Freitag, 23. April 2010

Be careful what you wish for...

.. it might come true!


"Ach, hoffentlich kann ich noch viel viel mehr reisen und die wunderbare Landschaft anglotzen", wünschte ich mir unlängst innig.

Dazu werde ich wohl bald sehr viel Gelegenheit haben. Transmongolia, quer durch die Gobi, heading to China. Mission: Visa. Denn die mongolische Korruption versagt (was ja grundsätzlich auch positiv zu sehen ist). Doch wer sich hier auf andere verlässt, ist verlassen, und so nehme ich jetzt den ganzen Mist selber in die Hand. Tausche jetzt Tugrik gegen Dollar, erkämpfe ein chinesisches Visum, tausche Tugrik gegen Yuan, kaufe mir ein Zugticket und reise pünktlich aus, um mir in China ein neues mongolisches Visum zu erkämpfen und wieder einzureisen, um in Ruhe meine letzten vier Wochen zu verbringen.

So richtig kann ich mich noch nicht entscheiden, wie ich das finde.
Ätzend, dass aus mantramäßig wiederholten "kein Problem, kein Problem, ich habe alles unter Kontrolle und ich kenne mich aus" dann plötzlich und auf den letzten Drücker "Upps, geht doch nicht so wie ich das dachte" wird.
Wie dumm von mir, mich überhaupt irgendwann mal darauf verlassen zu haben.
Wie nervig, jetzt hopplahopp alles schnell irgendwie hinorganisieren zu müssen.
Wie teuer, so blöde Visa.
Wie unpraktisch, absolut kein mongolisch oder chinesisch zu sprechen.
Ja, eigentlich ist das alles ganz schön blöd.

Aber irgendwie gut, dass ich über der ganzen Blödheit denke: das schaffe ich jetzt auch noch. Wär doch gelacht. Komm her, du kleines China, komm her, du kleine Bürokratie, ich mach euch fertig. *Muskeln zeig und Zähne fletsch*

I wished for adventures. Here we go.

Montag, 19. April 2010

- Land - Fluss

Bilder sagen mehr als Worte. Große Bilder sehen schöner aus. Daher verweise ich jetzt schon mal auf die Diashow.

Am Donnerstag hat Batsukh mit mir einen Ausflug gemacht. Eigentlich wollten wir Mittwoch fahren. Das klappte aber nicht, weil der "Führer", den wir brauchten, um den Weg zu finden - vielleicht aber auch nur, um einen Geländewagen zu haben - am Mittwoch zu besoffen war.

Das war er am Donnerstag auch, aber da haben wir uns trotzdem auf den Weg gemacht. Der besoffene Führer erkundigte sich zuerst nach meinem Alter und Familienstand, ich habe vorsichtshalber gesagt, ich sei verheiratet. Da legte er sich hinten auf die Rückbank, schlief und dünstete Wodka aus. Batsukh fuhr, es ging nach Norden.


Es ist mir wirklich so egal, wo wir hinfahren. Ich brauche nur im Auto zu sitzen und rauszuschauen, und ich werd sofort ganz glücklich. Die Landschaft ist so schön, es ist so schön, hier zu sein und wirklich mitten drin rumzufahren, und alles ist überall so, wie es auf der kitschigsten Romantik-Nomaden-Postkarte aussieht. Eine schnurgerade Straße geht mitten durch die Steppe. Da hinten die Berge. Dann ein Salzsee. Eine Herde Kamele (die hier gar nicht hingehören; eigentlich findet man die in der Gobi). Eine Herde Ziegen. Ein Nomadenmädchen kommt mit einem Ziegenbaby auf dem Arm - die Hirten müssen aufpassen, dass die Schafe und Ziegen nicht ihre Lämmer in der Steppe verlieren, denn der Herdeninstinkt ist stärker als der Mutterinstinkt. Und wenn so ein Baby nicht aufpasst, bleibt es zurück.
Aber dafür kommt ja das Nomadenmädchen hinterher.
Hirten auf Pferden. Hirten neben den gesattelten Pferden im Gras. Pferde ohne Sattel, mit Fohlen. Jurten am Berghang, noch im Winterlager; aber bald wird es wohl losgehen mit dem umziehen und Jurten einpacken und nomadisieren. Ovoos und blaue Hadags in allen Bäumen, auch hier.


Wir kamen an einer Kamelherde vorbei, und an einem Salzsee, und nach etwa 45 Minuten gab es irgendwann eine andere asphaltierte Straße nach links. Vorher gab es nur Pisten, wenn überhaupt.
Die Landschaft hatte sich mittlerweile stark geändert; so, wie das Kamel da liegt, mitten im Nichts umgeben von nichts, sah es nicht mehr aus. Man kommt irgendwann an eine Sanddüne, über die ein kleiner Pass drüberführt; und plötzlich sind da überall Büsche und Bäume, und die Berge viel näher, und es sieht alles ganz anders aus.

Nachdem wir abgebogen sind, kamen wir zu einem Berg, der "warmer König" oder "König der Wärme" heißt. Und warum heisst er so? Natürlich hat es was mit Dschinghis Khan zu tun, denn obwohl nach ihm noch 38 andere Khans kamen, ist er der einzig wahre und große König. Er campierte also eines Tages mit seinen Soldaten hier. Er selbst schlief in der Nähe des Berges, aber ein Teil seines Heeres lag weiter draußen. Es muss wohl Winter gewesen sein, denn am nächsten Tag waren die Soldaten, die weiter draußen übernachtet hatten, tot - doch der wärmende Berg hatte den großen König geschützt und darf sich seitdem mit dem Namen schmücken, die diese Geschichte in Kurzform erzählt.
Am Fuß von diesem Berg liegt ein kleines Dorf, und hier führt auch die Eisenbahnlinie nach Russland vorbei. Aber ohne zu halten, glaube ich.

