Wenig passiert, was aufregend ist. An meinem Geburtstag habe ich viel gearbeitet; morgens hospitiert, nachmittags getextet, und dann wieder 3 Stunden TestDAF-Kurs. Das war aber auch ganz ok, vor allem der Kurs macht viel Spaß. Danach hat mich die Family zum Essen ausgeführt. Zum Nachtisch gab es Torte mit Kerzen zum auspusten, kleine Geschenke und viel Herzlichkeit. Fotos davon gibt es, wenn ich sie bekommen habe, ich hatte meine eigene Kamera nicht mit.
Ich gewöhne mich so langsam an den Rhythmus von Ulan Bator, glaube ich. Irgendwie kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, wie der Rest des Landes ist; hier ist es jedenfalls ziemlich verrückt. Ständig erwische ich mich dabei, wie ich denke: Ist ja alles wie bei uns; dabei ist natürlich eigentlich nichts wie bei uns.
Wahrscheinlich habe ich mir aber so viel Exotik vorgestellt, dass ich gar nicht damit gerechnet habe, hier auch WMF und Adidas, Küchentische mit Wachstuchdecke, Fernsehnachrichten und alles mögliche andere vorzufinden, das ich kenne – und bin dann darüber dann immer fast mehr überrascht als über die vielen exotischen Dinge und für mich neuen Verhaltensweisen und Bilder und Alltäglichkeiten, die es natürlich auch haufenweise gibt.
Die Mongolei ist übrigens ein extrem junges Land. Das Durchschnittsalter liegt bei 24,6 Jahren. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt, 36% sind unter 14 (sagt Wiki). Und das sieht man natürlich auch auf der Straße, auf der, wie ich ja schon mal beschrieben habe, die hippen Teenies flanieren, sich mit den neuesten Handys über die wichtigsten News auf dem Laufenden halten und insgesamt einfach überhaupt nicht nach Jurten, Schafen oder Tradition aussehen.
Um mal wieder ein paar Beispiele mongolischen Alltags einfließen zu lassen: Undrakh, Uyangas Bruder, rettet mich desöfteren davor, kaltes Wasser zum Essen zu trinken. Das ist hier unüblich; zu warmem Essen trinkt man warmes bis heißes Wasser, kaltes Wasser tut angeblich dem Magen nicht gut. Mein Argument, dass ich seit 28 Jahren regelmäßig kaltes Wasser trinke und bisher keine Beschwerden vorliegen, hat ihn nicht besänftigen können. Sehr besorgt hat er mich beim Trinken beobachtet.
Unglückbringend und deshalb extrem zu vermeiden ist es, seine Tasche auf dem Fußboden abzustellen. Das macht hier niemand, und in den ersten Tagen ist es mir ein paar Mal passiert, dass jemand mich sanft aber erschrocken zurechtgewiesen hat. In der Uni habe ich noch keine einzige Tasche, keinen Rucksack, kein nichts auf dem Fußboden gesehen. Stühle und Tische werden damit belegt. Ich glaube nicht, dass es mir übelgenommen werden würde, wenn ich mich über dieses ungeschriebene Gesetz hinwegsetze, aber ich versuche mich den Gepflogenheiten anzupassen. Gar nicht so leicht, sage ich euch. Ich bin es nun mal gewohnt, auf dem Fußboden abzustellen.
Verblüfft hat mich die Tatsache, dass es in diesem Land kein McDonalds gibt. Das habe ich noch in Deutschland erfahren und war ziemlich baff. Da kann man mal sehen, wie weit man eigentlich konsum- und globalisierungsgeschädigt ist, dass man von sowas baff ist. Allerdings bin ich jetzt fast noch erstaunter darüber, denn es ist nicht grade so, als wäre man hier dem Fast Food abgeneigt. Im Gegenteil; an jeder Ecke gibt es eine Burger- und Frittenbude, und es wird fleißig essen gegangen. Und auch hier zuhause hat das, was gekocht wird, zum Teil ziemlichen Fastfoodcharakter. Ich sage nur Reis mit Bockwurst und Spiegelei, plus Ketchup. Das gibt es hier ziemlich oft, und zwar mitunter schon zum Frühstück. Ich bleibe dann bei Müsli.
