Dienstag, 6. April 2010
Montag, 5. April 2010
Sonntag, 4. April 2010
Frohe Ostern
Euch Frohe Ostern!
Ich dachte eigentlich, das würde dieses Jahr komplett an mir vorübergehen, doch – oh Wunder – wie durch Zufall stolperte ich heute in der deutschen Bäckerei (ihr kennt sie vom Picture of the day) über bunt gefärbte Ostereier. Und gönnte mir eins.
Dieses Wochenende war einigermaßen erlebnisreich, und ohne euch zuspammen zu wollen – ich möchte es erzählen. Wenigstens häppchenweise. Denn dies ist immerhin mein einziges Tagebuch, das ich führe, also schreibe ich alles rein, an was ich mich noch in 23 Jahren fröhlich schmunzelnd erinnern möchte.
Zum Beispiel an den freundlichen jungen Mann im vegetarischen Restaurant, der sich vor ein paar Tagen zu mir setzte, weil alle anderen Tische besetzt waren. Ich hatte mein mariniertes Tofu an Buchweizen und dazu das heiße Sanddorngetränk schon verputzt und starrte grade Löcher in die Luft, bereit, zu zahlen und den Saal zu verlassen. Da kam er, „Mind if I join?“ und begann eine Unterhaltung. Nachdem er herausgefunden hatte, dass ich Deutsche bin, sagte er, er könne „a little bit“ german und würde es gerne in der Praxis mit mir erproben, und wir switchten also um. Und dann - legte er eine lupenreine Deutschkonversation aufs Parkett und zitierte mal eben so aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“. Denn er liebte Heine und hatte erst an dem Morgen ein paar Verse zum Frühstück gelesen.
Natürlich besitze ich jetzt auch seine Visitenkarte.
Am Samstag habe ich dann zum zweiten Mal Essen verweigert, und zwar zuhause, zum Frühstück. Gefragt, ob ich Tee mit Reis möchte, habe ich gutherzig ja gesagt, denn eigentlich bin ich ja bereit, alles auszuprobieren. Traditioneller mongolischer Tee ist salzig und milchig, also grundsätzlich was anderes als gewohnt. Tut man dann noch ein paar Ingredienzien rein, wie Reis oder Fleisch, dann wird halt Suppe draus. Ich dachte also, es gibt Teesuppe mit Reis drin. Ich bekam eine Schüssel, und drin war zusätzlich ein undefinierbares Stück weißlichen Etwas. Ist das Fleisch? Nein, irgendwie.. was bauchiges. Ich ahnte schon etwas, Uyanga ging im Wörterbuch nachschauen und brachte mir dann die Gewissheit.
Da schwamm PANSEN in meinem „Tee“.
Uyangas Mama fordert mich immer mit den Worten „Eat it! Eat it! Eat it!“ auf, noch mehr zu nehmen und mehr zu essen und besonders delikate Stücke zu probieren. An dem Tag redete sie besonders eindringlich auf mich ein. Sie wollte gern, dass ich das esse, denn anscheinend ist es gesund. Aber ich konnte nicht. Allerdings habe ich die Teesuppe mit Reis gelöffelt, in der der Pansen schwamm. Und ich finde, das habe ich schon ganz toll gemacht.
Uyanga und ihre Mama aßen zu ihrem Pansen übrigens Weißbrot mit Marmelade. Man lasse sich die Kombination (wenigstens verbal) auf der Zunge zergehen...
Heute war ich dann mit Uyanga und Nassa, einer anderen Studentin, in der Stadt unterwegs. Wir waren unter anderem in der Markthalle. Hier ist ein Foto von Verweigerungsfall Nr. 1. Quasi ein Osterlamm!!

Und damit schließt sich der Kreis...
Ich dachte eigentlich, das würde dieses Jahr komplett an mir vorübergehen, doch – oh Wunder – wie durch Zufall stolperte ich heute in der deutschen Bäckerei (ihr kennt sie vom Picture of the day) über bunt gefärbte Ostereier. Und gönnte mir eins.
Dieses Wochenende war einigermaßen erlebnisreich, und ohne euch zuspammen zu wollen – ich möchte es erzählen. Wenigstens häppchenweise. Denn dies ist immerhin mein einziges Tagebuch, das ich führe, also schreibe ich alles rein, an was ich mich noch in 23 Jahren fröhlich schmunzelnd erinnern möchte.