Die Straße zu dem Dorf war ziemlich schlecht, und Batsukh ist die ganze Zeit gefahren wie verrückt. Ich musste mich festhalten und aus dem Fenster gucken, weil ich die ganze Zeit so lachen musste. Er ist ein ziemlich nervöser Fahrer, so einer, der schnell fährt, aber dabei keine Sicherheit ausstrahlt. Zielsicher nahm er jedes Schlagloch mit, und der besoffene Typ auf der Rückbank flog ein paar Mal von der Bank.
Als wir in dem Dorf ankamen, wachte er auf ("oh, schon da?"). Batsukh wollte ihn eigentlich dabeihaben, weil er mit dem Weg nicht sicher war, aber jetzt hatten wir es ja auch so gefunden. Wie hätten wir das eigentlich nicht finden können, frage ich mich, denn wenn man nur auf Asphaltstraßen unterwegs ist, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit sich zu verfahren. Es gibt ja nur alle 50 Kilometer eine neue Straße. Sobald man den Asphalt verlässt, ist das natürlich ne ganz andere Sache.

In dem Dorf an dem Berghang gibt es ein kleines Häuschen, wo ein alter Mann lebt, der da ein privates Museum in einer Art russischen Datscha eingerichtet hat. Dahin wollten wir.

Er war auch da und schloss für uns das Museum aus. Drin gab es Dinge zu sehen, die er seit 40 Jahren oder länger hier am Berg gesammelt, gefunden, geschnitzt oder gemalt hat. Vor allem gab es viele, viele Wurzeln und Äste zu sehen, die eine bestimmte Form hatten. Es gab Bären, die auf Felsen klettern, Äffchen, Schlangen, Ballerinas und alle möglichen anderen Tiere aus Wurzeln.
Es gab auch ein paar ausgestopfte Tiere, zum Beispiel ein halbes Luchsbaby. Die andere Hälfte haben sie nie gefunden. Und Fotos aus dem Wald und vom Berg. Und Wurzeln. Und habe ich schon die geschnitzten Äste erwähnt?
Aber da ich ein Landkind bin, bin ich mit Pflanzen und Bäumen und Holz ehrlich zu erfreuen, und es war ein toller Besuch in einem tollen Museum. Es wäre bestimmt schön, mit dem alten Mongolen auf den Berg zu klettern. Der kennt bestimmt alle Bärenhöhlen und Adlernester und Quellen. UND wirklich alle Arten einheimischer Tierkacke, liebe Lisa!

Da sitzen sie, unsere Führer des Tages. Der Betrunkene wollte auch immer auf jedes Foto.


Dann ging es schon wieder zurück, über die holprige Straße, über den Sanddünenpass, durch die Steppe an Salzsee und Kamelen vorbei. Ein kleiner 2,5-Stunden-Ausflug, aber es reicht, um mich vollauf zufrieden zu stellen.




Eigentlich wollte ich am Samstag in aller Ruhe zurück nach UB fahren. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Anne, der ZfA-Frau, die hier die deutsch unterrichtenden Schulen betreut und über die der ganze Darkhan-Ausflug zustande kam. Sie käme am Samstag abend nach Darkhan und wollte am Sonntag einen Ausflug machen, ich könnte mit, wenn ich wollte.

Ich will wirklich nichts lieber, als in der Gegend rumfahren und "die Landschaft anglotzen", wie Anne es genannt hat.
Am liebsten würde ich das immer mit ihr machen. Denn Anne ist eine irre Frau. Sie lebt seit 3 oder 4 Jahren hier (nachdem sie schon jahrelang im tiefsten Russland war), hat ein eigenes Auto, einen alten Mercedes Geländewagen, und braust damit ganz alleine (na gut, mit GPS) querfeldein durch die Wüste Gobi, um ihre mongolischen Freunde zu besuchen und ne Woche Urlaub in der Jurte zu machen.
Ich bin völlig beeindruckt davon.
Und es macht so Spaß, mit ihr unterwegs zu sein, weil sie alles mögliche weiß und alle möglichen Leute kennt, und die ganze Zeit davon erzählt. Sie ist (war zumindest in Deutschland) Bio-Lehrerin. "Oh guck mal, hier wächst eine Pflanze, die heisst XYZ und hast du gehört, da drüben hat grade ne Lerche gesungen, und das hier ist ne mongolische Ulme, guck mal, was die für Luftwurzeln machen! Ist ja irre!"
Das Landkind guckt Pflanzen an und staunt und will sowas wissen. Auch das mit dem Herdentrieb-besiegt-Muttertrieb habe ich von ihr gelernt. Anne ist für mich persönlich die perfekte Reiseleiterin.
Spätestens dann, als sie fürs Picknick den zusammensteckbaren Alu-Spirituskocher inklusive Teekessel aus dem Auto holte, der auch in meiner Familie existiert, seitdem ich denken kann, war ich hoffnungslos verliebt.


Da es aber unwahrscheinlich ist, dass wir uns jemals wieder auf eine gemeinsame Reise begeben, erzähl ich euch lieber, was gestern passiert ist. Bzw., ich halte mich kurz, weil ich es eh schlecht fassen kann. Und die meisten Bilder schöner sind als alles, was ich darüber sagen könnte.

Mit uns unterwegs waren noch eine andere deutsche Lehrerin und ein deutscher Freiwilligendienstableistender, der auch an einer deutsch unterrichtenden Schule arbeitet.

Wir sind die selbe Strecke gefahren wie ich mit Batsukh drei Tage früher, und dann noch weiter bis zur russischen Grenze.

Heute war die Kamelherde direkt am Salzsee. Wir sind hin und haben Fohlen angestaunt. Ganz lange. Ganz doll. Ganz viele Fotos gemacht.
So eine Digitalkamera ist schon auch eine Last. Ständig macht man viel zu viele Fotos, die man dann sortieren muss, vergleichen muss, löschen muss, über die man einzeln entscheiden muss, was man vielleicht in Wahrheit niemals tun wird. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile knapp 20.000 Fotos auf dem Rechner, ohne Witz. Und die sind schon grob sortiert. Wer soll sich das alles jemals wieder angucken? Aber andererseits - wie kann man denn widerstehen, hier ein Foto zu machen? Und noch eins, und noch eins?



Und weiter gefahren, über die schöne schöne Sanddüne, am Abzweig zum warmen Berg vorbei, weiter weiter Richtung russische Grenze. Die Landschaft wird immer neu immer anders. Zum Teil sah es jetzt aus wie Taiga, mit Birken und Kiefern.

