne Witz. Und die sind schon grob sortiert. Wer soll sich das alles jemals wieder angucken? Aber andererseits - wie kann man denn widerstehen, hier ein Foto zu machen? Und noch eins, und noch eins?



Und weiter gefahren, über die schöne schöne Sanddüne, am Abzweig zum warmen Berg vorbei, weiter weiter Richtung russische Grenze. Die Landschaft wird immer neu immer anders. Zum Teil sah es jetzt aus wie Taiga, mit Birken und Kiefern.

Der Grenzort heißt Sukhbaatar, und kurz davor sind wir links ab und über eine bucklige Sandpiste auf eine andere, bewaldete Sanddüne - wo sich der so genannte Mutterbaum befindet.


Der Mutterbaum ist eine Art Naturtempel, ein religiöser Ort unter freiem Himmel. Hier wird wohl eine Mischung aus Schamanismus und Buddhismus betrieben, von Menschen jeden Alters praktiziert. Und wenn ich richtig verstanden habe, ist es einer der heiligsten Orte der Mongolei. Was nicht heisst, dass besondere Ehrfurcht in der Luft liegt.

Der Mutterbaum ist ein von einem Lama ausgewählter, geweihter Baum. An ihn hängen die Menschen Tücher und bringen vor ihm Opfer dar, solange, bis der Baum von der ganzen Last zusammenbricht. Dies ist hier bereits vor einigen Jahren geschehen, 100 Meter weiter ist der neu gewählte Mutterbaum, noch längst nicht so behangen und gut besucht wie der alte.

Der Baum ist umgeben von einem "Ring", einer Mauer aus Teeziegeln, und der "Tempel" hat eine Art "Eingang". Das ist alles, was ihn mit religiösen Stätten, die ich sonst so kenne, verbindet.

Wie beschreiben?


Hier sieht man den ursprünglichen Baum, oder was davon über ist. Über und über mit Hadags und anderen Seidentüchern behängt, ist er wahrscheinlich irgendwann einfach darunter erstickt. Man beachte auch das Vorher-Nachher-Schild.

Tücher hängen auch an allen anderen erreichbaren Ästen im Umkreis der Teeziegelmauer, und auf der Teeziegelmauer drauf.


Ein Teeziegel ist ein Ziegelstein aus Teeblättern. Das war in irgendwelchen Zeiten wohl auch mal eine Art "Währung". Man erkundige sich bei Googel. Jedenfalls nimmt man heute ganz offensichtlich Teepackungen und stapelt sie übereinander. Klappt erstaunlich gut, finde ich, auch wenn das Papier natürlich auf geht und sie irgendwann ungeschützt im Regen liegen, die Tee-Steine. Aber es regnet ja zum Glück nicht so oft.


Man kommt hier her mit einem Wunsch oder einer Bitte, und umkreist den Altar, den Baum, den ganzen Kreis. Dabei opfert man Lebensmittel. Kekse, Süßigkeiten, Bonbons, Reis, und ganz wichtig: Milch und Wodka. Milch ist eine sehr heilige, verehrte Flüssigkeit. Und natürlich opfert man auch wertvolle Dinge, und was könnte es wohl für ein wertvolleres Getränk geben als Wodka? Flüssigkeiten werden auf einen Löffel oder in ein kleines Glas gegeben und dann verschüttet. Man umkreist also den Kreis, giesst ein und schüttet in kleinen Portionen Milch herum, auf die blauen Hadags, die damit schon ganz verklebt sind. Ein Geruch nach saurer Milch lässt sich nicht vermeiden. Ein Müllgürtel ähnlich wie der um Darkhan lässt sich auch nicht vermeiden.


Was die Ringe sollen, die auf dem ersten Bild in den Ästen hängen, war nicht zu erfahren. Es sind jedenfalls Lenkrad-Schutzhüllen. Aber wieso man sie hinhängt, bleibt unklar. Allerdings sagte Anne mit ihrer Mongolei-Erfahrung: Man muss nicht unbedingt annehmen, dass die Leute hier wissen, warum sie was machen. Sie wissen, was man machen soll, wie man sich verhält. Das man einen Hadag an den Baum knotet, Milch und Reis mitbringt, Wodka opfert und ein Räucherstäbchen anzündet. Aber welcher Akt was für eine Bedeutung hat, kann dabei völlig im Dunkeln liegen. Der Lama hat halt gesagt, man soll es so machen.
Einen Lama oder einen Schamanen gab es übrigens überhaupt nicht zu sehen.

Eigentlich sah es aus, wie Familienausflug mit Picknick. Ja.
Einer der heiligsten Orte der Mongolei.


Weiter ging es dann durch Sukhbaatar durch, noch einen Ort weiter - wo man nach Russland winken kann, bis der russische Grenzbeamte rüber kommt. Dann haut man besser wieder ab, langsam und unauffällig schlendern.



Und zurück, natürlich die gleiche Straße, durch Taiga und Steppe und bis zum Fluss, der bei der Sanddüne liegt, wo es einen Steilhang gibt, wo wir picknicken wollten.

Die Landschaft hier war einfach traumhaft. Der Fluss noch halb vereist, Sand, Bäume, Berge, Wolken, Farben.
Essen.
Gucken.
Jacke ausziehen.
Auf dem Boden sitzen.
Berg hochsteigen.
Runtergucken.

Was braucht der Mensch zum glücklich sein?






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