Zum Beispiel an den freundlichen jungen Mann im vegetarischen Restaurant, der sich vor ein paar Tagen zu mir setzte, weil alle anderen Tische besetzt waren. Ich hatte mein mariniertes Tofu an Buchweizen und dazu das heiße Sanddorngetränk schon verputzt und starrte grade Löcher in die Luft, bereit, zu zahlen und den Saal zu verlassen. Da kam er, „Mind if I join?“ und begann eine Unterhaltung. Nachdem er herausgefunden hatte, dass ich Deutsche bin, sagte er, er könne „a little bit“ german und würde es gerne in der Praxis mit mir erproben, und wir switchten also um. Und dann - legte er eine lupenreine Deutschkonversation aufs Parkett und zitierte mal eben so aus Heinrich Heines „Buch der Lieder“. Denn er liebte Heine und hatte erst an dem Morgen ein paar Verse zum Frühstück gelesen.
Natürlich besitze ich jetzt auch seine Visitenkarte.
Am Samstag habe ich dann zum zweiten Mal Essen verweigert, und zwar zuhause, zum Frühstück. Gefragt, ob ich Tee mit Reis möchte, habe ich gutherzig ja gesagt, denn eigentlich bin ich ja bereit, alles auszuprobieren. Traditioneller mongolischer Tee ist salzig und milchig, also grundsätzlich was anderes als gewohnt. Tut man dann noch ein paar Ingredienzien rein, wie Reis oder Fleisch, dann wird halt Suppe draus. Ich dachte also, es gibt Teesuppe mit Reis drin. Ich bekam eine Schüssel, und drin war zusätzlich ein undefinierbares Stück weißlichen Etwas. Ist das Fleisch? Nein, irgendwie.. was bauchiges. Ich ahnte schon etwas, Uyanga ging im Wörterbuch nachschauen und brachte mir dann die Gewissheit.
Da schwamm PANSEN in meinem „Tee“.
Uyangas Mama fordert mich immer mit den Worten „Eat it! Eat it! Eat it!“ auf, noch mehr zu nehmen und mehr zu essen und besonders delikate Stücke zu probieren. An dem Tag redete sie besonders eindringlich auf mich ein. Sie wollte gern, dass ich das esse, denn anscheinend ist es gesund. Aber ich konnte nicht. Allerdings habe ich die Teesuppe mit Reis gelöffelt, in der der Pansen schwamm. Und ich finde, das habe ich schon ganz toll gemacht.
Uyanga und ihre Mama aßen zu ihrem Pansen übrigens Weißbrot mit Marmelade. Man lasse sich die Kombination (wenigstens verbal) auf der Zunge zergehen...
Heute war ich dann mit Uyanga und Nassa, einer anderen Studentin, in der Stadt unterwegs. Wir waren unter anderem in der Markthalle. Hier ist ein Foto von Verweigerungsfall Nr. 1. Quasi ein Osterlamm!!
Und damit schließt sich der Kreis...
Samstag, 3. April 2010
Jeden Tag ein (kleines) Abenteuer
Ich wäre manchmal gern ein bisschen mutiger. Ich glaube, dann würde man noch viel mehr erleben. Naja, und man könnte öfter Fotos machen von den ganzen Sachen, die ich immer so ein bisschen ungläubig angucke und dann einfach schnell weitergehe. Ich traue mich nicht mal, im Supermarkt Fotos zu machen. Warum? Was kann da passieren, außer dass mich jemand beschimpft? Ich würde euch so gern die Fleischtheke zeigen. Naja, vielleicht schaffe ich es ja eines Tages noch.
Ich würde auch gern auf der Straße noch mehr fotografieren, aber da versuche ich wie gesagt, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich (und meine Kamera) zu ziehen. Denn außer dem Kameradiebstahlversuch sprechen mich ja auch so öfter Menschen an und tun so, als wollen sie mich kennenlernen – oft habe ich aber vorher genau beobachten können, wie sie mich abscannen, ihr Blick kurz an irgendwas hängen bleibt (gestern: Kameratasche) und sie dann spontan versuchen, mir im Vorbeigehen ihre Hand hinzuhalten. Einmal, das habe ich noch gar nicht erzählt, ging ich auf dem Bürgersteig auf der größten Straße hier entlang, und auf einmal hängte sich ein kleiner Junge an mein Bein. Der war genau so groß, dass er mit den Armen meine Kniekehle umfassen konnte, und da hing er dann; ohne was zu sagen und ohne mich anzuschauen. Ich hab probehalber versucht ihn abzuschütteln, aber er ließ nicht los und ließ sich ein paar Schritt mitschleifen. Am Rand saß eine Gruppe Männer, die sehr genau beobachtet, aber nichts gesagt haben; ich bin ziemlich sicher, dass er zu denen dazu gehörte. Und natürlich sollte ich wohl meinen Stapel Scheine aus der Tasche ziehen. Ein Passant sagte dann was zu dem Jungen und er ließ mich wieder los.