Der Grenzort heißt Sukhbaatar, und kurz davor sind wir links ab und über eine bucklige Sandpiste auf eine andere, bewaldete Sanddüne - wo sich der so genannte Mutterbaum befindet.


Der Mutterbaum ist eine Art Naturtempel, ein religiöser Ort unter freiem Himmel. Hier wird wohl eine Mischung aus Schamanismus und Buddhismus betrieben, von Menschen jeden Alters praktiziert. Und wenn ich richtig verstanden habe, ist es einer der heiligsten Orte der Mongolei. Was nicht heisst, dass besondere Ehrfurcht in der Luft liegt.

Der Mutterbaum ist ein von einem Lama ausgewählter, geweihter Baum. An ihn hängen die Menschen Tücher und bringen vor ihm Opfer dar, solange, bis der Baum von der ganzen Last zusammenbricht. Dies ist hier bereits vor einigen Jahren geschehen, 100 Meter weiter ist der neu gewählte Mutterbaum, noch längst nicht so behangen und gut besucht wie der alte.

Der Baum ist umgeben von einem "Ring", einer Mauer aus Teeziegeln, und der "Tempel" hat eine Art "Eingang". Das ist alles, was ihn mit religiösen Stätten, die ich sonst so kenne, verbindet.

Wie beschreiben?


Hier sieht man den ursprünglichen Baum, oder was davon über ist. Über und über mit Hadags und anderen Seidentüchern behängt, ist er wahrscheinlich irgendwann einfach darunter erstickt. Man beachte auch das Vorher-Nachher-Schild.

Tücher hängen auch an allen anderen erreichbaren Ästen im Umkreis der Teeziegelmauer, und auf der Teeziegelmauer drauf.


Ein Teeziegel ist ein Ziegelstein aus Teeblättern. Das war in irgendwelchen Zeiten wohl auch mal eine Art "Währung". Man erkundige sich bei Googel. Jedenfalls nimmt man heute ganz offensichtlich Teepackungen und stapelt sie übereinander. Klappt erstaunlich gut, finde ich, auch wenn das Papier natürlich auf geht und sie irgendwann ungeschützt im Regen liegen, die Tee-Steine. Aber es regnet ja zum Glück nicht so oft.


Man kommt hier her mit einem Wunsch oder einer Bitte, und umkreist den Altar, den Baum, den ganzen Kreis. Dabei opfert man Lebensmittel. Kekse, Süßigkeiten, Bonbons, Reis, und ganz wichtig: Milch und Wodka. Milch ist eine sehr heilige, verehrte Flüssigkeit. Und natürlich opfert man auch wertvolle Dinge, und was könnte es wohl für ein wertvolleres Getränk geben als Wodka? Flüssigkeiten werden auf einen Löffel oder in ein kleines Glas gegeben und dann verschüttet. Man umkreist also den Kreis, giesst ein und schüttet in kleinen Portionen Milch herum, auf die blauen Hadags, die damit schon ganz verklebt sind. Ein Geruch nach saurer Milch lässt sich nicht vermeiden. Ein Müllgürtel ähnlich wie der um Darkhan lässt sich auch nicht vermeiden.


Was die Ringe sollen, die auf dem ersten Bild in den Ästen hängen, war nicht zu erfahren. Es sind jedenfalls Lenkrad-Schutzhüllen. Aber wieso man sie hinhängt, bleibt unklar. Allerdings sagte Anne mit ihrer Mongolei-Erfahrung: Man muss nicht unbedingt annehmen, dass die Leute hier wissen, warum sie was machen. Sie wissen, was man machen soll, wie man sich verhält. Das man einen Hadag an den Baum knotet, Milch und Reis mitbringt, Wodka opfert und ein Räucherstäbchen anzündet. Aber welcher Akt was für eine Bedeutung hat, kann dabei völlig im Dunkeln liegen. Der Lama hat halt gesagt, man soll es so machen.
Einen Lama oder einen Schamanen gab es übrigens überhaupt nicht zu sehen.

Eigentlich sah es aus, wie Familienausflug mit Picknick. Ja.
Einer der heiligsten Orte der Mongolei.


Weiter ging es dann durch Sukhbaatar durch, noch einen Ort weiter - wo man nach Russland winken kann, bis der russische Grenzbeamte rüber kommt. Dann haut man besser wieder ab, langsam und unauffällig schlendern.



Und zurück, natürlich die gleiche Straße, durch Taiga und Steppe und bis zum Fluss, der bei der Sanddüne liegt, wo es einen Steilhang gibt, wo wir picknicken wollten.

Die Landschaft hier war einfach traumhaft. Der Fluss noch halb vereist, Sand, Bäume, Berge, Wolken, Farben.
Essen.
Gucken.
Jacke ausziehen.
Auf dem Boden sitzen.
Berg hochsteigen.
Runtergucken.

Was braucht der Mensch zum glücklich sein?






Hier ist Flickr.

Stadt -

Ich fühle mich wie nach einer Woche Entspannungsurlaub.
Ich habe genau das gemacht, was ich mir am Montag vorgenommen habe; nämlich fast gar nichts. Ich bin in der Steppe rumgelaufen, und dann bin ich nach Hause gegangen und habe die Tür zu gemacht und ausgeschlafen.


Aber erstmal, gestatten: Das ist Darkhan.


Und da liegt Darkhan:


Das süße kleine Darkhan. Zweitgrößte Stadt, oder meinetwegen auch drittgrößte; darüber streiten sie sich wohl mit Erdenet. Auf jeden Fall ist es für mein Empfinden mehr ein Kuhdorf als eine Stadt, und wie gesagt - das war toll, endlich mal wieder in einem Kuhdorf zu sein, und raus zu können, und nicht umzingelt zu sein und einen mickrigen Spaziergang mit Taxi und Bus und Schlachtplan erstmal umständlich austüfteln zu müssen.

