Am Donnerstag hat Batsukh mit mir einen Ausflug gemacht. Eigentlich wollten wir Mittwoch fahren. Das klappte aber nicht, weil der "Führer", den wir brauchten, um den Weg zu finden - vielleicht aber auch nur, um einen Geländewagen zu haben - am Mittwoch zu besoffen war.
Das war er am Donnerstag auch, aber da haben wir uns trotzdem auf den Weg gemacht. Der besoffene Führer erkundigte sich zuerst nach meinem Alter und Familienstand, ich habe vorsichtshalber gesagt, ich sei verheiratet. Da legte er sich hinten auf die Rückbank, schlief und dünstete Wodka aus. Batsukh fuhr, es ging nach Norden.
Es ist mir wirklich so egal, wo wir hinfahren. Ich brauche nur im Auto zu sitzen und rauszuschauen, und ich werd sofort ganz glücklich. Die Landschaft ist so schön, es ist so schön, hier zu sein und wirklich mitten drin rumzufahren, und alles ist überall so, wie es auf der kitschigsten Romantik-Nomaden-Postkarte aussieht. Eine schnurgerade Straße geht mitten durch die Steppe. Da hinten die Berge. Dann ein Salzsee. Eine Herde Kamele (die hier gar nicht hingehören; eigentlich findet man die in der Gobi). Eine Herde Ziegen. Ein Nomadenmädchen kommt mit einem Ziegenbaby auf dem Arm - die Hirten müssen aufpassen, dass die Schafe und Ziegen nicht ihre Lämmer in der Steppe verlieren, denn der Herdeninstinkt ist stärker als der Mutterinstinkt. Und wenn so ein Baby nicht aufpasst, bleibt es zurück.
Aber dafür kommt ja das Nomadenmädchen hinterher.
Hirten auf Pferden. Hirten neben den gesattelten Pferden im Gras. Pferde ohne Sattel, mit Fohlen. Jurten am Berghang, noch im Winterlager; aber bald wird es wohl losgehen mit dem umziehen und Jurten einpacken und nomadisieren. Ovoos und blaue Hadags in allen Bäumen, auch hier.
Wir kamen an einer Kamelherde vorbei, und an einem Salzsee, und nach etwa 45 Minuten gab es irgendwann eine andere asphaltierte Straße nach links. Vorher gab es nur Pisten, wenn überhaupt.
Die Landschaft hatte sich mittlerweile stark geändert; so, wie das Kamel da liegt, mitten im Nichts umgeben von nichts, sah es nicht mehr aus. Man kommt irgendwann an eine Sanddüne, über die ein kleiner Pass drüberführt; und plötzlich sind da überall Büsche und Bäume, und die Berge viel näher, und es sieht alles ganz anders aus.
Nachdem wir abgebogen sind, kamen wir zu einem Berg, der "warmer König" oder "König der Wärme" heißt. Und warum heisst er so? Natürlich hat es was mit Dschinghis Khan zu tun, denn obwohl nach ihm noch 38 andere Khans kamen, ist er der einzig wahre und große König. Er campierte also eines Tages mit seinen Soldaten hier. Er selbst schlief in der Nähe des Berges, aber ein Teil seines Heeres lag weiter draußen. Es muss wohl Winter gewesen sein, denn am nächsten Tag waren die Soldaten, die weiter draußen übernachtet hatten, tot - doch der wärmende Berg hatte den großen König geschützt und darf sich seitdem mit dem Namen schmücken, die diese Geschichte in Kurzform erzählt.
Am Fuß von diesem Berg liegt ein kleines Dorf, und hier führt auch die Eisenbahnlinie nach Russland vorbei. Aber ohne zu halten, glaube ich.
Die Straße zu dem Dorf war ziemlich schlecht, und Batsukh ist die ganze Zeit gefahren wie verrückt. Ich musste mich festhalten und aus dem Fenster gucken, weil ich die ganze Zeit so lachen musste. Er ist ein ziemlich nervöser Fahrer, so einer, der schnell fährt, aber dabei keine Sicherheit ausstrahlt. Zielsicher nahm er jedes Schlagloch mit, und der besoffene Typ auf der Rückbank flog ein paar Mal von der Bank.
Als wir in dem Dorf ankamen, wachte er auf ("oh, schon da?"). Batsukh wollte ihn eigentlich dabeihaben, weil er mit dem Weg nicht sicher war, aber jetzt hatten wir es ja auch so gefunden. Wie hätten wir das eigentlich nicht finden können, frage ich mich, denn wenn man nur auf Asphaltstraßen unterwegs ist, hat man eigentlich gar keine Möglichkeit sich zu verfahren. Es gibt ja nur alle 50 Kilometer eine neue Straße. Sobald man den Asphalt verlässt, ist das natürlich ne ganz andere Sache.
In dem Dorf an dem Berghang gibt es ein kleines Häuschen, wo ein alter Mann lebt, der da ein privates Museum in einer Art russischen Datscha eingerichtet hat. Dahin wollten wir.