Ja, langer Rede kurzer Sinn, ich bin auf der Straße immer in Hab-Acht-Stellung, und würde mich manchmal gerne ein bisschen freier und mutiger fühlen. Stattdessen schimpfe ich nicht mal, wenn ich beklaut werde. Was ist da los!?
Da ich jetzt auf mich allein gestellt bin, weil Otgoo anscheinend völlig das Interesse an mir verloren hat, seit ich mich nun auch noch seinem Interview rundheraus verweigert habe, habe ich gestern einen wichtigen Schritt Richtung Unabhängigkeit unternommen. Ich habe mir nämlich eine hosentaschentaugliche Karte von Ulan Bator gekauft, und nun kann ich selbständig ein Taxi nehmen und einfach auf der Karte zeigen, wo ich hin will. Denn sonst war es noch ein bisschen schwierig, mich in der Hinsicht zu verständigen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Uni auf mongolisch heißt. Ich habe keine Ahnung, wie die Straße heißt, in der ich wohne. Ich weiß nicht mal genau, ob sie überhaupt einen Namen hat; zumindest ist sie auf keiner einzigen Karte eingezeichnet. Orientiert wird sich in der Mongolei anders, Straßennamen spielen da eine weniger große Rolle, von den wichtigsten Hauptstraßen vielleicht mal abgesehen. Aber eine Geschichte, die ich nun schon an mehreren Stellen gelesen habe, illustriert vielleicht gut die mongolische Art und Weise der Orientierung. Eine Bushaltestelle hier heißt Sapporo. Das steht nirgends offiziell, aber „alle wissen“, dass sie so heißt. Und warum heißt sie so? Weil es hier mal einen großen Nachtclub namens Sapporo gab, der eine große und auffällige Leuchtreklame hatte, an der man sich gut orientieren konnte. Den Nachtclub gibt es nicht mehr, auch die Buchstaben der Leuchtreklame kamen nach und nach abhanden. Nicht aber der Name der Bushaltestelle. So läuft das hier.
Und da kann ich eben ziemlich schlecht mithalten, denn selbst wenn ich einen Straßennamen sagen könnte, ist es sehr gut möglich, dass der Taxifahrer den nicht kennt. Ich müsste schon den Namen eines angrenzenden großen Hotels oder einer Bank oder einer Uni oder eines ehemaligen Nachtclubreklameschildes nennen können. Und nun kann ich immerhin auf der Karte einfach da hinzeigen, wo ich hin will.
Sehr euphorisch über diese neu gewonnene Unabhängigkeit und in freudiger Erwartung meiner ersten Allein-Taxifahrt, dazu noch guter Laune wegen der strahlenden Sonne und der angekurbelten Vitamin-D-Produktion, beschloss ich dann auf der Straße, gleich noch mehr neue Erfahrungen in den Tag einzubauen und mich einem Schuhputzer anzuvertrauen. Seit es ein bisschen wärmer ist, haben die Telefonmänner und –frauen auf der Straße nämlich vermehrt Gesellschaft von Waage-Anbietern, Schuhputzern und Obstverkäufern bekommen. Und meine Schuhe hatten es nötig, und ich dachte, was soll schon passieren, versuch es doch mal.
Der auserkorene Schuhputzer machte mir deutlich, dass es 3000 kosten würde, wenn er meine Schuhe putzt. Ich hatte schon den Verdacht, dass das reiner Wucher war, denn immerhin weiß ich, was andere Dienstleistungen wie Taxifahren oder Friseur kosten. Wenn waschen-schneiden-föhnen in einem richtigen Friseurladen 4000 kostet, kann ja Schuhe putzen auf der Straße eigentlich schlecht 3000 kosten. Aber da ich ja noch keinen Vergleichswert besaß, den ich als Gegenvorschlag in die Verhandlungen hätte einbringen können, noch überhaupt irgendwelche Verhandlungsmöglichkeiten besitze, da ich kein Wort sagen kann außer danke und Auf Wiedersehen, habe ich mich gefügt und dachte, na komm, ich gönn es dir, du armer Schuhputzer, dass du mich hier um 1,50€ betrügst. Will ich mich mal nicht so haben.