Darkhan ist erst 50 Jahre alt, eine Industriestadt eigentlich, die Anfang der 60er mit Hilfe der Sowjetunion quasi aus dem Boden gestampft wurde. Darkhan bedeutet wörtlich Schmied - damit sei die Aufgabe der Stadt grob umrissen.
Zur russischen Grenze sind es nur noch etwa 150 Kilometer, und in der Sowjetzeit haben hier auch viele Russen gelebt. Wohl auch daher kommt das Interesse an Russisch.


Jeden Tag hatte ich natürlich auch Unterricht in der russischen Schule. Russische Schule heißt, die Kinder werden dort in allen Fächern auf Russisch unterrichtet, es ist aber eine mongolische Schule und die Muttersprache der Kinder ist monglisch.


Ich hatte jeden Tag zwei Stunden, was wenig anstrengend war und mich in meinem Nichtstun und von UB erholen nicht sehr beeinträchtigt hat. Batsukh, der Direktor und Deutschlehrer, hat mich am Montag einfach in den Klassenraum geschoben, hat zu den Kindern gesagt - so, das ist für diese Woche eure Lehrerin, und ist wieder rausgegangen.
Die Kinder waren cool, eine ganz seltsame Mischung zwischen Flohzirkus und strammer Disziplin. Kaum klingelte die Glocke (das passiert, wenn eine Lehrerin im Vorzimmer den Stecker der Klingelglocke kurz an die Steckdose hält), standen die Kinder in Hab-acht-Stellung hinter ihren Tischen, warteten auf meinen Gruss, brüllten mir dann gemeinsam ihre Antwort entgegen (Guten-Morgen-Frau-Katharina!!!) und setzten sich nicht eher hin, als bis ich es ausdrücklich erlaubt hatte.
Dann waren sie allerdings wieder ganz normale wilde Kinder, die wild rumquäken und quatschen, dazwischenrufen, ständig Plätze tauschen und schwerer als der sprichwörtliche Sack Flöhe zu hüten sind.

Ich hatte Unterricht in der 5. und der 7. Klasse. Eine 6. Klasse gibt es nicht. Konversation soll ich machen, hiess es. Weil ich (obwohl ich mehrmals gefragt hatte) nicht wirklich wusste, was ich mit den Kindern machen kann - was sie schon können, was sie grade für ein Thema haben, mit was für einem Buch sie arbeiten - , und noch dazu weil ich ja überhaupt keine Erfahrungen oder irgendeine Einschätzung über den Unterricht mit Kindern habe, habe ich zumindest die 5. Klasse dann auch abwechselnd über- und unterfordert, glaube ich. Aber ich denke, sie haben es mir nicht übel genommen, und es war alles in allem trotzdem ganz ok. Und mit der 7. konnte man wirklich schon viel machen.
Überhaupt hat es viel Spass gemacht, die Kinder waren sehr offen und überhaupt nicht ängstlich. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie mit Fremdsprachen aufwachsen, indem sie eben von der 1. Klasse an auf russisch unterrichtet werden. Sich in eine Sprache einfühlen und ohne Scheu einfach darin kommunizieren, soweit es eben geht, damit haben sie kein Problem, und das merkt man ihnen an.

Die Schule wächst quasi mit ihren Schülern. Die 7. Klasse ist die Älteste, das ist der erste Jahrgang, der damals in der Schule angefangen hat. Nächstes Jahr, ab der 8. Klasse, lernen sie zusätzlich noch Englisch. Und natürlich gibt's auch Mongolisch-Unterricht. Wenn sie dann abgehen, sind die Kinder richtige Sprachprofis.
Ausserdem profitieren sie sehr von der Grösse der Schule, bzw von der Kleinheit. Hier hat eine Klasse 12 oder 15 Schüler. Das ist ein unglaublicher Luxus gegenüber den normalen Schulen, in denen bis zu 60 Kinder in einer Klasse sind.
Aber natürlich kostet dieser Luxus auch Schulgebühren.

5. Klasse...

... und 7. Klasse

Gewohnt habe ich ungefähr 1 Minute von der Schule entfernt, in einem Lehrer-Wohnheim - oder besser gesagt, einer Lehrer-WG. Ausser mir waren da noch 5 andere Lehrerinnen. Alles Russinnen, die kein Englisch konnten, und da ich kein Wort Russisch konnte, gab es eigentlich keine Kommunikation. Aber das war auch ok, ich war ja quasi in meinem Alleinsein-Nichtstun-Urlaub und äusserst zufrieden, wenn ich alleine sein und nichts tun konnte.

Und rumlaufen.
Meine erste Einschätzung, dass in der Steppe gar nichts ist, hat sich ein wenig relativiert. In der Nähe der Stadt gibt es erstmal überall Müll, wahre Müllhalden. Irgendwo gibt es auch eine "richtige" Müllhalde, und von da fliegt einfach viel Zeug rum, vom Winde verweht. Und dann bringen die Leute anscheinend auch ihre Säcke einfach hinter den nächsten Hügel, wo die Kühe drin rumfressen und alles ordentlich verteilen, bis wieder der Wind kommt und es weiter verteilt. Um Darkhan rum gibt es also erstmal überall einen mehrere hundert Meter breiten, mehr oder weniger intensiven Müllgürtel.


Außerdem gibt's überall tote Tiere, Tierteile, Knochen, Hufe, Hörner und Zähne. In meinen aktiven Zeiten als Knochensammlerin und Tierarchäologin hätte ich wahrscheinlich gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Aber bei dem Übermaß hier erübrigt sich das schnell.
Einerseits sind das noch Reste von erfrorenen Tieren, die immernoch überall in der Steppe, neben der Straße und sonstwo rumliegen, mittlerweile halb verwest, halb gefressen und halb immernoch gefroren. Die Hunde tragen es rum.
Außerdem scheint es Usus zu sein, Reste von Fleischmahlzeiten aus dem Fenster zu werfen. Vor den Häusern und Wohnung ist auch alles voll damit. Einerseits könnte das auch für die Hunde gedacht sein. Andererseits gibt es wohl auch den Brauch, bestimmte Knochen (Schulterknochen) nach dem Essen sofort aus dem Haus zu verbannen und möglichst vorher auch schon kaputt zu brechen. Es könnte also auch sein, dass man sich einfach auf dem schnellsten Wege, nämlich per aus-dem-Fenster-werfen seiner bösen Geister entledigt.

