Mittwoch, 10. März 2010

Chefarztbehandlung. Ein Selbstversuch

Ein Foto meiner ersten Schröpfbehandlung habt ihr ja schon gesehen.
Es folgt: Ein Bericht über die komplette, 5 Tage dauernde Behandlung. Denn zwischen Uni, Jurtenvierteln, Lehrstuhlfeiern und Przwalski-Jagd bin ich auch jeden Tag zum Arzt gegangen, habe mich durchwalken, auswringen und an den Ohren ziehen lassen, habe erfahren, dass ich eigentlich ganz gesund bin und wieviele Kinder ich bekommen werde.

Am ersten Tag war ich so überrumpelt und erstaunt über die ganze Prozedur, dass ich alles haarklein aufgeschrieben habe, und so habe ich dann die nächsten 5 Tage weitergemacht. Ihr lest also einen ziemlichen Roman, aber so erfahrt ihr zumindest, wie es so abgeht in der fernöstlichen Heilkunst, bei dem berühmten mongolischen Arzt, der jeden Sonntagmittag eine Fernsehsendung hat. Natürlich bei Otgoos Sender.

Viel Spaß beim Lesen.


4. März
Wir fahren an den Jurtenvierteln vorbei, biegen zwischen mehreren Hochhäuser (Plattenbauten) ein und parken auf einem nicht asphaltierten, steinigen und staubigen Stück Bürgersteig. Wir sind unterwegs zu Sosorbaram Khurelbaatar. Otgoo hat mir schon viel von ihm erzählt, ich höre zu mit interessierter Miene, bleibe aber ziemlich skeptisch. Beim ersten Mal hat Otgoo gesagt, dieser Arzt heilt auch Aids durch Handauflegen. Vor allem macht er aber „Knochenmassage“ und hypnotisiert, und so heilt er alle Krankheiten, die er vorher durch Messen des Pulses herausgefunden hat. Otgoo hat eine Zeitschrift auf Deutsch herausgegeben, in der neben den Artikeln, die ich schon aus dem Merian kenne, mongolische Persönlichkeiten abgebildet und einige Interviews abgedruckt sind. Die Rektorin der Privatuni zum Beispiel, wir haben sie schon besucht. Und auch ein Bild von diesem Arzt gibt es.

Darunter steht, er ist Magister der Medizin, Professor der Hypnostik, Dr. der östlichen Medizin und Mitglied der Hypnostik-Klinik der USA. Otgoo sagt, er hat zwei Krankenhäuser, wir besuchen ihn aber in seiner Praxis. Die ist hier, zwischen diesen Hochhäusern, hinter einer unscheinbaren Metalltür. Otgoo geht vor, ich folge ihm, wir spazieren einfach rein in sein Büro, ohne irgendjemanden zu fragen, ohne zu klopfen. Aber wir sind anscheinend angemeldet. Drinnen sitzt eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter, wir sind einfach reingeplatzt, aber niemanden scheint es zu stören. Wir müssen noch kurz warten, machen es uns auf dem Sofa bequem. Die Garderobe ist für andere, wir legen hier ab. Ich kann mich kurz umsehen. Das Büro von einem Arzt, der zwei Krankenhäuser „hat“ (was auch immer das konkret heißt) und der berühmt in der ganzen Mongolei ist, habe ich mir anders vorgestellt. Doch er hat seine Gabe von Natur aus, sie ist ihm quasi angeboren. Vielleicht legt man da keinen Wert auf Äußerlichkeiten. Ich frage Otgoo, ob er eine Art Schamane ist; auf einem Schrank in der Ecke liegt irgendein Federschmuck-Dings, das in meiner Vorstellung gut dazu passen würde. Aber so ganz stimmt das wohl nicht. Auf dem Schreibtisch steht ein kleiner Bierhumpen aus dem Hofbräuhaus München. Daneben eine Wodkaflasche, ¾-leer, und ein kleines Schnapsglas. Otgoo macht die Tür auf, steckt den Kopf durch und „bestellt“ uns einen Tee. Dann bin ich dran. Otgoo übersetzt, der Arzt kann kein Englisch.