Es gab auch ein paar ausgestopfte Tiere, zum Beispiel ein halbes Luchsbaby. Die andere Hälfte haben sie nie gefunden. Und Fotos aus dem Wald und vom Berg. Und Wurzeln. Und habe ich schon die geschnitzten Äste erwähnt?
Aber da ich ein Landkind bin, bin ich mit Pflanzen und Bäumen und Holz ehrlich zu erfreuen, und es war ein toller Besuch in einem tollen Museum. Es wäre bestimmt schön, mit dem alten Mongolen auf den Berg zu klettern. Der kennt bestimmt alle Bärenhöhlen und Adlernester und Quellen. UND wirklich alle Arten einheimischer Tierkacke, liebe Lisa!
Da sitzen sie, unsere Führer des Tages. Der Betrunkene wollte auch immer auf jedes Foto.
Dann ging es schon wieder zurück, über die holprige Straße, über den Sanddünenpass, durch die Steppe an Salzsee und Kamelen vorbei. Ein kleiner 2,5-Stunden-Ausflug, aber es reicht, um mich vollauf zufrieden zu stellen.
Eigentlich wollte ich am Samstag in aller Ruhe zurück nach UB fahren. Aber dann bekam ich eine E-Mail von Anne, der ZfA-Frau, die hier die deutsch unterrichtenden Schulen betreut und über die der ganze Darkhan-Ausflug zustande kam. Sie käme am Samstag abend nach Darkhan und wollte am Sonntag einen Ausflug machen, ich könnte mit, wenn ich wollte.
Ich will wirklich nichts lieber, als in der Gegend rumfahren und "die Landschaft anglotzen", wie Anne es genannt hat.
Am liebsten würde ich das immer mit ihr machen. Denn Anne ist eine irre Frau. Sie lebt seit 3 oder 4 Jahren hier (nachdem sie schon jahrelang im tiefsten Russland war), hat ein eigenes Auto, einen alten Mercedes Geländewagen, und braust damit ganz alleine (na gut, mit GPS) querfeldein durch die Wüste Gobi, um ihre mongolischen Freunde zu besuchen und ne Woche Urlaub in der Jurte zu machen.
Ich bin völlig beeindruckt davon.
Und es macht so Spaß, mit ihr unterwegs zu sein, weil sie alles mögliche weiß und alle möglichen Leute kennt, und die ganze Zeit davon erzählt. Sie ist (war zumindest in Deutschland) Bio-Lehrerin. "Oh guck mal, hier wächst eine Pflanze, die heisst XYZ und hast du gehört, da drüben hat grade ne Lerche gesungen, und das hier ist ne mongolische Ulme, guck mal, was die für Luftwurzeln machen! Ist ja irre!"
Das Landkind guckt Pflanzen an und staunt und will sowas wissen. Auch das mit dem Herdentrieb-besiegt-Muttertrieb habe ich von ihr gelernt. Anne ist für mich persönlich die perfekte Reiseleiterin.
Spätestens dann, als sie fürs Picknick den zusammensteckbaren Alu-Spirituskocher inklusive Teekessel aus dem Auto holte, der auch in meiner Familie existiert, seitdem ich denken kann, war ich hoffnungslos verliebt.
Da es aber unwahrscheinlich ist, dass wir uns jemals wieder auf eine gemeinsame Reise begeben, erzähl ich euch lieber, was gestern passiert ist. Bzw., ich halte mich kurz, weil ich es eh schlecht fassen kann. Und die meisten Bilder schöner sind als alles, was ich darüber sagen könnte.
Mit uns unterwegs waren noch eine andere deutsche Lehrerin und ein deutscher Freiwilligendienstableistender, der auch an einer deutsch unterrichtenden Schule arbeitet.
Wir sind die selbe Strecke gefahren wie ich mit Batsukh drei Tage früher, und dann noch weiter bis zur russischen Grenze.
Heute war die Kamelherde direkt am Salzsee. Wir sind hin und haben Fohlen angestaunt. Ganz lange. Ganz doll. Ganz viele Fotos gemacht.
So eine Digitalkamera ist schon auch eine Last. Ständig macht man viel zu viele Fotos, die man dann sortieren muss, vergleichen muss, löschen muss, über die man einzeln entscheiden muss, was man vielleicht in Wahrheit niemals tun wird. Wahrscheinlich habe ich mittlerweile knapp 20.000 Fotos auf dem Rechner, ohne Witz. Und die sind schon grob sortiert. Wer soll sich das alles jemals wieder angucken? Aber andererseits - wie kann man denn widerstehen, hier ein Foto zu machen? Und noch eins, und noch eins?
Und weiter gefahren, über die schöne schöne Sanddüne, am Abzweig zum warmen Berg vorbei, weiter weiter Richtung russische Grenze. Die Landschaft wird immer neu immer anders. Zum Teil sah es jetzt aus wie Taiga, mit Birken und Kiefern.
Der Grenzort heißt Sukhbaatar, und kurz davor sind wir links ab und über eine bucklige Sandpiste auf eine andere, bewaldete Sanddüne - wo sich der so genannte Mutterbaum befindet.