Und, was es auch immer und überall zu geben scheint: Strommasten.

Hat man den Müllgürtel aber erstmal überquert, liegt vor einem: endlose, leere Steppe. Hügel. Hinter dem Hügel: Steppe. Und ganz hinten: Berge. Ab und zu eine Herde, oder eine Reifenspur.




Noch ist alles braun und verdorrt und trocken und braun. Aber wenn der Frühling loslegt und dann der Sommer kommt, dann wird die ganze Landschaft grün sein. Oh, oh, wie schön.


Auch in Darkhan selber bin ich viel rumgelaufen. Dort gibt es: Ein Museum für Stadtgeschichte, in dem extra für mich erst das Licht angeschaltet wurde denn man rechnet nicht oft mit Besuchern. Allerdings gabs dafür eine Führung auf Englisch nur für mich, von einem freundlichen jungen Mongolen, der alle meine Fragen beantworten konnte. Das war cool.

Außerdem gibt es: eine Buddha-Statue auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Blick nach Westen hat.

Und es gibt: ein Denkmal für die mongolische Pferdekopfgeige, Morin Khuur, erst drei Jahre alt und der neueste Stolz der Stadt.


Die Pferdekopfgeige ist neben der Jurte eins der wichtigsten Nationalsymbole und überall präsent, besonders natürlich in den Souvenirshops. Sie hat zwei Saiten, die aus jeweils einem Strang Schweifhaare bestehen, und am Halsende einen geschnitzten Pferdekopf.

Über ihre Entstehung gibt es ganz viele verschiedene Geschichten und Legenden. Aber immer geht es irgendwie um einen Mann (Fürst, Soldat, Hirt...), der ein Zauberpferd hatte, was fliegen konnte (zur Geliebten, zur vermissten Heimat...). Und irgendwie kommt dieses Pferd um (durch Unachtsamkeit, durch eine eifersüchtige Ehefrau...), und der Mann baut sich zum Trost aus den Knochen und Schweifhaaren des toten Zauberpferdes eine Geige - um seine Trauer besingen oder die schönen, verloren gegangenen Stunden wieder aufleben lassen zu können.


Und letztendlich bin ich dann doch auch zwei Mal aus Darkhan rausgekommen und habe Ausflüge noch weiter in den Norden gemacht. Zu Kamelen und Salzseen und Mutterbäumen und der russischen Grenze, und Ziegenbabys und Picknicken und dem schönsten Fluss der Welt, der immernoch zu 3/4 zugefroren ist.
Aber darüber gibt's einen eigenen Bericht.

Mehr Fotos von Darkhan gibt's bei Flickr und hier in der Diashow.
Übrigens: Ich empfehle, in der Diashow oben rechts auf "Info anzeigen" zu klicken, denn dann steht da, wie das Foto heißt. Vielleicht interessiert euch ja, was ihr da eigentlich genau anguckt.

Zurück aus Darkhan


Darkhan - MyVideo

Das waren meine Montagsgrüße an euch.
Was ich wirklich gemacht hab, erzähl ich morgen.

Samstag, 10. April 2010

Darkhan

Internet zuhause ist kaputt, und ich schreibe aus der Uni, deshalb gibts heute kein picture of the day. Und naechste Woche auch nicht, denn morgen fahre ich fuer eine Woche nach Darkhan an die russische Schule. Juchuuu, ich freufreufreu mich. Wahrscheinlich fahre ich mit dem Zug - das heisst mit der transmongolischen Eisenbahn! Auch wenn es nur ein kleines Stueck ist.

Heute abend steht schon wieder eine Feier mit dem Lehrstuhl an. Die vierte, seit ich hier bin. Gruende zu feiern werden genug gefunden, letzten Samstag war es die Nachfeier zum Maennertag, der am 18. Maerz war; und heute ist es die Wohnungseinweihungsfeier von Mukhuubagscha, dem einzigen maennlichen mongolischen Lehrer unseres Lehrstuhls.
Deshalb bleibe ich extra noch einen Tag laenger hier, anstatt heute abend mit dem Direktor der Schule schon nach Darkhan zu fahren. Der ist naemlich mit ein paar seiner Schueler hier, weil heute eine Deutscholympiade stattfindet. So richtig hab ich noch nicht verstanden, wie das funktioniert. Es ist wohl eine Art Test oder Pruefung, und der Sieger gewinnt glaube ich einen Sommerferiensprachkurs in Deutschland. Inklusive Flug und Visaformalitaeten. Aber das gehe ich mir jetzt gleich mal genauer ansehen.

Ja, jedenfalls moechte ich die Feier auf keinen Fall verpassen und fahre deshalb nach. Denn was mich bei solchen Zusammentreffen immer wirklich fasziniert, ist die Art, wie ganz einfach und ohne grossen „Aufwand“ oder irgendeine Art von Peinlichkeit immer eine wirklich schoene, intensive und besondere Stimmung entsteht. Das liegt zum einen an der offenen Art der Mongolen, ohne Scheu schoene Dinge zu sagen. Wo einem in Deutschland eine peinliche, langatmige und ueberfluessige Tischrede begegnet, ist es hier einfach anders. Die Menschen reagieren ganz anders als bei uns. Und singen gehoert wirklich immer dazu, ob in einer grossen Runde oder bei den Lehrstuhlfeiern, wo wir nur 6 oder 7 sind. Wenn jemand hier ein Lied anstimmt, bleibt er damit nicht alleine, sondern die anderen stimmen ein und gemeinsam wird das Lied beendet. Naraabagscha, die Professorin an meinem Lehrstuhl, hat es ganz gut ausgedrueckt. Wenn du in Deutschland allein ein Lied anfaengst, musst du es auch alleine zuende bringen. Hier holen dich die Menschen darin ab.
Oder: Gedichte. Letzte Woche entstand ploetzlich eine Situation, in der wir Gedichte laut gelesen haben. Die gab es fuer die Maenner als Geschenk zum Maennertag. Und auf einmal war wieder eine ganz andere Stimmung da. Vodka, literweise Dosenbier und Kekse gab es auch dazu. Aber wo es bei uns dann eher zotig, laut und lustig wird, wird man hier... hm, mehr anhaenglich und froh, in der Gemeinschaft zu sein.
Das Nomadenvolk, habe ich darueber gelesen, hat von Weite mehr als genug und braucht stattdessen Naehe. Deshalb ist zum Beispiel eng zusammen wohnen, in der Jurte oder zu viert in der 2-Zimmer-Wohnung, kein Problem.