Ich sitze ihm gegenüber an seinem Schreibtisch, muss die Ellenbogen aufstützen und er fühlt an beiden Handgelenken meinen Puls. Oder, vielleicht fühlt er auch einfach in meinen Energiekreislauf hinein, wie Pulsmessen sieht das eigentlich nicht aus. Dann kommt er um den Schreibtisch herum und massiert meine Schultern, das tut ganz schön weh.
Auf dem Weg hierher hat Otgoo mir gesagt, dass er genau das tun würde. Ich wollte wissen, ob ich auch etwas konkretes fragen darf. Heute nacht hatte ich schon wieder so Bauchkrämpfe, die ich immer öfter bekomme, ohne dass ich so ganz verstehe, woher. Wer Aids heilen kann, kann vielleicht auch Bauchkrämpfe erklären. Otgoo hat ihn schon danach gefragt. Der Arzt fragt, ob ich oft Kopfschmerzen habe, ob ich starke Regelschmerzen habe. Nein. Die erste grobe Antwort ist: meine linke Seite ist ungleich, daher kommen auch die Bauchschmerzen. Ich denke an mein Geburtsheftchen, in dem steht: „asymmetrische Pobacken“, und daran, dass meine eine Schulter tatsächlich immer ein bisschen höher hängt als die andere. Ich weiß aber nicht mehr, welche. Ich bin also wirklich ein bisschen schief - aber sind wir das nicht alle, irgendwie?

Ich hatte erwartet, hier endet unser Besuch. Doch Otgoo sagt (sinngemäß): Mit 5 Behandlungen würde ich wieder grade werden. Wir können gleich anfangen. Und es ist natürlich kostenlos.
Ich bin ein bisschen überrumpelt und kann mich gar nicht dagegen wehren, dass ich ins Behandlungszimmer gebracht werde. Alles kommt ein wenig plötzlich, damit habe ich nicht gerechnet. Otgoo beruhigt mich, wie immer schon bevor ich überhaupt irgendetwas sagen kann. Darin ist er ein Meister, er ahnt jedes Unbehagen voraus, dass ich haben könnte. Keine Angst, ich soll mich einfach entspannen. Ich bin eher verwundert, was hier mit mir passiert, als irgendwie verängstigt. Und ich denke, komisch, was man alles mit sich machen lässt, ohne sich zu wehren. Aber dann denke ich auch: Wieso sollte ich mich eigentlich wehren wollen. Ein Meister der fernöstlichen Heilkunst wird persönlich und kostenlos an mir Hand anlegen, damit meine Energien wieder fließen; ich sollte mich glücklich schätzen. Enjoy!
Denke das und beobachte, wie einem Patienten auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes 10 heiße Glaskolben auf den Rücken gepflanzt werden. Schröpfen nennt man das, so weiß ich inzwischen, und auch das steht mir bevor.

Doch zuerst werde ich kräftig durchgeknetet und gesundgeknackt, und zwar vom Arzt persönlich. Die anderen Patienten müssen mit Angestellten vorlieb nehmen. Drei Liegen befinden sich in der Mitte des Raumes, Privatsphäre bei der Behandlung gibt es nicht, in der hinteren Ecke macht man seinen Rücken frei, alle können zusehen. Aber es erscheint auch ganz normal. Wäre ich allein in einem Behandlungsraum gewesen, wäre mir das sicher noch seltsamer vorgekommen.