Er fing dann auch an und wienerte und putzte drauflos und ließ sogar von einem Schuhputzernachbarn (die sitzen in Sichtweite voneinander entfernt auf der Straße; soviel zur Verteilung) andere Schuhputzcreme bringen. Damit bearbeitete er meinen ersten Schuh. Und als er dann beim zweiten war, schaute er hoch und machte mir klar, dass es nun, mit der Paste, 6000 kosten würde. Er hatte also grade die ganze Prozedur eigenmächtig upgegradet und versuchte offensichtlich, mich leichtgläubige Ausländerin noch weiter auszubeuten.
Und wie ich noch so da stehe und überlege, wie ich jetzt angemessen reagiere, weil ich ihm 6000 dann doch auf keinen Fall kampflos geben möchte, taucht auf einmal ein europäisch aussehender, aber ebenfalls leicht heruntergekommener älterer Mann an meiner Seite auf und fragt: „Does he try to cheat you!??“ „I’m not sure“ ist meine Antwort, und schon schreit mein aus dem nichts herbeigeeilter Retter auf mongolisch auf den Schuhputzer ein, dass man meinen könnte, hier liegt eine alte Familienfehde vor. Der Schuhputzer schafft es gar nicht zu antworten, so gerät der Europäer in Rage, und ich stehe ein bisschen dumm daneben. „You give him 500, not more!“ wiederholt der Europäer ein paar Mal, und schimpft weiter, offensichtlich gibt der Schuhputzer Widerworte. „I will beat him if he wants more!“ Er ist so in Rage, dass er sich beim Schreien selbst anspuckt, der Schuhputzer hat sich demonstrativ von meinem Schuh zurückgezogen, ich bin einfach nur sehr erstaunt. Da wollte ich mal ein winziges bisschen mutiger sein, und schon gibt‘s einen Eklat.
Ich gebe dem Schuhputzer schließlich 500, er ist noch nicht fertig, aber er will auch nicht mehr weitermachen, und der andere Typ verschwindet so plötzlich wie er aufgetaucht ist. Ich gehe auch, der Schuhputzer schaut mir enttäuscht hinterher.
Nun habe ich also Stiefel an, die mit einer Paste beschmiert, aber nicht zuende geputzt sind. Egal, und später merke ich auch, dass es sowieso ein blöde Idee war, meine Schuhe zu putzen. Denn eigentlich habe ich heute das Haus verlassen, um auf einen Berg zu steigen.
Südlich von Ulan Bator liegt das Bogd Khan Gebirge, benannt nach einem König (Khan). Das ist sogar einer der ersten Nationalparks der Welt. Grade habe ich bei Wikipedia gelernt, dass das Gebirge auch zum UNESCO Weltkulturerbe gehört.
Ulan Bator reicht bis an die Füße dieses Gebirges heran, und ich wollte mit dem Taxi bis zum Südrand der Stadt fahren und dann einfach ... irgendwo hochlaufen. Also sammelte ich all meinen Mut zusammen, streckte den Arm raus, und das erste Auto hielt an. Gott, das ist ja so praktisch, das mit den privaten Taxifahrern.
Ich bin dann bis zur Buddha-Statue gefahren, bei der ich schon mal war, und habe mich dann durchgeschlagen, bis ich irgendwo oben war. Das war erst gar nicht so leicht, weil dort überall auch gebaut wird und die Berghänge von Zäunen umgeben sind. Aber ich bin einfach eine Straße Richtung Berg immer weiter hoch gelaufen, bis schließlich eine Lücke kam und man auf den Bergkamm hochklettern konnte. Und dann war ich auf dem Bergrücken, und es war so schön.
Bogd Khan UUl - MyVideo
Obwohl die Stadt direkt unter einem liegt, ist dort oben gar nichts und niemand. Ich habe keinen einzigen Menschen gesehen. Der Wind pfeift, es war ganz schön kalt. Und man läuft wirklich einfach in der Pampa herum, obwohl so nah an der Stadt; es gibt kleine Trampelpfade, die sehen aber eher aus wie von Tieren gemacht, und sonst nichts. Völlige Ruhe, Natur, der Wald, die Aussicht, die Sonne. Das war echt schön.