Der Mutterbaum ist eine Art Naturtempel, ein religiöser Ort unter freiem Himmel. Hier wird wohl eine Mischung aus Schamanismus und Buddhismus betrieben, von Menschen jeden Alters praktiziert. Und wenn ich richtig verstanden habe, ist es einer der heiligsten Orte der Mongolei. Was nicht heisst, dass besondere Ehrfurcht in der Luft liegt.
Der Mutterbaum ist ein von einem Lama ausgewählter, geweihter Baum. An ihn hängen die Menschen Tücher und bringen vor ihm Opfer dar, solange, bis der Baum von der ganzen Last zusammenbricht. Dies ist hier bereits vor einigen Jahren geschehen, 100 Meter weiter ist der neu gewählte Mutterbaum, noch längst nicht so behangen und gut besucht wie der alte.
Der Baum ist umgeben von einem "Ring", einer Mauer aus Teeziegeln, und der "Tempel" hat eine Art "Eingang". Das ist alles, was ihn mit religiösen Stätten, die ich sonst so kenne, verbindet.
Wie beschreiben?
Hier sieht man den ursprünglichen Baum, oder was davon über ist. Über und über mit Hadags und anderen Seidentüchern behängt, ist er wahrscheinlich irgendwann einfach darunter erstickt. Man beachte auch das Vorher-Nachher-Schild.
Tücher hängen auch an allen anderen erreichbaren Ästen im Umkreis der Teeziegelmauer, und auf der Teeziegelmauer drauf.
Ein Teeziegel ist ein Ziegelstein aus Teeblättern. Das war in irgendwelchen Zeiten wohl auch mal eine Art "Währung". Man erkundige sich bei Googel. Jedenfalls nimmt man heute ganz offensichtlich Teepackungen und stapelt sie übereinander. Klappt erstaunlich gut, finde ich, auch wenn das Papier natürlich auf geht und sie irgendwann ungeschützt im Regen liegen, die Tee-Steine. Aber es regnet ja zum Glück nicht so oft.
Man kommt hier her mit einem Wunsch oder einer Bitte, und umkreist den Altar, den Baum, den ganzen Kreis. Dabei opfert man Lebensmittel. Kekse, Süßigkeiten, Bonbons, Reis, und ganz wichtig: Milch und Wodka. Milch ist eine sehr heilige, verehrte Flüssigkeit. Und natürlich opfert man auch wertvolle Dinge, und was könnte es wohl für ein wertvolleres Getränk geben als Wodka? Flüssigkeiten werden auf einen Löffel oder in ein kleines Glas gegeben und dann verschüttet. Man umkreist also den Kreis, giesst ein und schüttet in kleinen Portionen Milch herum, auf die blauen Hadags, die damit schon ganz verklebt sind. Ein Geruch nach saurer Milch lässt sich nicht vermeiden. Ein Müllgürtel ähnlich wie der um Darkhan lässt sich auch nicht vermeiden.
Was die Ringe sollen, die auf dem ersten Bild in den Ästen hängen, war nicht zu erfahren. Es sind jedenfalls Lenkrad-Schutzhüllen. Aber wieso man sie hinhängt, bleibt unklar. Allerdings sagte Anne mit ihrer Mongolei-Erfahrung: Man muss nicht unbedingt annehmen, dass die Leute hier wissen, warum sie was machen. Sie wissen, was man machen soll, wie man sich verhält. Das man einen Hadag an den Baum knotet, Milch und Reis mitbringt, Wodka opfert und ein Räucherstäbchen anzündet. Aber welcher Akt was für eine Bedeutung hat, kann dabei völlig im Dunkeln liegen. Der Lama hat halt gesagt, man soll es so machen.
Einen Lama oder einen Schamanen gab es übrigens überhaupt nicht zu sehen.
Eigentlich sah es aus, wie Familienausflug mit Picknick. Ja.
Einer der heiligsten Orte der Mongolei.
Weiter ging es dann durch Sukhbaatar durch, noch einen Ort weiter - wo man nach Russland winken kann, bis der russische Grenzbeamte rüber kommt. Dann haut man besser wieder ab, langsam und unauffällig schlendern.
Und zurück, natürlich die gleiche Straße, durch Taiga und Steppe und bis zum Fluss, der bei der Sanddüne liegt, wo es einen Steilhang gibt, wo wir picknicken wollten.
Die Landschaft hier war einfach traumhaft. Der Fluss noch halb vereist, Sand, Bäume, Berge, Wolken, Farben.
Essen.
Gucken.
Jacke ausziehen.
Auf dem Boden sitzen.
Berg hochsteigen.
Runtergucken.
Was braucht der Mensch zum glücklich sein?
Hier ist Flickr.
sooooooo viel Text Ina das macht mich fertig
AntwortenLöschenaber die Bilder sind super, ich mag besonders dich vor dem Kamel aber auch die Landschaft ist ganz schön fett und bei dir gibts auch elstern...