Freitag, 14. Mai 2010

Zwischen Wutausbruch und Triumph

oder:
Die Geschichte einer Hassliebe


Hassliebe ist vielleicht das richtige Wort für das, was ich dieser bekloppten mongolischen Art der Unzuverlässigkeit, oder nennen wir es positiv Spontaneität, entgegenbringe.

Anscheinend sind einige angeblich typisch deutsche Tugenden mir tief ins Fleisch gebrannt. Zum Beispiel Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. Ich werd nervös, wenn ich weiß dass ich es nicht mehr pünktlich zum Unterricht schaffe – obwohl ich weiß, die Studenten kommen eh noch 10 Minuten später. Die haben auch keine Hemmungen, 60 Minuten zu spät zu kommen und dann 10 Minuten vor Schluss zu gehen. Bei Lehrstuhlfeiern bin ich immer die erste, obwohl ich schon extra rumbummele. Man kann hier nicht zu spät kommen, und wenn man gar nicht kommt, ist es auch egal. Verabredung 5 Minuten nach verabredeter Zeit dann doch absagen? Kein Problem!

Ich funktioniere da aber anders. Ich muss mich immer selbst beruhigen, dass es nicht schlimm ist zwei Minuten zu spät zu sein - und schaffe es doch nicht. Ich komme nicht gerne zu spät und eigentlich komme ich wirklich nie zu spät. In dem Wissen, dass es ganz normal ist, sage ich hier jetzt auch mal Verabredungen ohne Begründung ab, wenn ich doch keinen Bock drauf habe. Habe dann aber trotzdem ein schlechtes Gewissen. Ich bin so blöd. Die anderen nicht.


Ich habe ja eigentlich damit gerechnet, trotzdem habe ich mich totgeärgert: Unser Karakorum-Ausflug findet natürlich nicht statt. Otgoo hat aber nicht mal abgesagt. Er hat gestern meine Anrufe nicht angenommen und dann das Handy ausgemacht, und heute hat mir Uyanga irgendwann nebenbei mitgeteilt, dass er keine Zeit hat und wir nicht fahren.

Wäre Otgoo ein normaler Mongole, könnte man durchaus unterstellen, dass er sich nichts dabei denkt. Achtung Klischee; es heißt, Mongolen als Nomadenvolk denken nicht sehr weit voraus. Sie planen nicht. Die müssen wissen, wie sie heute und morgen überleben, der Rest ist unwichtig. Das ist vielleicht übertrieben, aber es ist auch nicht ganz unwahr. Ganz viele Studenten haben mir so geantwortet, als ich gefragt habe was sie nach dem Studium machen: Wir sind Mongolen, wir machen uns nicht so viele Gedanken über die Zukunft. Eine Verabredung ist hier immer ziemlich relativ.

Otgoo ist nun aber ein durchaus auch europäisch sozialisierter Mongole. Er hat mir in der Anfangszeit oft genug bewiesen, dass er genau checkt, wie ich denke und welches Verhalten für mich seltsam oder ungewohnt sein könnte. Der weiß genau, dass das für mich nicht normal ist, eine Verabredung (natürlich bisher 74274 mal bestätigt und rückversichert) einfach so mal abzusagen. Erst Recht nicht, sich nicht mal dazu herabzulassen, sie abzusagen. Aber ganz offensichtlich hätte er gern, dass ich weinerlich anrufe, und ihm sage wie sehr ich seine Hilfe brauche oder wie schade es ist, dass er sich nicht um mich kümmert. Das war beim Visum so, das ist jetzt so.
Kriegt er aber nicht.

Dämlicher Affe, das sei hiermit inbrünstig herausgeschleudert. Und ist auf jeden Fall eine der harmloseren Dinge, die mir heute zu ihm einfallen, aber ich will mich mal so weit es geht in Beherrschung üben. Auf jeden Fall habe ich die Schnauze restlos voll von ihm und seinem dämlichen Affengelaber. Einmal werde ich noch seinen Telefonanruf, der vielleicht irgendwann kommt, entgegennehmen, um ihm zu sagen, dass ich keinen Kontakt zu dämlichen Affen wünsche. Ok, wahrscheinlich werde ich das netter sagen. Ich bin nämlich leider nicht nur pünktlich und zuverlässig, sondern auch höflich, oder zumindest nicht vorsätzlich unverschämt. Aber dann - nie wieder. Leck mich doch am Arsch, das hab ich echt nicht nötig.

Ja, das ist der Hass-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität, oder nennen wir es negativ Unzuverlässigkeit. Zugegebenermaßen heute extrem projiziert auf eine Person.



Der Liebes-Teil ist der, den ich zum Beispiel in Erlian, mit den zehn Mongolen auf den Jeep wartend, erlebt habe. Da wird sich nicht aufgeregt. Kommste heut nicht, kommste morgen, irgendwie geht das schon. Da wird keine Energie verschwendet. Das ist cool.

Der Liebes-Teil meiner Beziehung zur mongolischen Spontaneität kommt aber auch voll zum Tragen, wenn ich dann, wutschnaubend rumorganisierend, wie ich den blöden Karakorum-Trip jetzt allein hinbekomme, weil ich mich von dämlichen Affen nicht um schöne Erlebnisse berauben oder mich zum an-ihrer-Tür-kratzen-und-bitte-bitte-winseln bringen lassen will, eine viel bessere Lösung finde.

Ich habe in der Uni eine Lehrerin gefragt, ob sie zufällig weiß, wie das mit Minibussen und Unterkunft und so dort ist. Immerhin sind das etwa 6 Stunden Fahrt, das muss man schon überlegen, ob man das an zwei Tagen so schafft, dass es nicht nur stressig ist. Die Lehrerin (mit der mich sonst nicht viel zu reden traue, weil sie immer so böse guckt) guckte mich kurz an und sagte dann: Mein Bruder hat nichts zu tun und versteht ein bisschen deutsch. Der kann euch da eigentlich mit seinem Auto hinfahren und Sonntag zurückfahren. Morgen früh um 8?

Macht der Bruder dann auch mal eben. Spontan 500 Kilometer einfache Strecke. Und für nix außer Benzinkosten und Unterkunft.

„Uns“ schreibe ich, weil ich inzwischen Matylda gefragt hatte und mit wenig Aufwand überreden konnte, mitzukommen; und weil wir uns heute auch mit Yaelle getroffen haben, einer anderen Französin, die seit drei Wochen hier ist, und die spontanerweise auch Lust hätte mitzukommen. Perfekt.

Also, morgen früh um 8 geht es los, und es wird mir ein innerlicher Triumphzug werden. Selbst dann, wenn es in Wirklichkeit erst später losgeht.

2 Kommentare:

  1. Das hab ich mir schon genau so gedacht mit Otgoo und - gib's zu, du auch.
    Um so mehr freut es mich, dass du selbstständig hinkommst und ich wünsche euch allen dreien einen wunderbaren Ausflug.

    AntwortenLöschen
  2. Ist ohne den dämlichen Affen bestimmt sowieso viel lustiger!

    AntwortenLöschen