Montag, 19. April 2010

Stadt -

Ich fühle mich wie nach einer Woche Entspannungsurlaub.
Ich habe genau das gemacht, was ich mir am Montag vorgenommen habe; nämlich fast gar nichts. Ich bin in der Steppe rumgelaufen, und dann bin ich nach Hause gegangen und habe die Tür zu gemacht und ausgeschlafen.


Aber erstmal, gestatten: Das ist Darkhan.


Und da liegt Darkhan:


Das süße kleine Darkhan. Zweitgrößte Stadt, oder meinetwegen auch drittgrößte; darüber streiten sie sich wohl mit Erdenet. Auf jeden Fall ist es für mein Empfinden mehr ein Kuhdorf als eine Stadt, und wie gesagt - das war toll, endlich mal wieder in einem Kuhdorf zu sein, und raus zu können, und nicht umzingelt zu sein und einen mickrigen Spaziergang mit Taxi und Bus und Schlachtplan erstmal umständlich austüfteln zu müssen.

Darkhan ist erst 50 Jahre alt, eine Industriestadt eigentlich, die Anfang der 60er mit Hilfe der Sowjetunion quasi aus dem Boden gestampft wurde. Darkhan bedeutet wörtlich Schmied - damit sei die Aufgabe der Stadt grob umrissen.
Zur russischen Grenze sind es nur noch etwa 150 Kilometer, und in der Sowjetzeit haben hier auch viele Russen gelebt. Wohl auch daher kommt das Interesse an Russisch.


Jeden Tag hatte ich natürlich auch Unterricht in der russischen Schule. Russische Schule heißt, die Kinder werden dort in allen Fächern auf Russisch unterrichtet, es ist aber eine mongolische Schule und die Muttersprache der Kinder ist monglisch.


Ich hatte jeden Tag zwei Stunden, was wenig anstrengend war und mich in meinem Nichtstun und von UB erholen nicht sehr beeinträchtigt hat. Batsukh, der Direktor und Deutschlehrer, hat mich am Montag einfach in den Klassenraum geschoben, hat zu den Kindern gesagt - so, das ist für diese Woche eure Lehrerin, und ist wieder rausgegangen.
Die Kinder waren cool, eine ganz seltsame Mischung zwischen Flohzirkus und strammer Disziplin. Kaum klingelte die Glocke (das passiert, wenn eine Lehrerin im Vorzimmer den Stecker der Klingelglocke kurz an die Steckdose hält), standen die Kinder in Hab-acht-Stellung hinter ihren Tischen, warteten auf meinen Gruss, brüllten mir dann gemeinsam ihre Antwort entgegen (Guten-Morgen-Frau-Katharina!!!) und setzten sich nicht eher hin, als bis ich es ausdrücklich erlaubt hatte.
Dann waren sie allerdings wieder ganz normale wilde Kinder, die wild rumquäken und quatschen, dazwischenrufen, ständig Plätze tauschen und schwerer als der sprichwörtliche Sack Flöhe zu hüten sind.

Ich hatte Unterricht in der 5. und der 7. Klasse. Eine 6. Klasse gibt es nicht. Konversation soll ich machen, hiess es. Weil ich (obwohl ich mehrmals gefragt hatte) nicht wirklich wusste, was ich mit den Kindern machen kann - was sie schon können, was sie grade für ein Thema haben, mit was für einem Buch sie arbeiten - , und noch dazu weil ich ja überhaupt keine Erfahrungen oder irgendeine Einschätzung über den Unterricht mit Kindern habe, habe ich zumindest die 5. Klasse dann auch abwechselnd über- und unterfordert, glaube ich. Aber ich denke, sie haben es mir nicht übel genommen, und es war alles in allem trotzdem ganz ok. Und mit der 7. konnte man wirklich schon viel machen.
Überhaupt hat es viel Spass gemacht, die Kinder waren sehr offen und überhaupt nicht ängstlich. Was vielleicht auch daran liegt, dass sie mit Fremdsprachen aufwachsen, indem sie eben von der 1. Klasse an auf russisch unterrichtet werden. Sich in eine Sprache einfühlen und ohne Scheu einfach darin kommunizieren, soweit es eben geht, damit haben sie kein Problem, und das merkt man ihnen an.