Der Arzt kommt, zuerst ist mein Kopf dran. Ich muss mich auf einen Hocker vor ihm setzen und er drückt meine Schläfen. Ich habe das Gefühl, er will seine Finger in mein Gehirn bohren, und noch dazu scheint es, als hat er es bald geschafft. Wie stabil ist so ein Schädel? Das tut ganz schön weh. „Schmerz“, sagt er, „Schmerz, Schmerz“, anscheinend kann er fühlen, wann es weh tut, und später wird Otgoo mir sagen, dass mein Blut (oder meine Energien?) nicht so schnell zu fließen scheint, wie es sollte. Dann drückt er meinen Rücken ganz nah an seinen weichen, warmen, dicken Bauch und sagt immerzu: „Relax! Relax!“ Ich gebe mir Mühe. Er massiert meine Schultern, auch das tut wirklich weh, Knochenmassage ist durchaus das richtige Wort. Noch einmal haucht es „Relax!“ in mein Ohr, und dann renkt er mir irgendwas wieder ein, oder aus, auf jeden Fall knackt es mehrmals und unglaublich laut. Andere Seite. Und dann, ab auf die Liege. Er drückt wieder meine Schultern und rechts und links der Wirbelsäule; einmal zucke ich richtig zusammen, es tut wirklich schlimm weh. Er sagt etwas, Otgoo übersetzt: „Wenn es hier weh tut, bekommt die Person Probleme mit Übergewicht.“ „Oh, Scheiße!!“, entfährt es mir.

Dann geht es weiter, über Po und Beine bis zu den Füßen. Ich liege in Jeans und T-Shirt hier, es ist ok, kein komisches Gefühl oder so. Meine Beine werden weit umgeknickt, und dann meine Füße. Er klappt sie einfach zusammen, als ob es Ballerinas wären, und da knackt jeder einzelne Zeh. Ich muss lachen. Zurück zum Rücken, auch hier lässt er es mehrmals laut knacken. Dann rollt er mich irgendwie auf die Seite, drückt hier und zieht da, und man kann es schon wieder hören, knackknackknackknack, wie mehrere Knochen nacheinander in eine –hoffentlich bessere – Position verschoben werden.
Ich soll aufstehen. Er zieht an meinen Fingern, und dann reißt er sogar ganz schön doll an meinen Ohren, selbst hier knackt es. Danach zieht er mich noch ordentlich an den Haaren, und dann ist die Knochenmassage vorbei.

Jetzt bin ich dran mit Glasdingern auf den Rücken pappen. Ich lege mich auf die Liege und ziehe mein T-Shirt hoch, eine Mitarbeiterin kommt mit den Glaskolben. Ich habe das vorhin von weitem bei einem anderen Patienten beobachtet. Der Glaskolben wird über eine Kerze gehalten, wahrscheinlich ist irgendein Gas drin oder so; jedenfalls brennt eine blaue Flamme in dem Kolben, noch kurz bevor er auf den Rücken gesetzt wird. Anschließend zieht sich die Haut nach innen in den Kolben, ich nehme an, ein Vakuum entsteht, wenn die warme Luft darin abkühlt.

Sie setzt mir die ersten Kolben auf, es fühlt sich ein bisschen an, als möchte eine große Nacktschnecke mit einem runden Maul ganz langsam ein Stück von meinem Rückenspeck in sich reinfressen. Nicht unangenehm, anfangs.
Als sie etwa beim vierten Kolben ist, sagt Otgoo: Jetzt darfst du 5 Tage nicht duschen. Guter Witz, ich lache, aber er sagt: Die Löcher in deiner Haut sind jetzt so offen. Ich frage, ob das ernst gemeint war, er sagt ja. Naja, egal. Bevor ich die Glaskolben aufgesetzt bekam, wurde meine Haut mit einem Deoroller abgerieben. Das muss dann halt jetzt 5 Tage reichen ;)

Mit 10 Glaskolben auf dem Rücken und einer Decke darüber bleibe ich 10 Minuten liegen. Dann werden die Kolben abgemacht, mittlerweile ist es recht unangenehm. Ich fühle mich ein bisschen wie ausgepeitscht. Bleib so liegen, jetzt macht sie noch was mit Feuer, sagt Otgoo. Es wird sehr warm am Rücken, aus den Augenwinkel habe ich gesehen, dass die Frau mit so etwas wie einer Kerze herumgefuhrwerkt hat. Jetzt bitte ich ihn, ein Foto zu machen, ich will doch wenigstens später sehen, was da mit mir passiert. Sie hat eine Art riesiges Räucherstäbchen angezündet und ist damit über meinen unteren Rücken gefahren, mit einem Zentimeter Abstand. Darin brennen Heilkräuter. Das war sehr angenehm.