Ja, ich freue mich also auf einen schoenen Abend heute, und die Reise nach Darkhan morgen, und auf Darkhan naechste Woche.

Leicht getruebt wird die Freude nur durch die Tatsache, dass ich heute morgen ein Stueck Backenzahn verloren habe. Ich habe ihn mir mit Zahnseide weggesprengt. Und bin nicht wenig irritiert darueber, dachte ich doch, Zahnschmelz ist der haerteste Bestandteil des menschlichen Koerpers und nur mit Hammer und Meissel zu beseitigen. Aber wahrscheinlich muss ich einfach hinnehmen, dass auch mein Koerper mit dem Alter marode wird und einfach zerfaellt.
Zur Sicherheit nehme ich jetzt jedenfalls meine bisher ueberfluessige Notfallapotheke und meine Auslandskrankenversicherungspolice mit nach Darkhan. Wer weiss, ob ich nicht beim naechsten Mal Zaehne putzen einen Nerv freilege.

Freitag, 9. April 2010

Picture of the day


für Ulli ;)

Donnerstag, 8. April 2010

Picture of the day


Hier wohnt jemand unter einem Gullideckel.

Die Gullideckel sind meistens offen. Manchmal ist eigentlich gar nichts drunter, nur so 40 Zentimeter und dann kommt der Boden.
Manchmal steht aber auch ne kleine Metall-Leiter drin. Dann klettern hier nachts die Obdachlosen zum schlafen rein.
Und hier konnte man beim vorbeigehen direkt auf ein gemütliches Bett gucken. Mit Katze.
20 Meter weiter war ein Kinderspielplatz, 100 Meter weiter liegt das größte Kaufhaus der Stadt. Mittendrin.
Ich komm da nicht drüber weg, wie nah hier alles beieinander ist.

Mittwoch, 7. April 2010

Dienstag, 6. April 2010

Montag, 5. April 2010

Sonntag, 4. April 2010

Frohe Ostern

Euch Frohe Ostern!

Ich dachte eigentlich, das würde dieses Jahr komplett an mir vorübergehen, doch – oh Wunder – wie durch Zufall stolperte ich heute in der deutschen Bäckerei (ihr kennt sie vom Picture of the day) über bunt gefärbte Ostereier. Und gönnte mir eins.

Dieses Wochenende war einigermaßen erlebnisreich, und ohne euch zuspammen zu wollen – ich möchte es erzählen. Wenigstens häppchenweise. Denn dies ist immerhin mein einziges Tagebuch, das ich führe, also schreibe ich alles rein, an was ich mich noch in 23 Jahren fröhlich schmunzelnd erinnern möchte.

Zum Beispiel an den freundlichen jungen Mann im vegetarischen Restaurant, der sich vor ein paar Tagen zu mir setzte, weil alle anderen Tische besetzt waren. Ich hatte mein mariniertes Tofu an Buchweizen und dazu das heiße Sanddorngetränk schon verputzt und starrte grade Löcher in die Luft, bereit, zu zahlen und den Saal zu verlassen. Da kam er, „Mind if I join?“ und begann eine Unterhaltung. Nachdem er herausgefunden hatte, dass ich Deutsche bin, sagte er, er könne „a little bit“ german und würde es gerne in der Praxis mit mir erproben, und wir switchten also um. Und dann - legte er eine lupenreine Deutschkonversation aufs Parkett und zitierte mal eben so aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“. Denn er liebte Heine und hatte erst an dem Morgen ein paar Verse zum Frühstück gelesen.
Natürlich besitze ich jetzt auch seine Visitenkarte.


Am Samstag habe ich dann zum zweiten Mal Essen verweigert, und zwar zuhause, zum Frühstück. Gefragt, ob ich Tee mit Reis möchte, habe ich gutherzig ja gesagt, denn eigentlich bin ich ja bereit, alles auszuprobieren. Traditioneller mongolischer Tee ist salzig und milchig, also grundsätzlich was anderes als gewohnt. Tut man dann noch ein paar Ingredienzien rein, wie Reis oder Fleisch, dann wird halt Suppe draus. Ich dachte also, es gibt Teesuppe mit Reis drin. Ich bekam eine Schüssel, und drin war zusätzlich ein undefinierbares Stück weißlichen Etwas. Ist das Fleisch? Nein, irgendwie.. was bauchiges. Ich ahnte schon etwas, Uyanga ging im Wörterbuch nachschauen und brachte mir dann die Gewissheit.

Da schwamm PANSEN in meinem „Tee“.

Uyangas Mama fordert mich immer mit den Worten „Eat it! Eat it! Eat it!“ auf, noch mehr zu nehmen und mehr zu essen und besonders delikate Stücke zu probieren. An dem Tag redete sie besonders eindringlich auf mich ein. Sie wollte gern, dass ich das esse, denn anscheinend ist es gesund. Aber ich konnte nicht. Allerdings habe ich die Teesuppe mit Reis gelöffelt, in der der Pansen schwamm. Und ich finde, das habe ich schon ganz toll gemacht.

Uyanga und ihre Mama aßen zu ihrem Pansen übrigens Weißbrot mit Marmelade. Man lasse sich die Kombination (wenigstens verbal) auf der Zunge zergehen...



Heute war ich dann mit Uyanga und Nassa, einer anderen Studentin, in der Stadt unterwegs. Wir waren unter anderem in der Markthalle. Hier ist ein Foto von Verweigerungsfall Nr. 1. Quasi ein Osterlamm!!



Und damit schließt sich der Kreis...