Die Schule wächst quasi mit ihren Schülern. Die 7. Klasse ist die Älteste, das ist der erste Jahrgang, der damals in der Schule angefangen hat. Nächstes Jahr, ab der 8. Klasse, lernen sie zusätzlich noch Englisch. Und natürlich gibt's auch Mongolisch-Unterricht. Wenn sie dann abgehen, sind die Kinder richtige Sprachprofis.
Ausserdem profitieren sie sehr von der Grösse der Schule, bzw von der Kleinheit. Hier hat eine Klasse 12 oder 15 Schüler. Das ist ein unglaublicher Luxus gegenüber den normalen Schulen, in denen bis zu 60 Kinder in einer Klasse sind.
Aber natürlich kostet dieser Luxus auch Schulgebühren.

5. Klasse...

... und 7. Klasse

Gewohnt habe ich ungefähr 1 Minute von der Schule entfernt, in einem Lehrer-Wohnheim - oder besser gesagt, einer Lehrer-WG. Ausser mir waren da noch 5 andere Lehrerinnen. Alles Russinnen, die kein Englisch konnten, und da ich kein Wort Russisch konnte, gab es eigentlich keine Kommunikation. Aber das war auch ok, ich war ja quasi in meinem Alleinsein-Nichtstun-Urlaub und äusserst zufrieden, wenn ich alleine sein und nichts tun konnte.

Und rumlaufen.
Meine erste Einschätzung, dass in der Steppe gar nichts ist, hat sich ein wenig relativiert. In der Nähe der Stadt gibt es erstmal überall Müll, wahre Müllhalden. Irgendwo gibt es auch eine "richtige" Müllhalde, und von da fliegt einfach viel Zeug rum, vom Winde verweht. Und dann bringen die Leute anscheinend auch ihre Säcke einfach hinter den nächsten Hügel, wo die Kühe drin rumfressen und alles ordentlich verteilen, bis wieder der Wind kommt und es weiter verteilt. Um Darkhan rum gibt es also erstmal überall einen mehrere hundert Meter breiten, mehr oder weniger intensiven Müllgürtel.


Außerdem gibt's überall tote Tiere, Tierteile, Knochen, Hufe, Hörner und Zähne. In meinen aktiven Zeiten als Knochensammlerin und Tierarchäologin hätte ich wahrscheinlich gar nicht gewusst, wo ich anfangen soll. Aber bei dem Übermaß hier erübrigt sich das schnell.
Einerseits sind das noch Reste von erfrorenen Tieren, die immernoch überall in der Steppe, neben der Straße und sonstwo rumliegen, mittlerweile halb verwest, halb gefressen und halb immernoch gefroren. Die Hunde tragen es rum.
Außerdem scheint es Usus zu sein, Reste von Fleischmahlzeiten aus dem Fenster zu werfen. Vor den Häusern und Wohnung ist auch alles voll damit. Einerseits könnte das auch für die Hunde gedacht sein. Andererseits gibt es wohl auch den Brauch, bestimmte Knochen (Schulterknochen) nach dem Essen sofort aus dem Haus zu verbannen und möglichst vorher auch schon kaputt zu brechen. Es könnte also auch sein, dass man sich einfach auf dem schnellsten Wege, nämlich per aus-dem-Fenster-werfen seiner bösen Geister entledigt.

Und, was es auch immer und überall zu geben scheint: Strommasten.

Hat man den Müllgürtel aber erstmal überquert, liegt vor einem: endlose, leere Steppe. Hügel. Hinter dem Hügel: Steppe. Und ganz hinten: Berge. Ab und zu eine Herde, oder eine Reifenspur.




Noch ist alles braun und verdorrt und trocken und braun. Aber wenn der Frühling loslegt und dann der Sommer kommt, dann wird die ganze Landschaft grün sein. Oh, oh, wie schön.