Wir gehen zurück ins Arztbüro. Schon wieder denke ich, jetzt sind wir fertig, schon wieder irre ich mich. Ich muss mich vor einen Sessel hinstellen, der Arzt stellt sich neben mich, eine Hand vor- und eine hinter mich, und schnurrt Relax, relax, relax – und drückt mich immer weiter nach hinten, gegen seine andere Hand, die immer weiter zurückweicht. Ich weiß nicht, ob ich mich einfach hinsetzen soll, meine Schuhe rutschen weg, ich lande eher verkrampft in dem Sessel. Mit geschlossenen Augen hält er mir noch eine Weile die Hand vor das Gesicht, das ist wohl das, was Otgoo mit „Distanz-Behandlung“ meinte; anscheinend „liest“ er grade noch einmal in meinem Körper.

Danach setze ich mich wieder an den Schreibtisch. Otgoo übersetzt; in der fernöstlichen Heilkunst gibt es sieben verschiedene Chakren, die im Körper fließen. Meine fließen anscheinend nicht so gut. Unter den Brüsten und am Bauch gibt es Probleme. Die kommen aus dem Magen. Und ob ich manchmal Fußschmerzen habe.

Jetzt bin ich doch ein wenig verblüfft, denn mein rechter Fuß tut mir wirklich manchmal ziemlich weh, ich rolle falsch ab, und ich habe schon öfter gedacht, ich muss da irgendwann was machen lassen. Ich erzähle meine Fußkrankheitsgeschichte.

Außer dem mit dem Magen und mit den Füßen bescheinigt mir der Arzt, dass ich ziemlich gesund bin. Ich bin zufrieden, das entspricht meiner eigenen Einschätzung. Und das andere kriegen wir ja mit den insgesamt fünf Behandlungen hin, ich soll jetzt jeden Tag kommen, ohne Pause, und es klingt, als wäre ich danach für immer von allem geheilt, was ich meinem Körper an bösen Dingen schlummern könnte.

Ich frage noch einmal nach der Sache mit dem Übergewicht, das will ich doch nun genauer wissen. Da holt der Arzt ein Buch heraus und zeigt eine Grafik von einer Wirbelsäule; alle einzelnen Wirbel sind darauf mit bestimmten Organen verbunden, und Otgoo übersetzt: in der fernöstliche Heilkunst geht man davon aus, dass alle Krankheiten letztendlich aus dem Rückenmark kommen und daher, dass die Nerven (oder das Blut, oder einfach die Energien...) nicht richtig fließen. Aber das beheben wir ja jetzt, und auch meine Zunahme wird dann gestoppt sein.
Ob ich dann auch abnehme, was ich jetzt schon zuviel wiege?
Der Arzt sagt, ich werde ganz viel abnehmen.
Halleluja!

Wie ich dort am Schreibtisch sitze, muss ich mir sehr das Lachen verkneifen, ich weiß gar nicht, wieso. Es kommt mir alles so surreal vor. Aber ich lasse mich gerne darauf ein; Otgoo wird mich die nächsten 4 Tage hier vorbeibringen, dann wiederholt sich die ganze Prozedur.

Wir fahren. Mein Rücken fühlt sich heiß an.