Sobald es hier Frühling wird, merkt man es bestimmt hier, wenn die Pflanzen zu wachsen anfangen. Bisher aber gibt es kein einziges frisches Grün, einfach nichts. im Mai oder im Juni sind das alles Blumenwiesen... Ich hoffe wirklich, dass ich das noch sehe.


Oben stehen auch einige Ovoos, „geschmückte Steinhaufen“.
Die gibt es häufig auf Bergspitzen oder hohen Plätzen. Wikipedia erzählt, dass diese Haufen religiöse Ursprünge haben, aber zugleich auch als Orientierungspunkte in der Wildnis dienen. Reisende umkreisen den Haufen drei Mal und werfen auch Steine auf ihn. Außerdem lässt man Opfergaben da. Daher die vielen Fähnchen und Hadags und buddhistischen ... Dinge, die man im Umkreis findet.

Im Wind sind einige Raben gesegelt, direkt über meinen Kopf. Die haben sich einfach immer vom Wind hin- und her schmeißen lassen. Das macht bestimmt Spaß.
Und von oben konnte man direkt auf die Siedlungen sehen, die am Berg unten liegen. Wieder: Jurten, obwohl hier am Südrand der Stadt eigentlich die Reichenviertel sind. Arm und Reich liegen wirklich so nah nebeneinander.
Ich bin dann den Berg auf der anderen Seite wieder runter geklettert und durch die Jurtensiedlung zurück auf die Hauptstraße Richtung Zentrum. Nach Hause, zurück in die stressige, hupende Stadt bin ich gelaufen, etwa 6 bis 7 Kilometer insgesamt.

Grade, als ich dem Berg den Rücken zugewandt hatte und mich gefreut habe über diesen schönen Ausflug und den schönen Tag, fuhr ein Geländewagen an mir vorbei. Hinter sich her, an den Hinterbeinen festgebunden, schleifte er zwei tote Hunde über die Straße.
Irgendwas ist ja immer.
Ich würde auch gern auf der Straße noch mehr fotografieren, aber da versuche ich wie gesagt, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf mich (und meine Kamera) zu ziehen. Denn außer dem Kameradiebstahlversuch sprechen mich ja auch so öfter Menschen an und tun so, als wollen sie mich kennenlernen – oft habe ich aber vorher genau beobachten können, wie sie mich abscannen, ihr Blick kurz an irgendwas hängen bleibt (gestern: Kameratasche) und sie dann spontan versuchen, mir im Vorbeigehen ihre Hand hinzuhalten. Einmal, das habe ich noch gar nicht erzählt, ging ich auf dem Bürgersteig auf der größten Straße hier entlang, und auf einmal hängte sich ein kleiner Junge an mein Bein. Der war genau so groß, dass er mit den Armen meine Kniekehle umfassen konnte, und da hing er dann; ohne was zu sagen und ohne mich anzuschauen. Ich hab probehalber versucht ihn abzuschütteln, aber er ließ nicht los und ließ sich ein paar Schritt mitschleifen. Am Rand saß eine Gruppe Männer, die sehr genau beobachtet, aber nichts gesagt haben; ich bin ziemlich sicher, dass er zu denen dazu gehörte. Und natürlich sollte ich wohl meinen Stapel Scheine aus der Tasche ziehen. Ein Passant sagte dann was zu dem Jungen und er ließ mich wieder los.
Ja, langer Rede kurzer Sinn, ich bin auf der Straße immer in Hab-Acht-Stellung, und würde mich manchmal gerne ein bisschen freier und mutiger fühlen. Stattdessen schimpfe ich nicht mal, wenn ich beklaut werde. Was ist da los!?