Auch in Darkhan selber bin ich viel rumgelaufen. Dort gibt es: Ein Museum für Stadtgeschichte, in dem extra für mich erst das Licht angeschaltet wurde denn man rechnet nicht oft mit Besuchern. Allerdings gabs dafür eine Führung auf Englisch nur für mich, von einem freundlichen jungen Mongolen, der alle meine Fragen beantworten konnte. Das war cool.

Außerdem gibt es: eine Buddha-Statue auf einem Hügel, von wo aus man einen schönen Blick nach Westen hat.

Und es gibt: ein Denkmal für die mongolische Pferdekopfgeige, Morin Khuur, erst drei Jahre alt und der neueste Stolz der Stadt.


Die Pferdekopfgeige ist neben der Jurte eins der wichtigsten Nationalsymbole und überall präsent, besonders natürlich in den Souvenirshops. Sie hat zwei Saiten, die aus jeweils einem Strang Schweifhaare bestehen, und am Halsende einen geschnitzten Pferdekopf.

Über ihre Entstehung gibt es ganz viele verschiedene Geschichten und Legenden. Aber immer geht es irgendwie um einen Mann (Fürst, Soldat, Hirt...), der ein Zauberpferd hatte, was fliegen konnte (zur Geliebten, zur vermissten Heimat...). Und irgendwie kommt dieses Pferd um (durch Unachtsamkeit, durch eine eifersüchtige Ehefrau...), und der Mann baut sich zum Trost aus den Knochen und Schweifhaaren des toten Zauberpferdes eine Geige - um seine Trauer besingen oder die schönen, verloren gegangenen Stunden wieder aufleben lassen zu können.


Und letztendlich bin ich dann doch auch zwei Mal aus Darkhan rausgekommen und habe Ausflüge noch weiter in den Norden gemacht. Zu Kamelen und Salzseen und Mutterbäumen und der russischen Grenze, und Ziegenbabys und Picknicken und dem schönsten Fluss der Welt, der immernoch zu 3/4 zugefroren ist.
Aber darüber gibt's einen eigenen Bericht.

Mehr Fotos von Darkhan gibt's bei Flickr und hier in der Diashow.
Übrigens: Ich empfehle, in der Diashow oben rechts auf "Info anzeigen" zu klicken, denn dann steht da, wie das Foto heißt. Vielleicht interessiert euch ja, was ihr da eigentlich genau anguckt.

Zurück aus Darkhan


Darkhan - MyVideo

Das waren meine Montagsgrüße an euch.
Was ich wirklich gemacht hab, erzähl ich morgen.

Samstag, 10. April 2010

Darkhan

Internet zuhause ist kaputt, und ich schreibe aus der Uni, deshalb gibts heute kein picture of the day. Und naechste Woche auch nicht, denn morgen fahre ich fuer eine Woche nach Darkhan an die russische Schule. Juchuuu, ich freufreufreu mich. Wahrscheinlich fahre ich mit dem Zug - das heisst mit der transmongolischen Eisenbahn! Auch wenn es nur ein kleines Stueck ist.

Heute abend steht schon wieder eine Feier mit dem Lehrstuhl an. Die vierte, seit ich hier bin. Gruende zu feiern werden genug gefunden, letzten Samstag war es die Nachfeier zum Maennertag, der am 18. Maerz war; und heute ist es die Wohnungseinweihungsfeier von Mukhuubagscha, dem einzigen maennlichen mongolischen Lehrer unseres Lehrstuhls.
Deshalb bleibe ich extra noch einen Tag laenger hier, anstatt heute abend mit dem Direktor der Schule schon nach Darkhan zu fahren. Der ist naemlich mit ein paar seiner Schueler hier, weil heute eine Deutscholympiade stattfindet. So richtig hab ich noch nicht verstanden, wie das funktioniert. Es ist wohl eine Art Test oder Pruefung, und der Sieger gewinnt glaube ich einen Sommerferiensprachkurs in Deutschland. Inklusive Flug und Visaformalitaeten. Aber das gehe ich mir jetzt gleich mal genauer ansehen.