Warum ich diese Behandlung überhaupt kostenlos bekomme, frage ich Otgoo. Er betont mehrmals, dass die beiden gute Freunde seien, auch für ihn managt er Fernsehsendungen und alles mögliche andere, und er hat ihm gesagt: Du musst den Ausländern zeigen, was du machst.
Später im Auto sagt er auch, es sei sowieso eine gute Werbung, wenn andere Patienten sehen, dass auch eine Ausländerin hier in der Mongolei zu einer fernöstlichen Behandlung geht. Die denken, die Europäer haben das Nonplusultra an Medizin; und wenn sie dann sehen, selbst die kommen hier her zu diesem Arzt, ist das eine super Werbung. Otgoo, dieser Fuchs.

Auch jetzt noch, fast 4 Stunden danach, ist mein Rücken heiß. Und ich muss viele Dinge googlen. Knochenmassage, Chakren, fernöstliche Heilkunst, und den Namen Sosorbaram Khurelbaatar.



5. März
Ich steige ins Auto ein, und Otgoo sieht sofort, dass ich meine Haare gewaschen habe. Ja, gebe ich zu; aber nicht geduscht, nur kopfüber über den Badewannenrand gehalten. Ich soll das lieber nicht machen, das ist besser für die Behandlung. Das wusste ich nicht, aber 5 Tage nicht Haare waschen (plus 3 Tage seit der letzten Haarwäsche) wäre dann doch auch wirklich zu weit gegangen.

In der zweiten Behandlungsstunde gehen wir nicht erst ins Büro, sondern direkt ins Behandlungszimmer, und Otgoo geht den Arzt holen. Alarm, Alarm, die Deutsche ist da und natürlich als erstes dran. Ich kann immer hören, wenn Otgoo von mir redet, weil er dann irgendwas mit „German“ sagt, so heißt das nämlich auch auf mongolisch.
Heute tut die Schläfenmassage am Kopf viel weniger weg, dafür kann ich die Schultermassage kaum aushalten. Ich habe sowieso so eine Art Muskelkater, und der wird jetzt nochmal ordentlichst geknetet. Dann geht es wieder auf die Liege, auch hier tut es irgendwie fast noch mehr weh als gestern.

Bevor ich geschröpft werde, müssen erst frische Kolben geliefert werden, ich muss kurz warten und beobachte auf der Liege den Raum. Ein krasser Behandlungsraum. Der Fernseher läuft und ballert irgendwelchen stressigen Müll auf uns. Heute sind auch mehrere kleine Kinder da. Die finden die ganze Behandlung nicht so toll und weinen ganz erbärmlich. Irgendjemand rülpst die ganze Zeit sehr laut und ziemlich eklig, und außer mir hat auch niemand sein Handy ausgemacht. Ungeniert nimmt man hier Anrufe entgegen. Die zentrale Heilstätte für Alles stört sich nicht an solchen weltlichen Kinkerlitzchen. Otgoo macht Fotos.



Erst auf den Fotos sehe ich später, wie das mit dem Schröpfen hier funktioniert; ein brennendes Stück Zeitung wird in den Kolben getan und bleibt auch da, wenn sie aufgesetzt werden. Das hatte ich nicht bemerkt. Meine Google-Nachforschungen hatten ergeben, dass beim trockenen Schröpfen (bei dem kein Blut fließt) normalerweise Äther angezündet wird. Naja, es scheint auch so zu gehen. Außerdem habe ich riesige rote Striemen auf dem Rücken, die waren da heute morgen noch nicht. Das ist also das Resultat der Knochenmassage. Kein Wunder, dass das weh getan hat.
Ich kann mich nicht so richtig entscheiden, ob die Glaskolben auf dem Rücken ein angenehmes oder ein unangenehmes Gefühl verursachen. Irgendwie ist es – angenehm unangenehm.


Als ich fertig bin, gehen wir nochmal kurz ins Arztbüro. Statt Wodkaflasche steht heute ein qualmender Aschenbecher auf dem Schreibtisch. Es folgt das Handauflegen im Stehen, bei dem ich gestern in den Sessel gefallen bin. Heute schaffe ich es, stehen zu bleiben, auch als ich nach hinten gekippt werde. Dann kriege ich ein OK-Zeichen vom Arzt, meinen Chakren geht es heute schon besser. Danke und bis morgen.