Da ich jetzt auf mich allein gestellt bin, weil Otgoo anscheinend völlig das Interesse an mir verloren hat, seit ich mich nun auch noch seinem Interview rundheraus verweigert habe, habe ich gestern einen wichtigen Schritt Richtung Unabhängigkeit unternommen. Ich habe mir nämlich eine hosentaschentaugliche Karte von Ulan Bator gekauft, und nun kann ich selbständig ein Taxi nehmen und einfach auf der Karte zeigen, wo ich hin will. Denn sonst war es noch ein bisschen schwierig, mich in der Hinsicht zu verständigen. Ich habe keine Ahnung, wie meine Uni auf mongolisch heißt. Ich habe keine Ahnung, wie die Straße heißt, in der ich wohne. Ich weiß nicht mal genau, ob sie überhaupt einen Namen hat; zumindest ist sie auf keiner einzigen Karte eingezeichnet. Orientiert wird sich in der Mongolei anders, Straßennamen spielen da eine weniger große Rolle, von den wichtigsten Hauptstraßen vielleicht mal abgesehen. Aber eine Geschichte, die ich nun schon an mehreren Stellen gelesen habe, illustriert vielleicht gut die mongolische Art und Weise der Orientierung. Eine Bushaltestelle hier heißt Sapporo. Das steht nirgends offiziell, aber „alle wissen“, dass sie so heißt. Und warum heißt sie so? Weil es hier mal einen großen Nachtclub namens Sapporo gab, der eine große und auffällige Leuchtreklame hatte, an der man sich gut orientieren konnte. Den Nachtclub gibt es nicht mehr, auch die Buchstaben der Leuchtreklame kamen nach und nach abhanden. Nicht aber der Name der Bushaltestelle. So läuft das hier.
Und da kann ich eben ziemlich schlecht mithalten, denn selbst wenn ich einen Straßennamen sagen könnte, ist es sehr gut möglich, dass der Taxifahrer den nicht kennt. Ich müsste schon den Namen eines angrenzenden großen Hotels oder einer Bank oder einer Uni oder eines ehemaligen Nachtclubreklameschildes nennen können. Und nun kann ich immerhin auf der Karte einfach da hinzeigen, wo ich hin will.
Sehr euphorisch über diese neu gewonnene Unabhängigkeit und in freudiger Erwartung meiner ersten Allein-Taxifahrt, dazu noch guter Laune wegen der strahlenden Sonne und der angekurbelten Vitamin-D-Produktion, beschloss ich dann auf der Straße, gleich noch mehr neue Erfahrungen in den Tag einzubauen und mich einem Schuhputzer anzuvertrauen. Seit es ein bisschen wärmer ist, haben die Telefonmänner und –frauen auf der Straße nämlich vermehrt Gesellschaft von Waage-Anbietern, Schuhputzern und Obstverkäufern bekommen. Und meine Schuhe hatten es nötig, und ich dachte, was soll schon passieren, versuch es doch mal.
Der auserkorene Schuhputzer machte mir deutlich, dass es 3000 kosten würde, wenn er meine Schuhe putzt. Ich hatte schon den Verdacht, dass das reiner Wucher war, denn immerhin weiß ich, was andere Dienstleistungen wie Taxifahren oder Friseur kosten. Wenn waschen-schneiden-föhnen in einem richtigen Friseurladen 4000 kostet, kann ja Schuhe putzen auf der Straße eigentlich schlecht 3000 kosten. Aber da ich ja noch keinen Vergleichswert besaß, den ich als Gegenvorschlag in die Verhandlungen hätte einbringen können, noch überhaupt irgendwelche Verhandlungsmöglichkeiten besitze, da ich kein Wort sagen kann außer danke und Auf Wiedersehen, habe ich mich gefügt und dachte, na komm, ich gönn es dir, du armer Schuhputzer, dass du mich hier um 1,50€ betrügst. Will ich mich mal nicht so haben.
Er fing dann auch an und wienerte und putzte drauflos und ließ sogar von einem Schuhputzernachbarn (die sitzen in Sichtweite voneinander entfernt auf der Straße; soviel zur Verteilung) andere Schuhputzcreme bringen. Damit bearbeitete er meinen ersten Schuh. Und als er dann beim zweiten war, schaute er hoch und machte mir klar, dass es nun, mit der Paste, 6000 kosten würde. Er hatte also grade die ganze Prozedur eigenmächtig upgegradet und versuchte offensichtlich, mich leichtgläubige Ausländerin noch weiter auszubeuten.