Ja, jedenfalls moechte ich die Feier auf keinen Fall verpassen und fahre deshalb nach. Denn was mich bei solchen Zusammentreffen immer wirklich fasziniert, ist die Art, wie ganz einfach und ohne grossen „Aufwand“ oder irgendeine Art von Peinlichkeit immer eine wirklich schoene, intensive und besondere Stimmung entsteht. Das liegt zum einen an der offenen Art der Mongolen, ohne Scheu schoene Dinge zu sagen. Wo einem in Deutschland eine peinliche, langatmige und ueberfluessige Tischrede begegnet, ist es hier einfach anders. Die Menschen reagieren ganz anders als bei uns. Und singen gehoert wirklich immer dazu, ob in einer grossen Runde oder bei den Lehrstuhlfeiern, wo wir nur 6 oder 7 sind. Wenn jemand hier ein Lied anstimmt, bleibt er damit nicht alleine, sondern die anderen stimmen ein und gemeinsam wird das Lied beendet. Naraabagscha, die Professorin an meinem Lehrstuhl, hat es ganz gut ausgedrueckt. Wenn du in Deutschland allein ein Lied anfaengst, musst du es auch alleine zuende bringen. Hier holen dich die Menschen darin ab.
Oder: Gedichte. Letzte Woche entstand ploetzlich eine Situation, in der wir Gedichte laut gelesen haben. Die gab es fuer die Maenner als Geschenk zum Maennertag. Und auf einmal war wieder eine ganz andere Stimmung da. Vodka, literweise Dosenbier und Kekse gab es auch dazu. Aber wo es bei uns dann eher zotig, laut und lustig wird, wird man hier... hm, mehr anhaenglich und froh, in der Gemeinschaft zu sein.
Das Nomadenvolk, habe ich darueber gelesen, hat von Weite mehr als genug und braucht stattdessen Naehe. Deshalb ist zum Beispiel eng zusammen wohnen, in der Jurte oder zu viert in der 2-Zimmer-Wohnung, kein Problem.

Ja, ich freue mich also auf einen schoenen Abend heute, und die Reise nach Darkhan morgen, und auf Darkhan naechste Woche.

Leicht getruebt wird die Freude nur durch die Tatsache, dass ich heute morgen ein Stueck Backenzahn verloren habe. Ich habe ihn mir mit Zahnseide weggesprengt. Und bin nicht wenig irritiert darueber, dachte ich doch, Zahnschmelz ist der haerteste Bestandteil des menschlichen Koerpers und nur mit Hammer und Meissel zu beseitigen. Aber wahrscheinlich muss ich einfach hinnehmen, dass auch mein Koerper mit dem Alter marode wird und einfach zerfaellt.
Zur Sicherheit nehme ich jetzt jedenfalls meine bisher ueberfluessige Notfallapotheke und meine Auslandskrankenversicherungspolice mit nach Darkhan. Wer weiss, ob ich nicht beim naechsten Mal Zaehne putzen einen Nerv freilege.

Freitag, 9. April 2010

Picture of the day


für Ulli ;)

Donnerstag, 8. April 2010

Picture of the day


Hier wohnt jemand unter einem Gullideckel.

Die Gullideckel sind meistens offen. Manchmal ist eigentlich gar nichts drunter, nur so 40 Zentimeter und dann kommt der Boden.
Manchmal steht aber auch ne kleine Metall-Leiter drin. Dann klettern hier nachts die Obdachlosen zum schlafen rein.
Und hier konnte man beim vorbeigehen direkt auf ein gemütliches Bett gucken. Mit Katze.
20 Meter weiter war ein Kinderspielplatz, 100 Meter weiter liegt das größte Kaufhaus der Stadt. Mittendrin.
Ich komm da nicht drüber weg, wie nah hier alles beieinander ist.

Mittwoch, 7. April 2010

Dienstag, 6. April 2010