6. März
Die dritte Behandlung beim Doktor steht an. Seit gestern knackt mein Nacken, wenn ich den Kopf drehe. Ich weiß nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen ist, oder ob es überhaupt ein Zeichen ist. Aber es irritiert mich, ich hoffe, dass es nach der Behandlung weg ist.

Auf der Fahrt sprechen wir über den geplanten Ausflug für morgen, zu den Przewalskis. Otgoos Freundin wird mitkommen sowie noch zwei Männer, ich nehme an Kameramänner. Wir sollen anfangen mit dem Dokumentargefilme. Otgoo redet begeistert davon, dass sie erstmal einen Dokumentarfilm für den mongolischen Sender machen werden. Über mich. Sie filmen mich einfach, ich soll einfach sagen was ich sehe und wie ich mich dabei fühle, und dann schneiden sie was daraus zurecht. Ohne Übersetzung. 40 Minuten Doku über mich, wie ich Pferde anschauen gehe; ich glaube es erst, wenn ich es wirklich im Fernsehen sehe, aber mittlerweile fürchte ich, dass alles geschehen könnte.

Dann sitze ich wieder auf dem Hocker, und der Arzt drückt mich an sich. Es ist wirklich keine schöne Behandlung. Die Schultern tun weniger weh als die letzten Male, aber dann drückt er auf einem fiesen Punkt im Nacken herum, und ich möchte am liebsten aufstehen und weggehen. Dabei unterhält er sich mit Otgoo, auch über mich („German“), aber ich bekomme keine Übersetzung. Mein Kopf liegt eingeklemmt in seinem Arm, relax relax, das will mir aber nicht richtig gelingen. Er ruckelt ihn zurecht, es knackt laut, und ich denke, der kennt bestimmt auch die richtigen Moves, um mir im Vorbeigehen das Genick zu brechen. Ob das wohl auch manchmal aus Versehen passiert? Selbst beim Zahnarzt meines Vertrauens fühle ich mich immer seltsam wohl, auch dann, wenn ich mit offenem Mund auf seinem Stuhl liege, aber hier bleibt es auch beim dritten Mal eher unheimlich, und ich bin froh, als ich mich auf die Liege legen soll.

Auf der Liege geht es heute besser, die Massage ist nicht mehr ganz so schmerzhaft. Aber am Ende reißt er wieder an meinen Ohren, und das tut wirklich weh.

Bevor es mit den Gläsern weitergeht, muss ich warten. Ich sitze auf einer Bank direkt neben der Liege, der Arzt massiert eine andere Patientin. Der tut das alles unglaublich weh, sie jammert die ganze Zeit. Der Arzt unterhält sich währenddessen mit Otgoo über mich. Er sagt, er kann eine Veränderung in meinem Gesicht sehen. Ich habe schon abgenommen. Wir haben uns vorgestern kennen gelernt.

Die Behandlung darf möglichst nicht unterbrochen werden, deshalb kommen wir auch morgen, bevor wir zu den Wildpferden fahren. Otgoo hat die fabelhafte Idee, dass er dann morgen auch gleich meine ganze Behandlung filmen kann. Ist das OK? Jetzt ziehe ich die Bremse, das will ich wirklich nicht. Lieber nicht, sage ich und fühle mich wie ein kleines Versuchskaninchen, dessen Reaktionen getestet und dokumentiert werden sollen.

Dann ist eine Liege frei, ich lege mich hin. An meinem Fußende sitzt jemand und wartet auf seine eigene Behandlung, das Zimmer ist heute noch voller als sonst. Die Frau, die mir die Gläser aufsetzt, ist seit drei Tagen dieselbe, bei ihr fühle ich mich sicher, auch wenn sie kein Wort Deutsch oder Englisch kann und eigentlich nie etwas zu mir sagt. Eine zweite Person setzt sich auf das Fußende meiner Liege, er oder sie sitzt halb auf meinem Fuß.