Und wie ich noch so da stehe und überlege, wie ich jetzt angemessen reagiere, weil ich ihm 6000 dann doch auf keinen Fall kampflos geben möchte, taucht auf einmal ein europäisch aussehender, aber ebenfalls leicht heruntergekommener älterer Mann an meiner Seite auf und fragt: „Does he try to cheat you!??“ „I’m not sure“ ist meine Antwort, und schon schreit mein aus dem nichts herbeigeeilter Retter auf mongolisch auf den Schuhputzer ein, dass man meinen könnte, hier liegt eine alte Familienfehde vor. Der Schuhputzer schafft es gar nicht zu antworten, so gerät der Europäer in Rage, und ich stehe ein bisschen dumm daneben. „You give him 500, not more!“ wiederholt der Europäer ein paar Mal, und schimpft weiter, offensichtlich gibt der Schuhputzer Widerworte. „I will beat him if he wants more!“ Er ist so in Rage, dass er sich beim Schreien selbst anspuckt, der Schuhputzer hat sich demonstrativ von meinem Schuh zurückgezogen, ich bin einfach nur sehr erstaunt. Da wollte ich mal ein winziges bisschen mutiger sein, und schon gibt‘s einen Eklat.
Ich gebe dem Schuhputzer schließlich 500, er ist noch nicht fertig, aber er will auch nicht mehr weitermachen, und der andere Typ verschwindet so plötzlich wie er aufgetaucht ist. Ich gehe auch, der Schuhputzer schaut mir enttäuscht hinterher.
Nun habe ich also Stiefel an, die mit einer Paste beschmiert, aber nicht zuende geputzt sind. Egal, und später merke ich auch, dass es sowieso ein blöde Idee war, meine Schuhe zu putzen. Denn eigentlich habe ich heute das Haus verlassen, um auf einen Berg zu steigen.
Südlich von Ulan Bator liegt das Bogd Khan Gebirge, benannt nach einem König (Khan). Das ist sogar einer der ersten Nationalparks der Welt. Grade habe ich bei Wikipedia gelernt, dass das Gebirge auch zum UNESCO Weltkulturerbe gehört.
Ulan Bator reicht bis an die Füße dieses Gebirges heran, und ich wollte mit dem Taxi bis zum Südrand der Stadt fahren und dann einfach ... irgendwo hochlaufen. Also sammelte ich all meinen Mut zusammen, streckte den Arm raus, und das erste Auto hielt an. Gott, das ist ja so praktisch, das mit den privaten Taxifahrern.
Ich bin dann bis zur Buddha-Statue gefahren, bei der ich schon mal war, und habe mich dann durchgeschlagen, bis ich irgendwo oben war. Das war erst gar nicht so leicht, weil dort überall auch gebaut wird und die Berghänge von Zäunen umgeben sind. Aber ich bin einfach eine Straße Richtung Berg immer weiter hoch gelaufen, bis schließlich eine Lücke kam und man auf den Bergkamm hochklettern konnte. Und dann war ich auf dem Bergrücken, und es war so schön.
Bogd Khan UUl - MyVideo
Obwohl die Stadt direkt unter einem liegt, ist dort oben gar nichts und niemand. Ich habe keinen einzigen Menschen gesehen. Der Wind pfeift, es war ganz schön kalt. Und man läuft wirklich einfach in der Pampa herum, obwohl so nah an der Stadt; es gibt kleine Trampelpfade, die sehen aber eher aus wie von Tieren gemacht, und sonst nichts. Völlige Ruhe, Natur, der Wald, die Aussicht, die Sonne. Das war echt schön.
Sobald es hier Frühling wird, merkt man es bestimmt hier, wenn die Pflanzen zu wachsen anfangen. Bisher aber gibt es kein einziges frisches Grün, einfach nichts. im Mai oder im Juni sind das alles Blumenwiesen... Ich hoffe wirklich, dass ich das noch sehe.
Oben stehen auch einige Ovoos, „geschmückte Steinhaufen“.
Im Wind sind einige Raben gesegelt, direkt über meinen Kopf. Die haben sich einfach immer vom Wind hin- und her schmeißen lassen. Das macht bestimmt Spaß.
Und von oben konnte man direkt auf die Siedlungen sehen, die am Berg unten liegen. Wieder: Jurten, obwohl hier am Südrand der Stadt eigentlich die Reichenviertel sind. Arm und Reich liegen wirklich so nah nebeneinander.Grade, als ich dem Berg den Rücken zugewandt hatte und mich gefreut habe über diesen schönen Ausflug und den schönen Tag, fuhr ein Geländewagen an mir vorbei. Hinter sich her, an den Hinterbeinen festgebunden, schleifte er zwei tote Hunde über die Straße.
Irgendwas ist ja immer.
Freitag, 2. April 2010
Donnerstag, 1. April 2010
Abonnieren
Posts (Atom)