Picture of the day

What it needs to live comfortably

Samstag, 3. April 2010

Jeden Tag ein (kleines) Abenteuer

Ich wäre manchmal gern ein bisschen mutiger. Ich glaube, dann würde man noch viel mehr erleben. Naja, und man könnte öfter Fotos machen von den ganzen Sachen, die ich immer so ein bisschen ungläubig angucke und dann einfach schnell weitergehe. Ich traue mich nicht mal, im Supermarkt Fotos zu machen. Warum? Was kann da passieren, außer dass mich jemand beschimpft? Ich würde euch so gern die Fleischtheke zeigen. Naja, vielleicht schaffe ich es ja eines Tages noch.

Ich würde auch gern auf der Straße noch mehr fotografieren, aber da versuche ich wie gesagt, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich (und meine Kamera) zu ziehen. Denn außer dem Kameradiebstahlversuch sprechen mich ja auch so öfter Menschen an und tun so, als wollen sie mich kennenlernen – oft habe ich aber vorher genau beobachten können, wie sie mich abscannen, ihr Blick kurz an irgendwas hängen bleibt (gestern: Kameratasche) und sie dann spontan versuchen, mir im Vorbeigehen ihre Hand hinzuhalten. Einmal, das habe ich noch gar nicht erzählt, ging ich auf dem Bürgersteig auf der größten Straße hier entlang, und auf einmal hängte sich ein kleiner Junge an mein Bein. Der war genau so groß, dass er mit den Armen meine Kniekehle umfassen konnte, und da hing er dann; ohne was zu sagen und ohne mich anzuschauen. Ich hab probehalber versucht ihn abzuschütteln, aber er ließ nicht los und ließ sich ein paar Schritt mitschleifen. Am Rand saß eine Gruppe Männer, die sehr genau beobachtet, aber nichts gesagt haben; ich bin ziemlich sicher, dass er zu denen dazu gehörte. Und natürlich sollte ich wohl meinen Stapel Scheine aus der Tasche ziehen. Ein Passant sagte dann was zu dem Jungen und er ließ mich wieder los.

Ja, langer Rede kurzer Sinn, ich bin auf der Straße immer in Hab-Acht-Stellung, und würde mich manchmal gerne ein bisschen freier und mutiger fühlen. Stattdessen schimpfe ich nicht mal, wenn ich beklaut werde. Was ist da los!?

Da ich jetzt auf mich allein gestellt bin, weil Otgoo anscheinend völlig das Interesse an mir verloren hat, seit ich mich nun auch noch seinem Interview rundheraus verweigert habe, habe ich gestern einen wichtigen Schritt Richtung Unabhängigkeit unternommen. Ich habe mir nämlich eine hosentaschentaugliche Karte von Ulan Bator gekauft, und nun kann ich selbständig ein Taxi nehmen und einfach auf der Karte zeigen, wo ich hin will. Denn sonst war es noch ein bisschen schwierig, mich in der Hinsicht zu verständigen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Uni auf mongolisch heißt. Ich habe keine Ahnung, wie die Straße heißt, in der ich wohne. Ich weiß nicht mal genau, ob sie überhaupt einen Namen hat; zumindest ist sie auf keiner einzigen Karte eingezeichnet. Orientiert wird sich in der Mongolei anders, Straßennamen spielen da eine weniger große Rolle, von den wichtigsten Hauptstraßen vielleicht mal abgesehen. Aber eine Geschichte, die ich nun schon an mehreren Stellen gelesen habe, illustriert vielleicht gut die mongolische Art und Weise der Orientierung. Eine Bushaltestelle hier heißt Sapporo. Das steht nirgends offiziell, aber „alle wissen“, dass sie so heißt. Und warum heißt sie so? Weil es hier mal einen großen Nachtclub namens Sapporo gab, der eine große und auffällige Leuchtreklame hatte, an der man sich gut orientieren konnte. Den Nachtclub gibt es nicht mehr, auch die Buchstaben der Leuchtreklame kamen nach und nach abhanden. Nicht aber der Name der Bushaltestelle. So läuft das hier.

Und da kann ich eben ziemlich schlecht mithalten, denn selbst wenn ich einen Straßennamen sagen könnte, ist es sehr gut möglich, dass der Taxifahrer den nicht kennt. Ich müsste schon den Namen eines angrenzenden großen Hotels oder einer Bank oder einer Uni oder eines ehemaligen Nachtclubreklameschildes nennen können. Und nun kann ich immerhin auf der Karte einfach da hinzeigen, wo ich hin will.

Sehr euphorisch über diese neu gewonnene Unabhängigkeit und in freudiger Erwartung meiner ersten Allein-Taxifahrt, dazu noch guter Laune wegen der strahlenden Sonne und der angekurbelten Vitamin-D-Produktion, beschloss ich dann auf der Straße, gleich noch mehr neue Erfahrungen in den Tag einzubauen und mich einem Schuhputzer anzuvertrauen. Seit es ein bisschen wärmer ist, haben die Telefonmänner und –frauen auf der Straße nämlich vermehrt Gesellschaft von Waage-Anbietern, Schuhputzern und Obstverkäufern bekommen. Und meine Schuhe hatten es nötig, und ich dachte, was soll schon passieren, versuch es doch mal.

Der auserkorene Schuhputzer machte mir deutlich, dass es 3000 kosten würde, wenn er meine Schuhe putzt. Ich hatte schon den Verdacht, dass das reiner Wucher war, denn immerhin weiß ich, was andere Dienstleistungen wie Taxifahren oder Friseur kosten. Wenn waschen-schneiden-föhnen in einem richtigen Friseurladen 4000 kostet, kann ja Schuhe putzen auf der Straße eigentlich schlecht 3000 kosten. Aber da ich ja noch keinen Vergleichswert besaß, den ich als Gegenvorschlag in die Verhandlungen hätte einbringen können, noch überhaupt irgendwelche Verhandlungsmöglichkeiten besitze, da ich kein Wort sagen kann außer danke und Auf Wiedersehen, habe ich mich gefügt und dachte, na komm, ich gönn es dir, du armer Schuhputzer, dass du mich hier um 1,50€ betrügst. Will ich mich mal nicht so haben.