Als ich fertig bin und zum wartenden Otgoo zurückkomme, sagt er, er kann auch nur eine CD für mich machen, ohne Fernsehen, nicht für die Dokumentation. Als Erinnerung für mich. Aber ich möchte trotzdem nicht. Und dass ich das ganze hier vergesse, ist sowieso ausgeschlossen.

Danach folgt wieder der obligatorische Bürobesuch, bei dem ich mit geschlossenen Augen gegen die Hand des Doktors lehnen muss. „Very good“ lautet das heutige Urteil, und er wiederholt, was er vorhin schon gesagt hat: Ich habe schon abgenommen, er kann es in meinem Gesicht sehen. Das stimmt vielleicht sogar, mir kommt es auch so vor. Allerdings esse ich extrem wenig, seit ich hier bin. Stressbedingte Appetitlosigkeit lautet meine Selbstdiagnose, und ich sehe durchaus Zusammenhänge zwischen nicht essen und abnehmen.

Wir fahren nach Hause. Heute mit dem Geländewagen vom Arzt, einem riesigen Toyota Landcruiser. Er hat Otgoo die Schlüssel gegeben, weil er nicht möchte, dass das Auto bei den Temperaturen lange draußen herumsteht. Das sind wohl Gefallen unter Freunden.




7. März, 4. Behandlung
Heute ist Sonntag, bekanntlich ist das kein Grund für Ärzte, nicht zu arbeiten. Vor allem in einem so dringenden Fall wie meinem.
Uyangas Mutter war die letzten Tage krank, sie hatte starke Halsschmerzen und es ging ihr nicht gut. Otgoo erzählt, der Arzt hat gestern einen Hausbesuch gemacht (ich war nicht zu Hause). Er hat ihr nur ein paar Tropfen Blut vom Ohr abgenommen, und jetzt ist sie gesund. Komisch, oder!?? Das ist wie Magie!

Heute gibt es keine Schröpfgläser für mich, damit machen wir jetzt Pause. Nur Massage. Während ich gestern bei der Schulter- und Nackenmassage am liebsten weggelaufen wäre, weil es so weh tat und ich mir so ausgeliefert vorkam, ist es heute ganz ok. Angenehm ist was anderes, aber ich kann es gut aushalten, ein schmerzverzerrtes Gesicht bleibt heute zum ersten Mal aus. Auch auf der Liege, als Rücken und Beine dran sind, ist es ok. Im Arztbüro bekomme ich heute russische Bonbons und eine Tafel Schokolade geschenkt, und der Arzt erkundigt sich, wo ich herkomme. Er selbst war schon mal 4 Wochen in Nürnberg und fand es schrecklich langweilig. Er zeigt auf ein Gipsskelett, das im Raum steht. Auf den Kollegen musste er damals drei Wochen warten.

Wir steigen wieder ins Auto ein und starten unseren Steppentrip. Otgoo sagt, das wir morgen zur fünften Behandlung gehen und dann warten wir 10 Tage oder zwei Wochen, und dann machen wir noch fünf Behandlungen.
Ich kann noch mich nicht so richtig darüber freuen.



8. März
Heute früh war ich zur (vorerst) letzten Knochenmassage-Behandlung, Schröpfen fiel wieder aus. Es waren mindestens 40 Personen in dem Raum, der so groß ist wie ein Schulzimmer. Ich habe gezählt.

Bis auf die Übergewichts-Stelle am Rücken (...) tut das Massieren nicht mehr schrecklich weh, extrem unangenehm bleiben das Fußumknicken und das Ohrenreißen. Ich bin aber, so der Doktor, ganz fit, man merkt, dass ich Sport mache, und vor allem mein Rücken knackt immer in so vielen verschiedenen Tönen, dass es klingt als springen 15 Wirbel gleichzeitig in Position. Das passiert, wenn ich in einer Art stabilen Seitenlage liege. Dann zieht er meine Schulter nach vorne und drückt meine Hüfte nach hinten, er wringt mich quasi einmal ordentlich aus, und das Geräusch ist wirklich krass.