Ab und zu gibt es einen Stromausfall. Meistens nur für einige Sekunden, was für mich schlimm genug ist, weil sich dann sofort mein Laptop verabschiedet. Der Akku schafft es mittlerweile nicht mal mehr durchzuhalten, wenn ich die Steckdose wechseln will...
Zum Thema Steckdose fallen mir auch zwei Dinge ein. Ich sitze grade auf meiner Bett-Klappcouch, und eine Steckdose befindet sich am Kopfende auf Kopfhöhe. Daraus kommt manchmal Musik, manchmal auch Gespräche oder Kindergeschrei. Wahrscheinlich lausche ich, ohne es zu wissen, regelmäßig in das Leben der Nachbarsfamilie hinein. Leider auch, ohne etwas zu verstehen.
Das zweite, was man zur Steckdose sagen kann, leitet zum Thema Uni über. Meine Uni besteht aus drei Gebäuden, von denen das dritte eine ziemliche Bruchbude ist. Leider muss man da auch manchmal unterrichten. Dort gibt es keine richtige Heizung, man behält also seine Jacke an. Und es gibt auch keine Steckdosen. Das ist schade, weil mir für die Kurse, die ich dort mache, eigentlich sehr viele mediale Dinge einfallen würden - wozu ich aber den Laptop brauchen würde.
Gestern hatte ich wieder meinen TestDAF-Kurs. Ach, das hat so Spaß gemacht. Ich fühle mich wirklich wohl in dieser Rolle. Allerdings liegt das ganz sicher auch an diesem Kurs. Ich hab ja schonmal gesagt, dass das ein Kurs ist, den Studenten aus allen möglichen Studienrichtungen freiwillig machen, weil sie irgendwann mal in Deutschland studieren wollen und dafür einen Sprachnachweis (TestDAF) brauchen. Die haben also auch eine besondere Motivation, die Sprache zu lernen, und sind willens, sich dafür auf den Hintern zu setzen, und dankbar, dass man ihnen was beibringt. - nicht wie so mancher Germanistik-Student, der das macht, weil ihm auch nichts Besseres eingefallen ist, und eigentlich lieber zuhause sein und schlafen würde.
Nicht, dass die anderen Kurse, in denen ich bin, schrecklich wären. Aber dieser Kurs macht eben wirklich besonders Spaß.
Übrigens ist Lehrer hier in der Mongolei ein sehr ehrenwerter Beruf. Das äußert sich auch in dem Titel-Beinamen, den man als Lehrer bekommt: Baksha (Schreibweise von mir frei erfunden, so höre ich das Wort). Nur Lehrer und Ärzte haben so einen Beinamen, der für Ärzte fällt mir aber grade nicht ein. In der Mongolei nennt man sich übrigens auch beim Vornamen und kürzt den Nachnamen ab, auch in offiziellen Umständen. Also nicht H. Müller, sondern Heinz M. Lehrer werden dementsprechend mit Vornamen+Baksha angeredet, und auch die Lehrstuhlkollegen reden voneinander oft mit dem Bakshatitel. Chaagibaksha, Munkhuubaksha, Naraabaksha, Batkabaksha und Detlbaksha (Detlef, DAAD-Lektor). Ich werde möglicherweise noch zur Katharinabaksha mutieren. Fühlt sich aber nicht schlecht an. Und diese Lehrerverehrung geht so weit, dass bei der Unterhaltung nach dem Filmabend letzte Woche, in der mögliche neue Filme diskutiert wurden, „Die Feuerzangenbowle“ als unverständlich für die Mongolei aus der Liste geflogen ist. Die würden diesen Humor nicht verstehen, hieß es. Sich über Lehrer lustig machen und sie auf den Arm nehmen – da würde man nur völliges Unverständnis ernten.
In diesem Sinne... eure ehrenwerte Inabaksha
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Kannst Du mal rauskriegen was der Namenszusatz bei Ärzten ist?
AntwortenLöschenGrüße
max
Maxemtsch,
AntwortenLöschenDein Wunsch ist mir Befehl! Habe mich gestern nochmal schlau gemacht und es mir sogar aufschreiben lassen.
Man spricht es allerdings mehr wie Imtsch und nicht wie Emtsch.
Deine Inabaksha