Er fing dann auch an und wienerte und putzte drauflos und ließ sogar von einem Schuhputzernachbarn (die sitzen in Sichtweite voneinander entfernt auf der Straße; soviel zur Verteilung) andere Schuhputzcreme bringen. Damit bearbeitete er meinen ersten Schuh. Und als er dann beim zweiten war, schaute er hoch und machte mir klar, dass es nun, mit der Paste, 6000 kosten würde. Er hatte also grade die ganze Prozedur eigenmächtig upgegradet und versuchte offensichtlich, mich leichtgläubige Ausländerin noch weiter auszubeuten.

Und wie ich noch so da stehe und überlege, wie ich jetzt angemessen reagiere, weil ich ihm 6000 dann doch auf keinen Fall kampflos geben möchte, taucht auf einmal ein europäisch aussehender, aber ebenfalls leicht heruntergekommener älterer Mann an meiner Seite auf und fragt: „Does he try to cheat you!??“ „I’m not sure“ ist meine Antwort, und schon schreit mein aus dem nichts herbeigeeilter Retter auf mongolisch auf den Schuhputzer ein, dass man meinen könnte, hier liegt eine alte Familienfehde vor. Der Schuhputzer schafft es gar nicht zu antworten, so gerät der Europäer in Rage, und ich stehe ein bisschen dumm daneben. „You give him 500, not more!“ wiederholt der Europäer ein paar Mal, und schimpft weiter, offensichtlich gibt der Schuhputzer Widerworte. „I will beat him if he wants more!“ Er ist so in Rage, dass er sich beim Schreien selbst anspuckt, der Schuhputzer hat sich demonstrativ von meinem Schuh zurückgezogen, ich bin einfach nur sehr erstaunt. Da wollte ich mal ein winziges bisschen mutiger sein, und schon gibt‘s einen Eklat.

Ich gebe dem Schuhputzer schließlich 500, er ist noch nicht fertig, aber er will auch nicht mehr weitermachen, und der andere Typ verschwindet so plötzlich wie er aufgetaucht ist. Ich gehe auch, der Schuhputzer schaut mir enttäuscht hinterher.

Nun habe ich also Stiefel an, die mit einer Paste beschmiert, aber nicht zuende geputzt sind. Egal, und später merke ich auch, dass es sowieso ein blöde Idee war, meine Schuhe zu putzen. Denn eigentlich habe ich heute das Haus verlassen, um auf einen Berg zu steigen.


Südlich von Ulan Bator liegt das Bogd Khan Gebirge, benannt nach einem König (Khan). Das ist sogar einer der ersten Nationalparks der Welt. Grade habe ich bei Wikipedia gelernt, dass das Gebirge auch zum UNESCO Weltkulturerbe gehört.

Ulan Bator reicht bis an die Füße dieses Gebirges heran, und ich wollte mit dem Taxi bis zum Südrand der Stadt fahren und dann einfach ... irgendwo hochlaufen. Also sammelte ich all meinen Mut zusammen, streckte den Arm raus, und das erste Auto hielt an. Gott, das ist ja so praktisch, das mit den privaten Taxifahrern.

Ich bin dann bis zur Buddha-Statue gefahren, bei der ich schon mal war, und habe mich dann durchgeschlagen, bis ich irgendwo oben war. Das war erst gar nicht so leicht, weil dort überall auch gebaut wird und die Berghänge von Zäunen umgeben sind. Aber ich bin einfach eine Straße Richtung Berg immer weiter hoch gelaufen, bis schließlich eine Lücke kam und man auf den Bergkamm hochklettern konnte. Und dann war ich auf dem Bergrücken, und es war so schön.


Bogd Khan UUl - MyVideo

Obwohl die Stadt direkt unter einem liegt, ist dort oben gar nichts und niemand. Ich habe keinen einzigen Menschen gesehen. Der Wind pfeift, es war ganz schön kalt. Und man läuft wirklich einfach in der Pampa herum, obwohl so nah an der Stadt; es gibt kleine Trampelpfade, die sehen aber eher aus wie von Tieren gemacht, und sonst nichts. Völlige Ruhe, Natur, der Wald, die Aussicht, die Sonne. Das war echt schön.


Sobald es hier Frühling wird, merkt man es bestimmt hier, wenn die Pflanzen zu wachsen anfangen. Bisher aber gibt es kein einziges frisches Grün, einfach nichts. im Mai oder im Juni sind das alles Blumenwiesen... Ich hoffe wirklich, dass ich das noch sehe.



Oben stehen auch einige Ovoos, „geschmückte Steinhaufen“.

Die gibt es häufig auf Bergspitzen oder hohen Plätzen. Wikipedia erzählt, dass diese Haufen religiöse Ursprünge haben, aber zugleich auch als Orientierungspunkte in der Wildnis dienen. Reisende umkreisen den Haufen drei Mal und werfen auch Steine auf ihn. Außerdem lässt man Opfergaben da. Daher die vielen Fähnchen und Hadags und buddhistischen ... Dinge, die man im Umkreis findet.


Im Wind sind einige Raben gesegelt, direkt über meinen Kopf. Die haben sich einfach immer vom Wind hin- und her schmeißen lassen. Das macht bestimmt Spaß.

Und von oben konnte man direkt auf die Siedlungen sehen, die am Berg unten liegen. Wieder: Jurten, obwohl hier am Südrand der Stadt eigentlich die Reichenviertel sind. Arm und Reich liegen wirklich so nah nebeneinander.

Ich bin dann den Berg auf der anderen Seite wieder runter geklettert und durch die Jurtensiedlung zurück auf die Hauptstraße Richtung Zentrum. Nach Hause, zurück in die stressige, hupende Stadt bin ich gelaufen, etwa 6 bis 7 Kilometer insgesamt.


Grade, als ich dem Berg den Rücken zugewandt hatte und mich gefreut habe über diesen schönen Ausflug und den schönen Tag, fuhr ein Geländewagen an mir vorbei. Hinter sich her, an den Hinterbeinen festgebunden, schleifte er zwei tote Hunde über die Straße.
Irgendwas ist ja immer.

Freitag, 2. April 2010

Donnerstag, 1. April 2010