Im Büro, bei der Chakren-Abtastung, kriege ich heute eine konkrete Zukunftsprognose. Er sagt, er hat das Gefühl, ich werde drei Kinder bekommen. Zwei Jungen und ein Mädchen. Das erste kommt in zwei Jahren. Und er möchte zu meiner Hochzeit eingeladen werden. Kein Problem, sage ich.
Vorher werden wir uns aber wahrscheinlich sowieso bald wiedersehen, denn nach 10 Tagen soll es weitergehen mit noch einmal 5 Behandlungen.




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Ja, so war das alles.
Und wie fühle ich mich heute? Das hat Otgoo jeden Tag gefragt. Außer dass am ersten Tag mein Rücken extrem warm war und mein Nacken bis heute knackt, kann ich noch nicht so richtig was feststellen. Mein Rücken ist sicher entspannter als vorher. Aber mehr fließende Energien, die Fähigkeit, plötzlich Bäume auszureißen oder irgendwas in der Art kann ich nicht beobachten.

Vielleicht klingt es manchmal, als mache ich mich sehr darüber lustig. Das will ich gar nicht. Ich glaube schon, dass da auch einiges dran ist, an solchen Heilmethoden - wenn ich das mit dem Aids heilen auch stark anzweifeln möchte.
Aber wer weiß wofür es gut ist. Ein bisschen Chakren stärken kann nicht schaden. Und interkulturellere Erfahrungen kann ich wohl kaum machen. Ich werde also noch einmal 5 Tage hingehen.

3 Kommentare:

  1. Hi Inchen,
    hört sich super an, vor allem die Prognose mit dem Übergewicht. Auch cool, daß er gleich sieht, daß Du innerhalb von 2 Tagen abgenommen hast. Maximaler Gewichtsverlust/Tag sind ca. 300g. Da muss man aber 100% fasten alles andere sind Wasserverschiebungen.
    Der Typ sieht absolut geil aus, v.a. die Zigarette und wie er verwegen in die Kamera schaut.Der kann sicher so Tricks wie im Vorbeigehen Genickumdrehen. Damit hat der sich wahrscheinlich sein Studium finanziert;). Was ich aber wirklich super finde, ist die Tatsache, daß er dir richtig Schmerzen beifügen kann/will/muss. Stell ich mir toll vor bei einem impertinenten Patienten einfach mal schnell ein Ohrwaschelreißen durchzuführen, villeicht hilfts ja. Daß deine Chakren richtig in Schwung gekommen sind merkt man aber sofort, dein Schreibefluss nimmt enorm zu.Das muss das mit den Fingerknacken gewesen sein.
    Viele Grüße
    Max

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  2. Hey Ina....bin grad bei deinen fernöstlichen Heilmethoden-Naherfahrungen angelangt und finde es schon interessant, dass meine Mutter mir gerade dieses Wochenende erzählt hat, dass sie bei einer "Heilerin" aus Kasachstan war, weil ihr kein Arzt bei ihrem Fersensporn richtig helfen konnte. Und dann musste sie sich auch so einer "Knochenmassage" unterziehen (und das hier in Deutschland) Scheinbar ist das verbreite Methode mit dem Ohren- und Haareziehen. Nur das mit dem Nackenknacken im Nachhinein hört sich bei dir nicht so gut an... Aber witzig, dass du bald Kinder bekommst. Kannst ja jetzt schon mal anfangen dir Namen zu überlegen...ist ja nicht mehr lang bis es soweit ist ;o)

    Halt die Ohren steif und lass dich nicht zu sehr verbiegen *g*

    liebe Grüße
    Anika

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